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Veröffentlicht: 07.08.2016, 12:50 Uhr

Anna Netrebko im Interview Es braucht einen starken Körper

Ein Gespräch mit Anna Netrebko über den Wandel ihrer Stimme, das Sterben auf der Bühne - und warum sie nie in Bayreuth auftreten und Wagner singen wird.

von
© Kristian Schuller / DG Anna Netrebko

Frau Netrebko, Sie haben sich schon wieder etwas Neues vorgenommen, Boito, Catalani, Puccini. Als ich Sie das letzte Mal traf, erklärten Sie mir, Sie hätten einfach keine Lust, sich zu wiederholen.

Eleonore Büning Folgen:

Genau. Stimmt immer noch.

Das ist jetzt sieben Jahre her. Damals sangen Sie die „Yolanthe“ von Peter Tschaikowsky, dramatisches Charakterfach. Inzwischen haben Sie sich vorgearbeitet bis zu Richard Wagner. Neulich sangen Sie Elsa in „Lohengrin“. 2018 treten Sie erstmals bei den Bayreuther Festspielen auf.

Nein. Das heißt: Wir sind noch im Gespräch.

Ach, da werden die Wagnerfans aber traurig sein. Das war doch schon offiziell bekannt gegeben worden. Sie wollen wirklich nicht in Bayreuth singen?

Ich muss noch darüber nachdenken, es ist nichts unterschrieben. Jetzt verrate ich Ihnen ein Geheimnis: Ich kann keinen deutschen Text memorieren. Mein Gehirn ist vielleicht doch zu russisch organisiert, es ist dazu einfach nicht in der Lage. Französisch, Italienisch, das kann ich alles singen, aber deutsche Texte sind zu schwer für mich. „Einsam in trüben Tagen“, okay, bis dahin. Silenzio, Schluss, wie es weitergeht, kann ich mir nicht merken. Ich bekam einen Teleprompter für die Elsa in Dresden. Christian Thielemann hatte es mir eingebleut, dass es auf die Worte ankommt. Er sagte, er wolle keine musikalischen Linien von mir hören, er wolle Tttexssssttt hören! Vokale! Konsonanten! Elsa war wirklich hart. Jetzt singe ich erst einmal Puccini.

Ihre Stimme hat sich weiterentwickelt in den letzten Jahren. Sie erobern sich immer neue Rollen. Aber trotzdem darf man nicht sagen, dass Sie das Stimmfach wechseln?

Nein. Ich lerne neue Partien, das stimmt. Aber ich komme immer wieder zurück zu einigen meiner alten Rollen, von Zeit zu Zeit. „Traviata“, zum Beispiel. Nur, dass ich eine Rolle nie zweimal gleich machen kann. Routine ist unmöglich. Wenn ich merke, dass ich mich wiederhole, bedeutet es, dass ich etwas verloren habe. Dann höre ich damit auf. Ich habe schon Engagements deshalb absagen müssen. Und ich versuche es dann ein andermal wieder neu, in der nächsten oder übernächsten Saison.

Vielleicht kommen Sie ja doch noch mal auf Elsa zurück. Hoffentlich. Und wer weiß, wenn Ihnen Elsa langweilig wird: Auch zur Holländer-Senta hätten Sie mittlerweile alle Möglichkeiten. Danach die Meistersinger-Eva, dann Isolde...

Sechs Stunden deutsch singen! Nein, ich glaube wirklich nicht, dass ich den Wagner-Weg weitergehen will. Lieber gehe ich den Strauss-Weg. Ich habe mit Daniel Barenboim die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss gesungen, schwer, aber wunderbar, es liegt extrem gut für meine Stimme. Es gibt etliche Strauss-Rollen, die ich lernen möchte. Und es gibt auch schon Anfragen dazu, von den Theatern. Sie warten auf Antwort, ich muss mich zurzeit mit diesen Partien auseinandersetzen.

Zum Beispiel?

Mit „Ariadne“, mit „Salome“. Den „Rosenkavalier“ habe ich schon abgelehnt. Die Marschallin kann ich nicht leiden. Die Ansichten dieser Frau, ihr Charakter, das alles interessiert mich nicht. Sie fragt sich laufend: Bin ich noch schön? Bin ich zu alt? Was sagt mein junger Liebhaber? Ich verstehe diese Attitüde nicht. Eigentlich ist ja die Marschallin, laut Hugo von Hofmannsthal, noch jung, erst Anfang oder Mitte dreißig. Aber sie redet schon so wahnsinnig langweilig daher! Stellen Sie sich vor, wie unendlich öde sie erst sein wird, wenn sie eines Tages wirklich fünfundvierzig ist und auf die fünfzig zugeht.

Sie treten zurzeit hier in Salzburg auf als junges Mädel von achtzehn Jahren. Die Manon ist überhaupt nicht öde. Sie hat junge Liebhaber, aber auch alte, sofern sie reich sind. Sie wird kriminell, verhaftet, verbannt und stirbt im Elend. „Manon“ von Giacomo Puccini ist Ihre erste Verismo-Oper. Wie realistisch ist Verismo?

Verismo ist wundervoll. Kraftvolle Musik, großes Orchester, starke Emotionen. Aber man sollte so was nicht allzu oft singen. Die Partie ist wirklich wahnsinnig schwer. Man muss eine starke, große Stimme haben, eine tadellose Technik mitbringen, und noch dazu klug sein als Musiker und haushalten, was die Kräfte angeht. Jedes Wort ist wörtlich gemeint. Jede Phrase. Ich muss mir die komplette Partie aufbauen aus Artikulation und Phrasierung. Wenn das nicht gelingt, fängt man an zu schwimmen wie in einem Ozean, und man ertrinkt.

Puccini schrieb die „Manon“ für dramatischen Sopran. Ist eine Verismo-Rolle nicht doch auch ein Stimmfach-Problem?

Ich weiß nicht, was andere Soprane dazu sagen. Aber für mich ist die Manon schwer zu singen, weil sich vieles in mittlerer und tiefer Lage abspielt. Vom Umfang her, über weite Strecken ist das eigentlich eine Mezzosopran-Partie. Und dann geht das plötzlich sehr hoch, mit viel Power. Beides miteinander zu kombinieren, kostet Kraft und Knowhow. Diese Oper ist nichts für eine Anfängerin, aber auch für erfahrene Sängerinnen kann sie gefährlich werden. Ich habe Glück, dass meine Stimme dieses dunkle, mittlere Register hat. Das rettet mich. Aber ich habe zu viel „Manon“ auf meinem Terminplan zurzeit, deshalb habe ich jetzt drei Aufführungen an der Met gecancelt. Ich will meine Stimme nicht ruinieren.

Wie trainieren Sie? Üben Sie täglich?

Nicht jeden Tag. Aber wenn ich aktuell ein neues Stück einstudiere, kommt es vor, dass ich acht Stunden lang täglich proben muss, das kann über mehrere Tage gehen.

Salzburger Festspiele 2016 - Anna Netrebko und Yusif Eyvazov © dpa Vergrößern Anna Netrebko mit Yusif Eyvazov, ihrem Ehemann

Haben Sie einen Korrepetitor? Einen Coach, der Ihre Stimme pflegt und bewacht?

Ja. Seit das losging mit der Veränderung meiner Stimme, arbeite ich daheim in Wien fest mit einem Pianisten zusammen, Daniel Sarge. Er hilft mir, neue Rollen zu lernen. Er korrigiert mich, er kritisiert mich, macht mir Vorschläge. Ich höre mich ja selbst nicht so, wie Sie mich hören. Natürlich lerne ich aus Aufnahmen, die ich von mir mache. Aber ein Coach ist noch mal etwas ganz anderes. Er leiht mir seine Ohren.

In den Verismo-Opern wird viel deklamiert, in der Mittellage. Ist das leichter, als Koloratursingen?

Ja und Nein. Klar, es gibt solche Stellen. Es kommt auf die Deklamation der Worte an. Aber das ist doch eigentlich immer so, auch in den Koloraturpartien bei Bellini oder Donizetti, nur gibt es da außerdem noch die Melodielinie. Virtuose Linien, Schönklang der Stimme sind dabei manchmal wichtiger als das Verständnis jeder einzelnen Phrase. In den Verismo-Opern ist das Problem für den Sänger, dass so viel auf einmal von seiner Stimme verlangt wird.

Die Stimme darf auch hässlich sein, in hässlichen Situationen. Manon verdurstet am Ende in der Wüste. Wie singt man denn so was?

Oper ist immer eine künstliche Welt. Es gibt noch ganz andere Opern, da singen wir weiter, obwohl wir eigentlich schon längst tot sind.

Stimmt. Gilda zum Beispiel, in „Rigoletto“. Erdolcht, ertränkt, und singt weiter. Echt surrealistisch. Aber wie stirbt man auf lebenswahre, veristische Art?

Was glauben Sie denn, wie ich das mache? Ich krieche auf dem Boden herum und singe, das gehört zu meinem Beruf. Der letzte Akt der „Manon Lescaut“ bei Puccini dauert fünfundzwanzig Minuten. Es ist ein Duett, zwei Menschen in der Wüste, ohne Wasser, verzweifelt, verhungert. Manon wird ohnmächtig, da falle ich hin, sie kommt wieder zu sich, also stehe ich auf, dann falle ich noch mal hin, und dann sterbe ich. Und singe die ganze Zeit. Natürlich ist das total surreal. Physisch betrachtet ist es etwas total anderes, in der Wüste zu sterben, als das, was ich da auf der Bühne mache. Niemand könnte das singen, wenn er gerade wirklich am Ende ist und hungert. Offen gesagt, ich glaube nicht an den Mythos dünner Sängerinnen. Eine Manon darzustellen, sind Volumen und Kraft nötig. Man braucht Fundament, einen starken Körper, eine gute Kondition. Singen ist wie ein athletischer Sport. Je größer mein Ton, je höher ich hinausmuss, aber auch je leiser ich singe, desto mehr Resonanz brauche ich und abgesehen davon, Stütze durch das Zwerchfell. Das bewegt sich bis zu fünfzehn Zentimeter auf und ab bei einem starken, hohen Ton. Wäre ich nicht in Form, würde das Sterben der Manon mich durchschütteln, nicht das Publikum.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Sie haben das Sterben der Manon auf Ihr neues Album mit Verismo-Arien gepackt. Den kompletten letzten Akt. Eine Studio-Aufnahme mit Anthony Pappano und Ihrem Tenorpartner Yusif Eyvazov, der auch hier in Salzburg singt.

Ja. Und ich bin übrigens sehr dankbar, dass wir das hier in Salzburg nur konzertant machen. Es ist viel leichter, diese Szene im Stehen zu singen. Ich kann alles mit meiner Stimme gestalten, den Klang der Gefühle, die Verzweiflung, des Ende.

Für Ihr Verismo-Album kombinieren Sie bekannte Opern wie „Pagliacci“ mit unbekannten, wie „La Wally“. Alle Frauen, die Sie darstellen, sterben am Ende. Ziemlich finster.

Eine überlebt: Turandot.

Witzigerweise singen Sie zwei Arien aus Puccinis „Turandot“. Erst die lyrische der kleinen Liú, die sich danach umbringt. Danach die Triumphszene der Turandot. Das sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Zwei verschiedene Stimmfächer, würde ich sagen. Warum?

Weil ich beides singen wollte. Die Arie der Liù ist populär und sie gehört unbedingt in ein Verismo-Programm. Ich singe sie hier für diese Aufnahme zum ersten Mal, nie habe ich Liù auf der Bühne gesungen. Turandot wollte ich singen, weil ich hoffe, dass ich an dieser Figur etwas Neues zeigen kann, was man normalerweise nicht in ihr vermutet. Turandot ist ein erstaunlicher Charakter, sie hat eine Entwicklung hinter sich, bis sie Kalaf trifft. Ich weiß nicht, warum man in ihr immer nur diesen Eisberg sieht, eine Monsterfrau, eine enorme Partie für hochdramatische Soprane. Natürlich ist sie auch ein bisschen ein Monster. Aber ich liebe Monster. Und ich bin definitiv kein großer dramatischer Sopran.

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Eines Tages vielleicht doch. Und wenn Sie dann in Bayreuth die Isolde singen...

Hören Sie mir auf damit. Ich gestehe, ich habe „Tristan und Isolde“ noch nie auf der Bühne erlebt. Ich höre es demnächst zum ersten Mal, mit Nina Stemme, an der Met. Ich freue mich sehr darauf, ich weiß, das ist großartige Musik. Aber ich bin jetzt fünfundvierzig Jahre alt. Ich habe eine mehr als zwanzigjährige Karriere als aktive Sängerin hinter mir. Und ich finde, ich sollte es mir aussuchen dürfen, ob ich mich zwei Monate oder länger in eine Rolle reinschraube und hart arbeite, um etwas zu erobern, was nicht für mich gemacht ist. Oder ob ich lieber mit meiner Familie zwei Monate in Ferien fahre, was auch wundervoll ist. Oder ob ich etwas ganz anderes mache. Drei große neue Rollen kommen jetzt auf mich zu in der nächsten Saison: Aida, Adriana Lecouvreur und die Maddalena in Andrea Chénier. Da habe ich genug zu tun. Auf Aida freue ich mich sehr.

Sie stirbt am Ende.

Natürlich. Und sie ist schwer zu singen, eine etwas langweilige Figur, verglichen mit ihrer Konkurrentin Amneris. Wird spannend sein, die interessant zu machen.

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