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„Rusalka“ eröffnet Frankfurter Opernspielzeit : Dafür war der Dinosaurierknochen aber nicht gedacht

Wo der Saurierknochen als Mistelzweig dient: Rusalka (Amanda Majewski) und ihr Prinz (Zoltàn Nyári). Bild: Barbara Aumüller

Frankfurts Oper beginnt die Spielzeit mutig mit etwas Erborgtem: Jim Lucassen zeigt neuerlich seine Lesart der „Rusalka“, Antonín Dvořáks vorletztem Opernwerk. Sebastian Weigle steht am Dirigentenpult.

          Zwei lieben sich. Echte, tiefe Liebe, wie man hört. Jedes Mal nämlich, wenn das Wort „Liebe“ im Libretto vorkommt, blüht die Musik himmlisch auf, und das Orchester jauchzt und schmettert im sonnenhellsten Fortissimojubeldur. Doch was kann daraus werden, wenn er sie immerfort „mein Märchen“ nennt oder „mein weißes Reh“? Was soll eine Frau dazu sagen? Sie verstummt. Das Ende vom Lied ist, dass die beiden sich trennen, Welten liegen zwischen ihnen, und die Musik spielt dazu keinen Hochzeits-, sondern einen Totenmarsch, mit dumpfen Posaunenrufen, in Lamentomoll.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Eine alte Geschichte, könnte so oder ähnlich überall, gestern, heute oder morgen passieren. Zugleich aber ist dies ein klassisches Märchen, eine Spukgeschichte, die Antonín Dvořák da in seiner vorletzten Oper erzählt, die 1901 in Prag erstmals aufgeführt wurde und seither mehr als tausend Mal, weil „Rusalka“ rasch zur tschechischen Nationaloper schlechthin avancierte. Rusalka ist, wie ihre Schwestern Undine oder Melusine, wie Tschaikowskys Schwan oder Andersens Meerjungfrau, ein Geschöpf aus dem Elementargeisterreich: eine Nixe. Da sie einen Menschen liebt, möchte sie sterblich und Mensch werden, was auch fast gelingt, unter Anteilnahme aller guten und bösen Geister.

          Jüngste Inszenierungen thematisieren weibliche Sexualität

          Das Stück wird oft aufgeführt. In den jüngsten „Rusalka“-Inszenierungen aber, etwa von Martin Kusej, Barrie Kosky, Stefan Herheim oder Jossi Wieler, wird die Story aber nicht mehr aus der „Es-war-einmal“-Perspektive wie bei Dvořák erzählt. Mond, Wald, Quell und die Naturgeister, Wassermann und Mittagshexe haben ausgedient. Stattdessen geht es um weibliche Sexualität und deren Ausbeutung oder auch Selbstverwirklichung, was sich in Fußgängerzonen, Wohnküchen, Hobbykellern und so weiter bestens realisieren lässt.

          Anders die Produktion, mit der das Frankfurter Opernhaus jetzt am Wochenende die Spielzeit eröffnet hat. Hier darf die Nixe wieder einen langen, bleichen, flossenstarrenden Fischschwanz hinter sich herziehen. Zu Anfang sitzt sie nebst Reh und wildem Fingerhut im Wald herum, aus dem Quell sprudelt wirklich Wasser heraus, nur das Reh ist ausgestopft. Ein Tableau Vivant: ein Schaukasten im Naturkundemuseum.

          Nachts im Museum

          Präparierte Tiere lauern in den Vitrinen, Luchs, Boa, Eule; im Nebenraum wird gerade, wie der zweite Akt offenbart, ein riesiges Saurierskelett aufgebaut, und der verträumte junge Museumsdirektor, verliebt in seine Objekte, kann sich auch nach Feierabend nicht von ihnen trennen. So rücken Natur- und Fabelwesen aus alten Märchen und aus alten Zeiten dicht zusammen, wird das Archetypische aufgehoben im Jetzt, fließend verändern sich die Perspektiven. Tolle Vexierbilder ergeben sich aus dieser Regie-Idee, die den Stoff weder verbiegt noch überfrachtet. Alles sieht irgendwie immer fotogen aus. Stets passiert das Nächstliegende, fast alles passt perfekt zur Musik.

          Wen wundert’s, wenn nachts aus den Museumsvitrinen uniformierte Schulmädchen krabbeln und Elfe spielen? Ist es nicht ganz natürlich, dass die schöne Rusalka aus ihrem Bild heraus- und dem Museumsdirektor nachschlappt? Der Wassermann-Securitymann mit seiner bunten Schuppenweste haust im Souterrain, die boshafte Zicke von Bibliothekarin rührt mitten in der Nacht aus dem Auge des Luchses und dem Gift der Schlange den Hexenzaubertrank zusammen und befreit mit dem Brieföffner, in einem martialischen Akt, Rusalka von ihrer Schwanzschleppe.

          Von Nancy über Montpellier nach Frankfurt

          Wie die sich da freut und hüpft und die eigenen Füße bewundert! Wie sie später, bei den Warnungen der unsichtbaren Chorschwestern, noch einmal herausschlüpft aus der Umarmung ihres Liebsten und suchend umherirrt (während er, der Mann, in der Bewegung erstarrt), sich aber dann, endgültig entschlossen, wieder von unten hineindreht in den Kuss! Und atemraubend auch die Ausgestaltung der Ballettmusik im zweiten Aufzug, als Rusalka zum Gespött der Chor-Gäste wird, herumgeschubst in ihrem selbstgebastelten Plastikfolienhochzeitskleid. Da entlarvt die Personenführung die Trauer der Musik hinter all dem Tschingderassa, die Hohlheit der Brillanz von Trompeten, Triangelklirren, Beckenschlag.

          Der junge niederländische Regisseur Jim Lucassen hat diese pittoreske alt-neue „Rusalka“-Lesart zuvor schon in Nancy und Montpellier gezeigt. Dass er sie nun ein drittes Mal aufbereiten durfte für Frankfurt, ist zugleich sein erster Sprung an ein großes Haus. Und es spricht für die Frankfurter Oper, dass sie sich selbstbewusst solcherart Zweitverwertung leistet, wenn sie sich lohnt.

          Amanda Majewski als ideale Rusalka

          Für die Ensemblepflege am Haus spricht, dass die Neueinstudierung zum überwiegenden Teil mit Sängern aus den eigenen Reihen bewerkstelligt wurde. Auf den Punkt trifft Tanja Ariane Baumgartner den dramatischen Tonfall der luxuriösen Fürstin. Betörend die musikalische Gestaltungskraft von Katharina Magiera, die als Hexe Jezibaba mit voller Altstimme prunkt. Amanda Majewski ist eine ideale Rusalka, die große Wärme in der Mittellage mitbringt, freilich in der Höhe auch klirrende Kälte. Ihrem Prinzdirektor Zoltán Nyári, der zwar ein starkes Organ besitzt, mangelt es an lyrischem Glanz, dem Wassermann Mischa Schelomianksi entschieden an Durchschlagskraft, und die Waldelfen Kateryna Kasper, Elizabeth Reiter und Marta Herman sind nicht immer so präzise zusammen, wie es sein sollte.

          Generalmusikdirektor Sebastian Weigle zieht ein romantisch-agogisches Ausmusizieren der analytisch zugespitzten Partiturlesart vor: Üppig klingt Dvoraks zauberische, volksliedtrunkene Wundermusik in weiten Teilen, mitreißend musiziert das Frankfurter Museumsorchester. Sollte diese Produktion erneut wiederauflegt werden, bitten wir aber doch um Streichung einiger weniger Regie-Einfälle zum Fremdschämen, etwa, wenn der Heger mit dem Dinosaurierknochen masturbieren muss. Da sind wir vom Himmel auf den Misthaufen gefallen und wussten nicht, wo hingucken.

          Quelle: F.A.Z.

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