Eine seiner typischen Gesten besteht darin, den rechten Arm von der Mund- oder Herzgegend zur Stirn hochzuwuchten, die Hand leicht nach außen verdreht – wobei sie für einen kurzen Moment auf der Stirn ruhen bleibt. Mehr als eine Geste. Vielmehr Ausdruck dessen, was da kurzgeschlossen wird: Hirn, Herz und Mund. Und ein Zeichen dafür, dass das, was gedacht und gefühlt wird, auch ausgesprochen werden muss – und umgekehrt.
Seine Auftritte schaffen sofort Platz: für die Sprache. Sie bekommt von ihm Körper, Gestalt, Wucht, Melodie, Tragik, Sehnsucht, Hochmögenheit, Sturmgebraus und Dunkelruhe. Bei ihm werden Worte zu Figuren. Er kann, wenn er zum Beispiel Melvilles „Moby Dick“ auf Tonkassette vorliest, den weißen Monster-Wal und dessen Jäger knarzend und knorrend, stürmend und blasend in ein wundersam strudelndes imaginiertes Weltenmeer-Theater verwandeln. Und seine Münchner Lesungen aus der „Ilias“ oder der „Aeneis“ waren Publikumsmagneten wie ganz große Theaterabende. Zuletzt faszinierte er im dortigen Literaturhaus, als er Golo Manns „Wallenstein“-Biographie zu einem großen Wörter-Drama machte.
Was er sonst aber zwischen Herz, Hirn und Mund kurzschließt, füllt den von ihm über alles geliebten Guckkasten. Diesen altmodischen, von vielen hassend belächelten, nurmehr unter Murren ertragenen, durch eine unsichtbare vierte Wand vom Zuschauerraum getrennten Raum der Wunder und der Zeichen, diesen herrlichen alten Zauberkasten, in dem ganze Welten aufblühen und wieder verblühen, bespielt er mit heißem Herzen. Innig wie kein Zweiter. Noch im hohen Alter.
Nicht verloren, verweht und vergangen
Vor Aufführungen kommt er früh ins Haus, geht auf die dunkle Bühne, schaut in den leeren Zuschauerraum und lässt auf sich wirken, dass, wie er einmal gestand, „alle Kollegen, die hier gespielt haben, die längst schon unterm Rasen sind, aber die alle schon ihre Empfindungskraft und ihre Sprachkraft dagelassen haben“, nun nicht verloren und verweht und vergangen seien, sondern dablieben in allem, was durch sie erlitten und erlebt und geliebt worden ist, „in jedem Staubkorn auf diesem Boden“.
Für Rolf Boysen ist Theater also nicht nur undenkbar ohne Sprache. Sondern auch undenkbar ohne Erinnerung. In seinem Essay-Band „Nachdenken über Theater“ schrieb dieser ausnehmend gescheite, aber durchaus zeitgeistwidrige Kopf: „Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstriches: Das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen. Wer die Sprache hinter sich lässt, wer klüger ist als ein Komma, ein Doppelpunkt, ein Gedankenstrich, ist öde, leer und uninteressant.“
Nicht umsonst gehört Rolf Boysen ein Schauspielerleben lang zum Theater der skrupulösen Regisseure, die radikal die alten Texte dadurch ehren, dass sie diese wirklich bis zum letzten Doppelpunkt umdrehen und von allen Seiten betrachten und ihnen so lange alle Sicherheits- und Konventionsböden unter den Sprachfüßen wegziehen, bis sie manchmal ihr Geheimnis preisgeben – und im besten Fall neu glänzen in fürchterlicherer, komischerer, tollerer Gestalt, im schlechteren Fall aber immer noch große, fragwürdige Texte bleiben. Es war und ist das Theater der Kortner, der Noelte, der Lietzau, der Dorn: das Theater der Dichterbildner. Sprache und die schlagende Geste fürs schlagende Wort spielen darin die Hauptrollen. Und Rolf Boysen ist darin einer der erregendsten Sprechgestenspieler.
Schwarzkomischer Vogel Kolibri über dem Abgrund
So, wie er zum Beispiel in den Münchner Kammerspielen als Artist Karl durch die himmlische Hölle von „Der Schein trügt“ kroch, eine Nagelfeile suchte, mit einem Kanarienvogel sprach. Der Artist als eine Kunstmaschine, die Thomas Bernhard erfunden hat und die, wenn sie B und C sagen wollte, auch immer gleich A sagen musste und so das Leben als ewiges Rondo gegen den Tod über die Runden brachte. Der alte Mann als schwirrender schwarzkomischer Vogel Kolibri überm Abgrund.
Oder so, wie Boysen ebenfalls in den Kammerspielen als König Lear, dem ein ganzes Reich, das er an seine Töchter verteilt, in zwei, drei Augenblicken den Verstand vernichtet, selig lächelnd glaubt, er könne Vater bleiben in einer Welt, in der nur Könige und Narren zählen. Und dies nicht einfach nur her- und hinstellt – sondern behutsam entwickelt.
Oder so, wie er im Münchner Residenztheater, in das Dieter Dorns Kammerspiele-Ensemble fast komplett übersiedelte, der alten Figur von Shakespeares Shylock nahekam, indem er diesen grausam verletzlichen, grausam verletzten Juden, der auf seinem Pfund Fleisch besteht, zu schneiden aus seines christlichen bankrotten Gläubigers Brust „nah dem Herzen“, zunächst ganz sanft, fast träumerisch bei den furchtbaren Worten nahm. Worten, die er auf der Zunge abschmeckte wie schweren, giftigen Wein, den er kaum zu schlürfen gewagt haben würde.
Den Irrsinn des Schuldscheins, auf dem diese Worte von „Fleisch“ und „Schneiden“ und „Brust“ und „nah dem Herzen“ wie in einer Laune nur hingekritzelt schienen, ließ Boysen beinahe fröhlich, spielerisch am Gaumen wirken als ein undenkbares Unfugs-Bouquet. Aber der alte, schmale jüdische Mann suchte im christlichen Gläubiger und Judenhasser, gespielt vom großen Boysen-Partner Thomas Holtzmann, dann doch den Bruder, den geliebten Feind.
Unnachahmlich in Ton, Gestalt und Kontur
Und als dieser gedemütigte alte Mann am Ende geächtet und verstoßen wird, macht er nicht Platz für die Wut, die Klage und Anklage, sondern allein Platz – für den ungeheuren Verlust. Der anderen. Für das, was sie an ihm verlieren. Ein riesiges Kapital an Mensch.
Der gebürtige Flensburger, der nach dem Krieg ohne Schulumwege im Theater vorsprach und gleich genommen wurde, gelangte über Kiel, Hannover und Bochum rasch an die Münchner Kammerspiele, die er zwar für ein paar Jahre in Berlin, Hamburg und Düsseldorf wieder verließ, die dann aber seit 1979 seine feste künstlerische Heimat wurden und blieben. Dort war er ein Schlüsselschauspieler, einer der größten Öffner und Platzmacher. Mit sparsamsten Mitteln. „Machen Sie dem Ausdruck Platz!“, forderte der Menschenprüfer Fritz Kortner einst von ihm.
Und mit seiner herben, melodisch geriebenen norddeutschen Stimme, dem typischen Kapitänsbassklarinettenlaut, seinem struppigen Herrenkopf, seiner leicht gebeugten, zart eleganten Gestalt macht er seither denen Platz, die eine ganze Welt auf sich zu nehmen haben, mit ihr spielen, sie zerbrechen oder an ihr zerbrechen – in großer, tragischer Manier: Danton, Othello, Faust, Holofernes, Ajas, Odoardo, Ödipus, Orsino, Nathan, Dorfrichter Adam. Unnachahmlich in Ton, Gestalt und Kontur – aber immer so, dass man um sie herum die Luft spürt, in die sie hineinwachsen dürfen: die Luft fürs Menschenmögliche. Rolf Boysens ureigenste Luft. Heute feiert dieser überragende Schauspieler seinen neunzigsten Geburtstag.