24.09.2004 · Dem Roman geht es um die Welt, dem Theater um die Menschen: Warum der Versuch, einen Roman auf die Bühne zu bringen, notwendig scheitern muß - und Max Frischs „Stiller“ in Basel zu epischem Gelaber wird.
Von Gerhard Stadelmaier, BaselAngenommen, ein unglücklicher, nichtiger, unwesentlicher Mensch, dauernd von der Grundangst geplagt, nicht zu genügen, unfähig, jemanden zu lieben, weil unfähig, sich selber anzunehmen, wodurch er vor allem die Seelen von Frauen mordet, der für jede neue Partnerin "eine neue Not mit mir erfindet", eine riesengroße Männchenflasche, die den Namen Anatol Stiller trägt und im Hauptberuf bildhauert, also dauernd Bilder von sich und anderen meißelt, die niemandem entsprechen - dieses lächerliche Sensibelmonsterchen also, auf das aber vor allem die Frauen fliegen wie die Mücken aufs Aas, spräche eines Tages am Frühstückstisch: "Das Salz, bitte!" Was würde dann passieren?
Wenn Stiller dies in einem Roman sagen würde, würde gar nichts passieren. Denn ein Roman erzählt, wie er sich eine Welt vorstellt. Deshalb wird einem Roman die Welt immer wichtiger sein als die Menschen. Darum darin immer so viel über Landschaften, Zimmer, Kleider, Betten, Mahlzeiten, das Wetter, die Politik, den Geist, die Idee. Gerüst. Behang. "Das Salz, bitte" wäre im Roman nur ein Körnchen, schnell zertreten.
Flucht aus dem Leben
Also würde Stiller in einem Roman nie: "Das Salz, bitte!" sagen, sondern: "Ich bin nicht Stiller!" Daraus läßt sich dann vierhundertachtzehn Seiten lang entwickeln, daß Stiller aus seinem Leben, seiner Rolle, seinen Liebschaften, Ehen, seinem Beruf, seiner Schweiz fliehen will, in Amerika und Mexiko lebt, sich beinahe erschossen hätte, heimkehrt, an der Grenze zur Schweiz verhaftet wird, im Gefängnis aufschreibt, was er ist beziehungsweise was er nicht sein will, konfrontiert mit seiner lungenkranken verlassenen Frau Julika, seiner Ex-Geliebten Sibylle, die den Staatsanwalt geheiratet hat, der ihn verhört. Bis Stiller am Ende gezwungen ist, zu akzeptieren, daß er Stiller ist.
Max Frisch hat aus "Ich bin nicht Stiller!", diesem genialen Ichverleugnungsromaneinleitungssatz, 1954 einen grandios altmodischen Moderner-Mensch-Roman geschrieben. Damals hat Thomas Mann noch gelebt und Furtwängler noch dirigiert. Das neunzehnte Jahrhundert war noch lebendig. Und der dreiundvierzigjährige Frisch schrieb, heute würde man sagen: sehr cool und ironisch und gemütsweh und mutig und eigentlich ganz leicht das zwanzigste ins neunzehnte hinein, übrigens mit herrlichen Landschaftsaquarellschilderungen, tollen Schweiz-Beschimpfungen und wundersamen Wetterfühligkeiten und Abenteuerberichten. Ihm war es um den Riß zwischen Ich und Ich zu tun, den Riß, den Furtwängler immer so pathetisch übermalte und Thomas Mann immer so tapfer überschrieb.
Menschen sind dem Theater alles
Würde Anatol Stiller aber "Das Salz, bitte!" auf dem Theater gesagt haben dürfen, dann hätte aus dem Körnchen Salz ein ganzes Drama, Mord und Totschlag, Revolution, Eheschlachten, holdeste Entzückungen, Raserei, Verrat, Wahnsinn, Leidenschaft, Witz, Tollheit, Ekstase, Bruch und Umbruch und alles mögliche werden können. Denn das Theater erzählt nichts. Es stellt dar. Ein Roman kann ohne Menschen auskommen. Das Theater nicht. Was es darstellt, muß es als Verhältnis zwischen Menschen darstellen. Landschaften, Interieurs, Bilder, Bildschirme und dergleichen sind ihm nichts. Menschen dagegen alles. Ein Körnchen-Satz wie "Das Salz, bitte!" hat zwischen Menschen die schönsten Anlagen: Er kann quellen und aufgehen - bis hin zur Tragödie. Auf dieser Strecke aber muß alles gezeigt werden. Nichts erzählt. Also nichts behauptet.
Denn wer erzählt, behauptet. Er ist außer sich. Wer spielt, schafft. Er ist bei sich. Der Erzähler langweilt auf dem Theater. Wer Brechts verhängnisvolles methodisches Urverbrechen am Theater des zwanzigsten Jahrhunderts nachmacht und aus einer Rolle, einem Menschen aussteigt, sich neben ihn stellt und erzählt und kommentiert, was es mit diesem oder jenem auf sich hat, wer also das Theater episch macht, über jede Figur richtet, indem er über sie berichtet, verspielt das Salz der Bühne.
Ein lächerlicher Satz
Wer wirklich spielt, läßt einer Figur ihr Geheimnis, also ihr Recht auf ewige Gegenwart, nicht auf eine historisch erledigte "Es war einmal"-Geschichte. Ein Satz also wie "Ich bin nicht Stiller", der im Roman so tolle epische Behauptungsfolgen hat, wirkt auf der Bühne lächerlich, weil er ehestens polizeidienstliche Erkennungsfolgen hätte, keine figürlichen. Denn ob der Mann, der da auf der Bühne steht, jetzt Stiller ist oder nicht, ist Wurscht, sofern er nichts anderes ist, nicht spielt, was ihn mit anderen geheimnisvoll, wundervoll dramatisch konfliktreich verbindet, also solange er kein Drama macht.
Jetzt steht im Theater Basel der Schauspieler Michael Neuenschwander in einer Art Trainingsanzug auf der Bühne und schreit: "Ich bin nicht Stiller." Wir glauben ihm aufs Wort. Er ist nicht Stiller. Er ist eine Laubsäge-Arbeit. Denn wenn jetzt die Basler Brechts-Brave-Buben-Bande, bestehend aus dem Regisseur Lars-Ole Walburg, seiner Dramaturgin Andrea Schwieter und dem Bühnenbildner Hugo Gretler, den Roman von Max Frisch als "Uraufführung" sozusagen aus einer schräg ansteigenden Sperrholzfläche aussägt und die entstandenen Löcher, die irgendwie die Form eines Schweizer-Kreuzes haben, mit ziemlich kregel gelaunten Schauspielern füllt, die einmal sagen: "Sie dreht ihr schönes Gesicht zu mir, aber sieht mich nicht", ein andermal eine Episode aus dem Roman zigarrepaffend nachstellen, wieder ein andermal nackt baden, oder wie die Frau des Staatsanwalts auf offener Bühne sehr lustig entbinden oder ganz locker von Abtreibungen erzählen, auf die Schweiz schimpfen oder einfach elendslang aus dem Roman von Frisch vorlesen oder, weil Julika, Stillers Frau, eine lungenkranke Balletteuse ist, Prokofjefs "Romeo und Julia" tanzen oder das Tonbandgerät mit der Aufzeichnung von Stillers bösen Abschiedsworten weinend im Julika-Schoß halten, während es von der Bühnendecke den Schnee des Abschieds schneit - dann sieht man weniger, als man im Roman lesen könnte.
Das Manische als Maske
Man sieht einen Stiller als Alkohol-Junkie, manisch aggressiv. Eine Staatsanwaltsgattin und Stiller-Geliebte, in Susanne Abeleins Mimik ein dauerfröhliches Verfügungsweibchen, manisch lieb. Eine Julika, in Katja Reinkes Diskantelfenschwebe weniger verwunschene Frau, mehr ergeben lächelnde Drüberwegtänzerin, manisch ätherisch. Das Manische ist ihrer aller Maske. Sie suggerieren, sie seien anwesend, zitieren sich aber immer nur, lügen Theater-Präsens, mimen aber Roman-Imperfekt. Und sehen dementsprechend alt aus.
Ansonsten sieht man den ganzen reizenden Firlefanz eines umtriebigen, ratlosen, in einem großspurig plakatierten Thema (Identität!) herumstochernden Theaters samt musikalischer Untermalung, Schuberts C-Dur-Streichquintett zum Beispiel, wenn's auf die Tränendrüsen geht. Ein Theater, das alles aufgibt, was es erst zu Theater machen würde: eine Menschenwelt zu schaffen. Hier laubsägt es nur eine Papierwelt aus. Episches Theater? Episches Gelaber.