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Veröffentlicht: 27.08.2014, 17:30 Uhr

Rocko Schamoni in Frankfurt Wer jetzt keine Gefühle hat, soll sofort die Erde verlassen

Unvergessliche Klang-Raketen: Der Autor, Musiker und Komödiant Rocko Schamoni erweist sich in Frankfurt als Nachlassverwalter des Pop

von Oliver Maria Schmitt
© Waldner, Amadeus Rocko Schamoni

Zu Staub zerfallene Tonbänder, ein Haufen Schulden, der graue Himmel über uns - oder einfach nur eine kleine Melodie? Was wird bleiben, wenn wir nicht mehr sind? In einer Zeit, in der die Erneuerungsmaschine Pop zum sich selbst kopierenden Stillstand gekommen ist, tut Nachlasspflege not. Was ist wichtig, was kann weg? Und was ist praktisch schon vergessen?

Vor sieben Jahren verabschiedete sich der Hamburger Musiker Rocko Schamoni mit seiner letzten Platte „Rocko Schamoni & Little Machine“ aus der musikalischen Produktion, litt aber als Entertainer, Romancier, Schauspieler und Theatermacher nicht an Unterbeschäftigung. Der darniederliegende Plattenmarkt, illegale Downloads und die fehlenden finanziellen Mittel bei kleinen Labels hatten das weitere Aufnehmen und Touren zur nervenzehrenden Tortur gemacht, gewünschte Klangkonzepte ließen sich so nicht mehr umsetzen.

Seine wahre, universale Meisterschaft

Enttäuscht schloss sich Schamoni in seinem Plattenschrank ein und hörte sich im Laufe der Jahre sein ganz privates musikalisches Welterbe zusammen, er legte auf und ab, archivierte und sortierte - und kam schließlich mit einer Liste von knapp zwanzig Titeln wieder heraus, die, wie sich schnell herausstellte, kaum noch einer kannte. Schamoni musste handeln.

So kam es am noch hellen Mittwochabend unter der Konzertmuschel des Frankfurter Palmengartens zur Welturaufführung eines nahezu einzigartigen Musikprojektes: Rocko Schamoni und „l’Orchestre Mirage“ präsentierten „Die Vergessenen“. Um es vorwegzunehmen: Gelacht wurde an diesem Abend auch, aber wahrscheinlich nur, weil er so schön traurig war. Der Himmel über Frankfurt hatte sich bereits ausgeweint, das Publikum sich unter Schirme, Kapuzen und Wetterhexen verstaut, da hoben konvulsivisch sich steigernde Klangkaskaden an, Ennio Morricones „La moglie più bella“, die Musik aus Damiano Damianis gleichnamigem Film aus dem Jahr 1970 erklang und gab die Grundstimmung des Abends vor: ganz großes Kino.

Dies erfordert natürlich komplette Hingabe, ein großes Herz und maximalen Charme-Einsatz, doch das war für Rocko Schamoni schon immer eine der leichtesten Übungen. Souverän beherrscht er das Repertoire der großen Crooner-Gesten - ausgestreckter Arm, Hand in der Hosentasche, Zigarette im Mund -, und dass er dies im vornehmen schwarzen Dreiteiler tat, gekonnt ergänzt durch Krawattenschal und Wildledermokassins, verriet seine wahre, universale Meisterschaft.

Ein rhythmisierter Egotrip durch das Leben

Schamonis samtene Stimme, die erst im Verbund mit seiner Duettpartnerin Rica Blunck zur Hochform samt melodramatischen Melismen auflief, schaffte sich durch ein deutschsprachiges Pop-Repertoire, das von Manfred Krug über die Lassie Singers bis hin zum OEuvre von Studio Braun reichte, dem anderen großen Bühnenprojekt aus dem Hause Schamoni. Die durchweg neuen Arrangements von Sebastian Hoffmann verwandelte das Orchestre Mirage derart pracht- und kraftvoll in Melodie und Rhythmus, dass Ennio Morricone, Lalo Schifrin und Henry Mancini trotz Abwesenheit ständig präsent waren.

„Was für eine Band!“, staunte Schamoni, und er hatte recht. Mit dem sechzehnköpfigen Klangkörper hat er sich den Lebenstraum aller Bühnenmusiker erfüllt: einmal mit Streichern, Drums, Percussion und großem Gebläse auf der Bühne zu stehen und es Mikrofon und Publikum ordentlich zu besorgen. Den Stolz auf das Erreichte merkte man Schamoni an.

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