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Anna Netrebko im Interview : Es braucht einen starken Körper

Anna Netrebko Bild: Kristian Schuller / DG

Ein Gespräch mit Anna Netrebko über den Wandel ihrer Stimme, das Sterben auf der Bühne - und warum sie nie in Bayreuth auftreten und Wagner singen wird.

          Frau Netrebko, Sie haben sich schon wieder etwas Neues vorgenommen, Boito, Catalani, Puccini. Als ich Sie das letzte Mal traf, erklärten Sie mir, Sie hätten einfach keine Lust, sich zu wiederholen.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Genau. Stimmt immer noch.

          Das ist jetzt sieben Jahre her. Damals sangen Sie die „Yolanthe“ von Peter Tschaikowsky, dramatisches Charakterfach. Inzwischen haben Sie sich vorgearbeitet bis zu Richard Wagner. Neulich sangen Sie Elsa in „Lohengrin“. 2018 treten Sie erstmals bei den Bayreuther Festspielen auf.

          Nein. Das heißt: Wir sind noch im Gespräch.

          Ach, da werden die Wagnerfans aber traurig sein. Das war doch schon offiziell bekannt gegeben worden. Sie wollen wirklich nicht in Bayreuth singen?

          Ich muss noch darüber nachdenken, es ist nichts unterschrieben. Jetzt verrate ich Ihnen ein Geheimnis: Ich kann keinen deutschen Text memorieren. Mein Gehirn ist vielleicht doch zu russisch organisiert, es ist dazu einfach nicht in der Lage. Französisch, Italienisch, das kann ich alles singen, aber deutsche Texte sind zu schwer für mich. „Einsam in trüben Tagen“, okay, bis dahin. Silenzio, Schluss, wie es weitergeht, kann ich mir nicht merken. Ich bekam einen Teleprompter für die Elsa in Dresden. Christian Thielemann hatte es mir eingebleut, dass es auf die Worte ankommt. Er sagte, er wolle keine musikalischen Linien von mir hören, er wolle Tttexssssttt hören! Vokale! Konsonanten! Elsa war wirklich hart. Jetzt singe ich erst einmal Puccini.

          Ihre Stimme hat sich weiterentwickelt in den letzten Jahren. Sie erobern sich immer neue Rollen. Aber trotzdem darf man nicht sagen, dass Sie das Stimmfach wechseln?

          Nein. Ich lerne neue Partien, das stimmt. Aber ich komme immer wieder zurück zu einigen meiner alten Rollen, von Zeit zu Zeit. „Traviata“, zum Beispiel. Nur, dass ich eine Rolle nie zweimal gleich machen kann. Routine ist unmöglich. Wenn ich merke, dass ich mich wiederhole, bedeutet es, dass ich etwas verloren habe. Dann höre ich damit auf. Ich habe schon Engagements deshalb absagen müssen. Und ich versuche es dann ein andermal wieder neu, in der nächsten oder übernächsten Saison.

          Vielleicht kommen Sie ja doch noch mal auf Elsa zurück. Hoffentlich. Und wer weiß, wenn Ihnen Elsa langweilig wird: Auch zur Holländer-Senta hätten Sie mittlerweile alle Möglichkeiten. Danach die Meistersinger-Eva, dann Isolde...

          Sechs Stunden deutsch singen! Nein, ich glaube wirklich nicht, dass ich den Wagner-Weg weitergehen will. Lieber gehe ich den Strauss-Weg. Ich habe mit Daniel Barenboim die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss gesungen, schwer, aber wunderbar, es liegt extrem gut für meine Stimme. Es gibt etliche Strauss-Rollen, die ich lernen möchte. Und es gibt auch schon Anfragen dazu, von den Theatern. Sie warten auf Antwort, ich muss mich zurzeit mit diesen Partien auseinandersetzen.

          Zum Beispiel?

          Mit „Ariadne“, mit „Salome“. Den „Rosenkavalier“ habe ich schon abgelehnt. Die Marschallin kann ich nicht leiden. Die Ansichten dieser Frau, ihr Charakter, das alles interessiert mich nicht. Sie fragt sich laufend: Bin ich noch schön? Bin ich zu alt? Was sagt mein junger Liebhaber? Ich verstehe diese Attitüde nicht. Eigentlich ist ja die Marschallin, laut Hugo von Hofmannsthal, noch jung, erst Anfang oder Mitte dreißig. Aber sie redet schon so wahnsinnig langweilig daher! Stellen Sie sich vor, wie unendlich öde sie erst sein wird, wenn sie eines Tages wirklich fünfundvierzig ist und auf die fünfzig zugeht.

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