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„Rock of Ages“ : Geschöpf der Nacht mit schießender Libido

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Die Quersumme aus Mick Jagger und Alice Cooper: Tom Cruise als der erotische Grobmotoriker Stacee Jaxx Bild: dapd

Zum Lob der Achtziger: Das Filmmusical „Rock of Ages“ lässt Tom Cruise einen dröhnenden Scherz reißen und träumt sich zu dieser Ära eine buntschillernde Gegenkultur zurecht.

          Die Männer tragen Muscleshirts und Leder, die Frauen Leggins zu paillettenbesetzten Jeans, man ist zugleich sportlich und exzentrisch. Aerobic hat die gymnastische Idee erfolgreich für den neuen Kapitalismus übersetzt, down sizing und lean management, das gilt für Volkswirtschaften ebenso wie für Körperformen. Flexibilität ist gefragt und Leistung, wir befinden uns schließlich im Reagan-Jahrzehnt, im Jahr 1987, um genau zu sein. Sogar im Osten machen sie sich mit einer ideologischen Lockerungsübung namens Perestrojka fit für den globalen Markt.

          Der Pop der Hitparaden illustrierte die Verhältnisse mit federndem Optimismus. Michael Jackson freute sich, „bad“ zu sein, George Michael hatte „Faith“, und Whitney Houston bestätigte mit der Frage „Didn’t we almost have it all?“ das Leben auf der Habenseite.

          Der Rockgott

          Das Filmmusical „Rock of Ages“ träumt sich zu dieser Ära eine buntschillernde Gegenkultur zurecht. Als Helden treten auf: der rebellische Twen (Diego Boneta), Gitarren verdreschend, Mikros erwürgend, die Stimme, von nun an Röhre genannt, im Anschlag wie ein MG. Des Weiteren: das Girl (Sherrie Christian) aus der Provinz, in Los Angeles gestrandet mit Glitzerträumen und der Hoffnung auf Gazettenruhm und wahre Liebe. Und, quasi als Spiritus Rector dieses Popathletentums: der Megastar, in dessen Aufstieg sich auch das Konzept des romantischen Künstlers spiegelt. Einsam taucht er aus Drogennebeln und zerwühlten Laken auf, um der Welt seine Verse entgegenzuschmettern.

          Adam Shankmans Film wäre nicht viel mehr als ein naives, mit Foreigner-, Suzie-Quatro- und Pat-Benatar-Medleys versetztes Märchen, würde nicht Tom Cruise den Rockgott verkörpern. Mit Flattermähne und Lederfransendress ist er die Quersumme aus Mick Jagger und Alice Cooper. Auf seinen Rücken sind Fledermausflügel tätowiert, in der Leistengegend zwei Pistolen - ein Geschöpf der Nacht mit scharf schießender Libido.

          Pop ideologisch aufgeladen: Julianne Hough und Diego Boneta

          Wenn der Manager genervt sagt: „Du musst auf die Bühne!“, sagt Stacee Jaxx, so der Name der Figur: „Ich bin immer auf der Bühne.“ Das Leben als artistisches Experiment der Selbstgestaltung und -ausbeutung, das gilt hier für Filmgestalt und Darsteller. Und weil die Aufhebung des Lebens in der Kunst dann doch eine mission impossible ist, kann nur einer wie Tom Cruise diesen Part glaubwürdig spielen.

          Wie er mit starrem Schlangenblick auf einen Clubbesitzer (Alec Baldwin) zustolziert - allein dieser Gang bestätigt und konterkariert das ganze Abbildungspathos des method acting. Nach welcher Lebensform soll so eine Bewegungsart eigentlich gestaltet sein? Pfau? Drag Queen? Zombie?

          Der Kreis zum Filmsujet

          Als hätten ihn Medusa und Ozzy Osbourne gemeinsam ausgebrütet, starrt er sein Gegenüber an und raunt: „Ich werde diesen Laden in Flammen aufgehen lassen.“ Hätte man einem George Clooney oder Brad Pitt das abgenommen? Sie sind ja Stars der neueren Art, vernetzt, in Kollektiven auftretend. Zu ihrem Ruhm gehört das spielerische Herangehen an die eigene Leinwandpersona. Cruise ist ein Einzelgänger, er durchkreuzt sein Image nicht, er bestätigt es in der Überzeichnung.

          Und damit schließt sich ein Kreis zum Filmsujet: Es geht um ein Paradox, das sich historisch annähernd erledigt hat, nämlich einerseits Teil der Kulturindustrie sein zu wollen und andererseits den Ausverkauf zu fürchten. Jaxx feuert nach einem vernichtenden Artikel im Musikmagazin „Rolling Stone“ seinen Agenten - Paul Giamatti stellt ihn als Marketing-Mephisto dar, also genauso, wie sich Teenager, die die Dead Kennedys hören, damals das Böse vorgestellt haben müssen. Vom Profitgeier befreit, kann der Künstler dann Teil des industriellen Ablaufs bleiben und doch irgendwie das andere sein. Für diese Utopie ist das Musical der perfekte Abspielort: Wenn eine Idee oder ein Genre am Ende ist, kann man sie im Musikspiel wiederbeleben.

          Der Spielfilm „Rock of Ages“ lädt den Pop also noch einmal ideologisch auf. Was uns aus der Beliebigkeit des iTunes- und Download-Universums, aus dem Dauerfiepen virtuell erzeugter Musik befreien soll, das ist das Gitarrenriff aus schwitzender Rockerhand. Und mit der Rettung des popmusikalischen Handwerks käme dann auch der weiße heterosexuelle Macho noch einmal zum Zug. Ein Blick in die irren Reptilienaugen von Stacee Jaxx jedoch genügt, um zu wissen, dass diese Rechnung niemals aufgehen kann.

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