Zur Moderne gehört das Massenphänomen des Sports ebenso wie die Begeisterung der Künstler für den schönen Schein des Athletischen. Hemingway, Picasso, Leger, nicht zuletzt Brecht fanden Stierkampf oder Boxen faszinierend auch als ritualisierte Erscheinungsformen realer Konflikte. Sehr viel freundlicher ironisierte Erik Satie die Leibesübungen in „Sports et divertissements“.
Naturgemäß hat auch der Fußball die Künstler animiert. Ein Hit war das Theaterstück „Zicke-Zacke“ des Engländers Peter Terson, 1969 in Heidelberg Aufstiegssensation des jungen Hans Neuenfels. Ferdinand Kriwet hat eine hinreißend aberwitzige Collage aus Radioreporter-Sätzen, Schreien und sonstigen Wahnsinnsäußerungen als Hörspiel komponiert. Filme aus England und Deutschland („Kick it like Beckham“, „Das Wunder von Bern“) haben den Kicker-Enthusiasmus liebevoll als sozialen Integrationsfaktor nobilitiert.
Ausgesprochen ironisch klingt das nicht
Doch in Deutschland strebt man gern zu Höherem. So wird denn auch die 2006 anstehende Fußballweltmeisterschaft mit allen nationalen Weihen versehen, zu denen natürlich auch die Kultur beizutragen hat, in Gestalt eines umfangreichen Kunst-Rahmenprogramms. Eine Kostprobe für die zu erwartende Symbiose von Körper und Geist - im Sinne von Robert Musils sarkastischer Formel „geniales Rennpferd“ - war nun bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zu erleben: Moritz Eggerts Fußballoratorium „Die Tiefe des Raums“.
Der Titel entstammt der schon legendären Beschreibung von Karl Heinz Bohrer: „Netzer kam aus der Tiefe des Raums“. Eggert, Bayern-München-Fan, zielt dabei aufs Höchste: „Jedes Volk entwickelt seinen eigenen Stil der Fußballreportage, und der deutsche ist eben der der Dichter und Denker.“ Ausgesprochen ironisch klingt dies nicht, auch wenn der Textdichter Michael Klaus, ein Schalke-Fan, sich erkennbar Mühe gegeben hat, flapsig den Freak-Jargon zu treffen. Daß Musiker vom Fußball gebannt sind, läßt sich verstehen, kann er doch unvorhersehbaren Aufführungscharakter tragen - wie Theater oder Konzert auch. Insofern hat das Projekt seinen Sinn, und auch den Fluchtversuch aus dem Elfenbeinturm sollte man nicht von vornherein verdammen.
„Nichts ist scheißer als Platz zwei“
Aber auch hier zählt das Endergebnis, und das läuft allenfalls auf ein mattes Unentschieden hinaus, krankt doch das Werk nicht an zu wenig, sondern an zu viel Kunstanspruch. Natürlich lag es nahe, das Oratorium erstens fußballgemäß in zwei Halbzeiten mit sechzehn und zwölf Szenen abrollen zu lassen und zweitens auf barocke Dramaturgien und Techniken zurückzugreifen, Massen- und Soloszenen zu mischen, Stadion-Robustheit und hohen Ton gegeneinander zu stellen.
Da werden die allegorischen Figuren Tugend und Laster aufgeboten, es gibt Hymnen, Gebete, triumphalistische Chor-Selbstberauschung, inniges Gedenken an das höhere Wesen Ball, den tieferen Sinn des Spiels an sich; dann gibt es wieder fingierte Live-Reportage und all die rüden Verbalattacken von Fans wie Trainern, freundliche Aufforderungen wie „Renn, du lahme Sau!“ und geradezu metaphysische Welterklärung wie „Nichts ist scheißer als Platz zwei“.
Da ist Fußball doch eine komplexere Sache
Selbstverständlich könnte der Kontrast zwischen der rohen Stadionwelt und parareligiöser Suada, als sei man in der Matthäuspassion, satirisches Salz in die heile Welt der Ballrundheit bringen. Klaus wollte jedoch nur ein wenig frotzeln, niemandem weh tun. Aber: Schiedsrichter wie Sportjournalisten stehen wegen Korruption unter Anklage, Hooligans verbreiten Furcht und Schrecken, dumpfer Chauvinismus, Rassismus und blinder Lokalpatriotismus spielen keine geringe Rolle. So schön Fußball sein kann, nur wonnevoll ist er nicht. Und daß Klaus' Texte sich keineswegs immer über kalauerndes Pennäler-Niveau erheben, trägt zum mageren Spielergebnis bei. Eggert gehört zu den jüngeren Komponisten, die ausgerechnet ihren Altmeister Henze in die Rolle des Zauberlehrlings gedrängt haben. Allzu munter beriefen sie sich auf dessen Absagen ans Darmstadt-Dogma, verkündeten frohgemut ihr anything goes.
Selbstverständlich beherrscht der hochbegabte Eggert virtuos sein Metier. Er kann barocke Ariosi servieren und Nähmaschinen-Sechzehntel, den Aida-Triumphmarsch und das Deutschlandlied zitieren, ja als Verweis auf sterilen Anachronismus asketischen Punktualismus und mit innig tonalem Behagen die leise Seligkeit des Spiels preisen. Das klingt alles gekonnt und effektvoll, auch reißerisch, aber jederzeit beliebig abrufbar. Manches mag er sogar leicht ironisch intendiert haben, doch der Gesamteindruck bleibt der völliger Harmlosigkeit. Einen Gefallen hat er sich mit dieser Partitur kaum getan. Da ist Fußball doch eine komplexere Sache. Die Aufführung unter Steven Sloane war unabweisbar griffig und fand erheblichen Beifall. Doch das erhoffte Traumpaar sind Sport und Kunst nicht geworden.