Wovon träumen Mädchen?“ - Fragte einmal der französische Romancier Alain Robbe-Grillet und gab selbst die Antwort darauf: „Von Messer und Blut.“ Das ist metaphorisch zu verstehen und beschreibt psychische und physische Umbruchphasen in der persönlichen Entwicklung. Der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels, der das Zitat schon einmal in seinem frühen Stück „Die Wiederholung“ als Schlusssatz verwendete, kommt in seinem neuesten Musiktheater darauf zurück: „When the mountain changed its clothing“ heißt der Titel, von einem slowenischen Volkslied abgeleitet, das den „Berg Kanin“ besingt, der seine „Kleider wechselt“, im „Frühling“, wenn er „ein weißes Hemd und grüne Hosen“ anlegt.
Heiner Goebbels lernte das Lied kennen, als er vom Mädchenchor „Carmina Slovenica“ aus Malibor für einen Kompositionsauftrag angefragt wurde. Goebbels reiste sofort dorthin und war sofort begeistert, ja fasziniert von den rund vierzig Mädchen zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren und deren Arbeitsweise.
Eine echte Gemeinschaftsleistung
Das Resultat dieser Begegnung ist nun bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zu besichtigen. Die Chorleiterin Karmina Silec „trainiert“ mit den Mädchen nicht nur das Singen, sie führt sie auch zu freien Improvisationen, zu sinnfälligen kleinen szenischen Darstellungen, zu Körperaktionen, zu choreographischen Anordnungen und Bewegungen, für die hier der Choreograph Florian Bilbao zeichnet.
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Gewandtheit, Körperbeherrschung, Präzision und Schnelligkeit die Mädchen einzeln und im Ensemble agieren, spielend, sprechend, singend. Eben noch wirbelten sie tobend über die große Szene, im nächsten Augenblick schon sitzen sie korrekt auf zwei strengen Stuhlreihen. So entsteht Dramatik allein schon aus den Bewegungsabläufen.
So klingen Rousseau und Gertrude Stein
Das Konzept für das „Berg“-Theater dachte sich Heiner Goebbels aus, unter enger Beteiligung des Dramaturgen Matthias Mohr, des Bühnen- und Lichtgestalters Klaus Grünberg und der Kostümbildnerin Florence von Gerkan. Goebbels’ kritische Implikationen, sein genauer Blick auf politische, gesellschaftliche und soziale Zustände in der Welt finden sich auch in diesem Stück wieder. Hinzu kommt, dass - dem Titel entsprechend - die spezielle persönliche Situation der jungen Mädchen sich widerspiegeln soll, auch deren Erfahrungen mit der veränderten Wirklichkeit in ihrem Heimatland.
Was für ein hinreißend präziser Text ist doch Jean-Jacques Rousseaus Dialog zwischen Kinderfräulein und kleinem Mädchen: „Émile oder Über die Erziehung“. Gertrude Steins Aufsatz „Ein Letztes über Geld“ aus dem Jahr 1936 vernimmt man gerade jetzt inmitten der unendlichen Geld- und Krisendiskussionen mit Staunen, leisem Erschrecken und auch Schmunzeln: wie klar Gertrude Stein die Wechselwirkungen zwischen Freiheit und Organisation, zwischen Arm und Reich damals schon sah. Und im Vortrag der jungen Spielerin klang zugleich leise Skepsis und auch Spott im Tonfall auf: Nichts hat sich geändert, das weiß heute schon das halbwegs intelligente Kind.
Auch andere Texte, von Eichendorff, Stifter, Marlen Haushofer, Marina Abramoviv und Ian McEwan, sind so ausgewählt, dass sie immer bestimmte Zustände in unserer Zeit und Welt reflektieren. Sie verbinden sich mit ebenso gezielt ausgesuchter Musik, von Goebbels natürlich, von Schönberg, Brahms, ferner romantischer Chormusik, mittelalterlichen Antiphonen, Partisanengesängen aus der Tito-Zeit und Pop-Anklängen.
Der Zuschauer wird integriert
Das Beste an der Produktion aber ist die präzise Lockerheit, mit der die Carmina-Slovenica-Mädchen ein phantasievolles improvisatorisches Element einzubringen vermögen. Das gehört eben auch zum Musiktheater von Heiner Goebbels: die Freisetzung der phantasievollen Improvisation im Spiel. Goebbels war anfangs skeptisch, ob die jungen Sängerinnen, auf Genauigkeit und Zusammenhalt trainiert, überhaupt genügend Gelöstheit dafür besitzen. Er war dann schnell bekehrt.
Was der Chor vorzeigt, das ist hochprofessionell und überstrahlt auch Passagen, in denen einiges doch etwas zu vorlaut und naseweis daherkommt. Vitales Musik-Sprech-Bewegungs-Theater ist das Ganze schon, und das ist nicht wenig. Und noch etwas: In der Regel schaut man im Theater zu, bleibt in Distanz zum Geschehen auf der Bühne. Hier aber, und das liegt auch an der weiten Raum-Öffnung der Szene in der Jahrhunderthalle Bochum, scheinen die Aktionen der Künstler den Zuschauer gleichsam zu umstellen. Er darf mitspielen, seine „Kleider wechseln“, ist in bestimmter Weise fester Teil der Aufführung. Und das sogar ohne krampfhaften pädagogischen Zeigefinger.