Mittlere deutsche Theater verfügen über Jahresbudgets um die zwanzig bis dreißig Millionen Euro, Freiburg oder Köln etwa. Interessant ist, wenn man bedenkt, dass an nicht wenigen dieser Theater die Sparte Tanz weggespart und durch Gastspielprogramme oder „Projekte“ ersetzt wurde, von welchen Größenordnungen da die Rede ist. Für drei Millionen, so träumte man in Köln vor drei Jahren, könnten sich die Städtischen Bühnen - deren Subventionen bei siebenundzwanzig Millionen Euro liegen - wieder ein eigenes Tanzensemble leisten.
Aber so kam es nicht. Jetzt gastieren etwa neun Compagnien pro Jahr im Haus und spielen je zwei Vorstellungen. Das sind achtzehn Abende - ein hauseigenes Ensemble spielt locker vierzig und mehr Vorstellungen. Das Gastspielprogramm kostet eine Million - ein Siebenundzwanzigstel des Etats für eine von drei Sparten. Ist das gerecht? Kaum. Nun aber scheint selbst dieses Sparmodell, das in der kommenden Spielzeit ins vierte Jahr geht, gefährdet. Wieder einmal, wie vor der Vorstellung der Ballets de Monte-Carlo dem Publikum mitgeteilt wurde, richten sich die Kürzungswünsche gegen die schwächste Fraktion des Theaters.
Zu klein für ein eigenes Ballet
Und das in Köln. Was ist denn da noch drum herum? In Essen schwächelt Ballettdirektor Ben van Cauwenbergh ästhetisch vor sich hin, mit treuem Publikum. In Bonn gibt es schon länger nur noch - ein Gastspielprogramm. In Wuppertal zaudert das Tanztheater drei Jahre nach Pina Bauschs Tod, ob und wem es mal eine Uraufführung für das verwaiste Ensemble anvertrauen soll. Ja, es soll, aber zackig und dalli, dalli. Wo ist das Problem? In Düsseldorf arbeitet Martin Schläpfer mit seinen phantastischen achtundvierzig Leuten - sein Vorgänger Erich Walter (Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein von 1964 bis 1983) verfügte zu den besten Zeiten über achtzig Tänzer und zwanzig Opernballett-Tänzer. Aber die wackelnde Theatergemeinschaft mit dem vom Kaputtsparen bedrohten Theater Duisburg muss Schläpfer Sorgen machen: Denn würde dieses Standbein wegbrechen, würde der Ballett-Etat auch schrumpfen, heißt es.
Jean-Christophe Maillots Ballets de Monte-Carlo, die jetzt in Köln gastierten, spielen mehr als sechzig Prozent ihrer Vorstellungen außerhalb von Monaco. Fein, könnte man sagen, das Land ist vielleicht ein bisschen klein für ein eigenes Ensemble. Offensichtlich finden die Monegassen das aber nicht. Bloß haben sie nicht genug Bevölkerung, um so viele Ballettvorstellungen zu füllen, wie sie ein deutsches Publikum mühelos ausverkaufen könnte.
Jung, aber nicht schuldlos
Das Tanz-Entwicklungsland Deutschland nimmt also mit Kusshand eine monegassische „Romeo und Julia“-Inszenierung. Maillot schuf sie vor fünfzehn Jahren, und seine Version hat keine geringen Vorzüge. April Ball als Julia trägt einen Kurzhaarschnitt à la Jean Seberg - ein erster Hinweis auf Maillots filmästhetische Zitate. Sie geht auch barfuß - ein erster Hinweis auf Maillots starkes Vertrauen auf den Expressionismus als Quelle der Erneuerung des narrativen klassischen Tanzes. Sie trägt Jerome Kaplans sehr zeitgenössische, schleierzarte Kleider, in denen man sieht, dass sie keineswegs ätherisch untergewichtig ist, sondern eine ganz normale junge Frau, die hinreißend zum Tanzen begabt und exzellent geschult ist. Maillot macht sagenhaft viel mehr noch richtig in seiner Inszenierung. Wie man bei Julia schon sehen kann, setzt er ganz auf den körperlichen Gesamteindruck eines Tänzers. Er will, dass alle ihre physische Erscheinung sprechen lassen. Der Text müsse komplett im Kopf sein, sagt Maillot, wenn das so sei, dann müsse der Tänzer in einer bestimmten Rolle nur die Bühne betreten, und schon wisse man, wer er sei, was er vorhabe, was in ihm vorgehe. Dann könne die Choreographie „verschwinden“, erklärt er. Seine Balkonszene zeigt, was er meint.
Haben Romeo und Julia Tanzen im Kopf an diesem Abend? Kaum. Also zeigt Maillot, wie sie miteinander ringen, bevor sie in ihrer ersten Umarmung, ihrem ersten Kuss versinken - wie sie spielen, sich kabbeln: Sie sind so jung. Oder Tybalt: wenn er Mercutio umbringt, dann in einem rauschhaften Moment, ohne Tötungsabsicht. Und dann ist es passiert und er mit einem Schlag erwachsen: schrecklich, im Angesicht eines Menschen, den er getötet hat. Maillots elegant, mit filmischen Montage-Techniken erzählende Version lastet einer Figur, die sonst als segenbringende Verbindung zum Himmlischen in Güte schwimmend davonkommt, einen Großteil der Schuld an den Toten des Abends an: Pater Lorenzo, der Romeo und Julia heimlich traut, ist es doch auch, der ihr den Schlaftrunk verabreicht.
Man kann Maillot über weite Strecken interessiert folgen, seine Version authentisch, ehrlich und durchdacht finden und doch am Ende mit einer leisen Enttäuschung zurückbleiben, trotz der fabelhaften Tänzer, von denen der gewagt vorwitzige, wirklich mit dem Tod spielende Mercutio von Jeroen Verbruggen der beste ist. Er lässt den Atem des Publikums stocken, so brillant drückt sein Körper aus, wie die Lust an der Gefahr durch seinen Kopf schießt. Die Enttäuschung des Abends beruht weniger darauf, dass die abstrakte, perfekt mit dem Tanz harmonisierende Ausstattung von Ernest Pignon-Ernest zu schön wirkt, zu glatt, zu smart, als darauf, dass die sympathische Reduktion und echte Gegenwartsrauhheit der Choreographie zwar zu der kraftvollen Musik Prokofjews passen, aber so bar jeder wahrhaft originellen tänzerischen Einfälle und damit Einsichten bleiben.
Maillots Arbeit wirkt sehr intelligent, sehr schlüssig, sehr geschichtsbewusst, sehr auf der Höhe der Zeit, was den Dialog mit den anderen Künsten betrifft, aber zu wenig, soll man sagen, schmerzensreich? Zu wenig geheimnisvoll? Ach, hätte doch Köln diese oder eine andere, aber jedenfalls eine eigene Compagnie, die das Publikum dann noch einmal sehen könnte, in einer zweiten Besetzung, und nachschauen könnte, ob das an den Interpreten, dem Abend, dem fehlenden Orchester oder wirklich an einer kleinen artistischen Schwäche des Choreographen liegt! Wenn aber die anderen Sparten von zwanzig oder dreißig Millionen Euro nicht mehr als eine einzige abgeben möchten, dann ist es eben schwierig mit der Kontinuität im Tanz und der Entwicklung von Sachverstand.