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„Rosamunde“ in Schwetzingen : Lauter Rachearien

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Entfernte Verwandte der Pamina? Eleonore Marguerre als Rosamunde in der gleichnamigen Oper Bild: SWR/Monika Rittershaus

Später Triumph über Mozart: Anton Schweitzers Oper „Rosamunde“ feiert in Schwetzingen nach über 200-jähriger Bühnenabstinenz eine fulminante Wiederauferstehung.

          Dieser Mozart klingt doch sehr nach Anton Schweitzer!“ Solchen Eindrucks konnte man sich vermutlich kaum erwehren, wenn man als musikalisch gebildeter Hörer Ende des 18. Jahrhunderts die „Zauberflöte“ besuchte. Denn Anton Schweitzer (1735 bis 1787) war seinerzeit beileibe kein Unbekannter, sondern als Hauskomponist Christoph Martin Wielands eine Institution im deutschen Musikleben der Aufklärung. Ja, Wieland wollte sogar nur noch für Schweitzer schreiben, hingegen nichts von einem gewissen Mozart wissen, als dieser in jungen Jahren in Mannheim eine Anstellung suchte. Dies brachte Schweitzer denn auch, nach anfänglicher Bewunderung, rasch die Feindschaft des erfolgsverwöhnten Salzburgers ein. Für Mozart wurde Schweitzer zu gleichen Teilen Vorbild wie Konkurrent - ein Wettstreit, den Letzterer verlieren musste.

          So nimmt es kaum wunder, dass Anton Schweitzers letzte große Oper „Rosamunde“ nach ihrer Uraufführung 1780 in Mannheim bald von den Spielplänen verschwand. Zu übermächtig war das Mozart-Bild des aufkommenden 19. Jahrhunderts, neben dem Schweitzer als vermeintlich konservativer Tonsetzer, der sich vielen Opernreformen seiner Zeit verweigert hatte, ziemlich alt aussah. Umso erfreulicher, dass dieses wegweisende Werk des deutschen Musiktheaters, gleichsam Schluss- und Höhepunkt des von Wieland und Schweitzer akribisch verfolgten Projektes einer eigenständigen Nationaloper, bei den diesjährigen Schwetzinger Festspielen eine Wiederbelebung erfuhr - nach über zweihundert Jahren Bühnenabstinenz!

          Slapstick und Gummibären-Ballett

          Rosamunde als entfernte Verwandte der Pamina? Zumindest die Grundstrukturen sind vorhanden. Den Stoff von Wielands Libretto bildet ein auf wenige Hauptfiguren - die Mätresse Rosamunde, König Heinrich II. von Plantagenet, seine Frau Elinor und ihren Diener Belmont - zentriertes mittelalterliches Eifersuchtsdrama, in dem nahezu eine Rachearie auf die andere folgt. Die Handlung ist rasch erzählt: König Heinrich hält sich mit Rosamunde eine Geliebte, die die Eifersucht von Königin Elinor erregt. Diese stellt Rosamunde kurzerhand vor die Wahl: Dolch oder Gift. Belmont vertauscht das Gift jedoch gegen ein Betäubungsmittel, so dass die verstörte Rosamunde in den Armen des Königs erwacht. Der verbannt seine Frau flugs vom heimischen Schloss und nötigt Rosamunde zur Heirat. Daraufhin lässt Elinor ihren Arien Taten folgen und ersticht ihre Konkurrentin vor versammelter Hochzeitsgesellschaft.

          Kettenrauchende Meuchelmörderin: Sarah Wegener als Königin Elinor

          Schweitzers Vertonung ist ganz in Noten gegossene Empfindsamkeit: Sie zielt in ihrem emotionalen Gehalt auf das Herz des Hörers, scheut dabei aber jedweden Gefühlsüberschwang. Auf große Dacapo-Formen, Ritornelle und prächtige Koloraturen mochte Schweitzer - anders als der gestrenge Opernreformer Gluck - zwar nicht verzichten, stellte diese aber in den Dienst einer gezielten Psychologisierung. Zudem ist seine Klangsprache ein bunter Mix französischer und italienischer Stilelemente, denen sich ein reicher, ja blühender Orchestersatz hinzugesellt. Neuland betrat Schweitzer obendrein mit dem - seinerzeit noch höchst ungewöhnlichen - tragischen Ende der Oper: Statt einer großen Todes- oder Trauerarie bricht die Musik nur zwei Takte nach den letzten Worten der Rosamunde, „Ich sterbe in deinen Armen“, mit den Schlussakkorden so unvermittelt ab, wie der Meuchelmord durch Elinor den Hochzeitspulk in Schockstarre versetzt. Ähnlich radikale, unversöhnliche Finallösungen wagte man erst wieder ein Jahrhundert später.

          Eindrucksvoll gerieten nicht zuletzt die sängerischen Leistungen bei dieser Koproduktion mit der Oper Dortmund und dem Weimarer Nationaltheater. Eleonore Marguerre gab eine lyrisch und sensibel verzärtelte Titelheldin, die am liebsten mit Barbiepuppen und Kuscheltieren spielt, derweil Sarah Wegener als giftig-kapriziöse und selbstredend kettenrauchende Elinor das denkbar überzeugende Gegenbild zu ihr bot. Die beherzte Darbietung des SWR-Sinfonieorchesters Stuttgart unter der Leitung von Jan Willem de Vriend harmonierte bestens mit Jens-Daniel Herzogs quietschfideler Inszenierung im neondurchleuchteten Rokoko-Interieur, bei der es weder an Luftballons, Kunstblut, einem veritablen Gummibären-Ballett und manchem Slapstick, noch an Giftspritze und „Shining“-Axt fehlen durfte. Fraglos hätte es Schweitzers Oper auch nicht geschadet, wäre hier etwas weniger dick aufgetragen worden. Denn das eigentliche Ereignis des Abends blieb die Wiederentdeckung dieses famosen Werks!

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