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Robert Wilsons Liszt-Installation in Weimar : Der Hirsch Gottes röhrt nicht

Zunge zeigen, Lippe riskieren: „Siri ex Machina“ von Jörg Brinkmann in der „Vorhölle“ zu „Via Crucis“ in Weimar Bild: dapd

Ein Reigen reinen Lichts: Robert Wilson installiert in Weimar Franz Liszts „Via Crucis“ in einer Viehauktionshalle. Ohne Zweifel ist es der Höhepunkt der diesjährigen Kunstfestsaison.

          In „die völlige Freiheit der Zukunftslosigkeit“ sei Franz Liszt mit seinem Altersstil eingetreten. Seit der Zeit in Rom um 1861 merke man seiner Musik an, wie sie sich in die Stille zurückziehe, nichts mehr benenne, nichts mehr beschwöre, nichts mehr verheiße. Wolfgang Dömling hat diese Beobachtung im Liszt-Jahr 2011 geäußert, vermutlich zu leise. Denn das Jubiläumsmarketing war doch eher auf den Liszt aus, der glaubte, seinen Speer weit in die Zukunft geschleudert zu haben: Liszt, der Avantgardist - ein bewaffneter Vorwärtsmarschierer.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Als religiöser Denker aber schlug Liszt sich im Alter selbst den Speer aus der Hand und wurde mit der Kühnheit seiner fast atonalen, richtungslosen Harmonik zu einem Avantgardisten, der auch den Avantgardismus überwand: indem er über die Richtung von Zukunft nicht mehr befand. Sein spätes Oratorium „Via Crucis“ über die vierzehn Kreuzwegstationen Jesu ist in seiner Kargheit der Versuch, mit Musik alle vorgefassten Erwartungen aus dem menschlichen Erfahrungsraum gleichsam auszuschaben.

          Keine Zukunft, keine Hoffnung, keine Zuflucht

          Ein Satz steht am Anfang und am Ende: „Ave crux, spes unica“ („Sei gegrüßt, Kreuz, einzige Hoffnung“). Wenn das Kreuz die einzige Hoffnung ist, dann gilt nichts mehr, was Menschen können. „Richte uns Herr, aber verwirf uns nicht, denn wir haben keine andere Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen“, betet man auch in der lutherischen Messe vor dem Kyrie. Keine Zukunft, keine Hoffnung, keine Zuflucht, die aus uns selbst käme - radikaler Abschied von der Geschichtsphilosophie einer Moderne, die glaubte, über all dies verfügen zu können. Dass der Glaube gegenüber der Moderne heute weniger dumm dasteht als noch vor hundert Jahren, hat auch damit zu tun, dass sie inzwischen mehr Risiken als Verheißungen hervorbringt.

          Unter dem Thema „Anrufung“ hat Liszts Ururenkelin Nike Wagner bei dem von ihr geleiteten Kunstfest „Pèlerinages“ in Weimar die religiöse Seite ihres Ahnen in den Mittelpunkt gestellt. Die Installation von „Via Crucis“ durch Robert Wilson in der riesigen Viehauktionshalle hinterm Bahnhof ist ohne Zweifel schon des enormen Aufwands wegen der Höhepunkt dieser Kunstfestsaison. Bereits vor der Premiere war die Nachfrage nach Karten so groß, dass für den kommenden Freitag und Samstag Zusatzvorstellungen zur Nacht angesetzt wurden, um den Bedarf wenigstens ansatzweise zu stillen.

          „Lobpreis Gottes in der Einsamkeit“

          Die Festivaldramaturgie hat in den Tagen zuvor auf dieses Ereignis planvoll hingearbeitet. Im Musikgymnasium Schloss Belvedere gab Herbert Schuch einen Klavierabend, bei dem sich Liszts Gläubigkeit noch in den Mustern des Kreatürlichen bewegte. Schuch hat in dem Stück „Bénédiction de Dieu dans la Solitude“ bei hellem, warmem Klavierklang so engagiert die Phrasen gebaut, so sehr vom leidenschaftlichen Singen her die Form gegliedert, dass man deutlich merkte, welche Sphäre hier das Vorbild für die religiöse Ekstase abgab: Dieser „Lobpreis Gottes in der Einsamkeit“ folgte mit seinen Erregungs-, Plateau-, Höhepunkts- und Regenerationsphasen ganz klar dem Verlauf eines Erotikons. Ein mitreißendes Beispiel für den pianistischen Schmusemusenkatholizismus aus Liszts vorrömischer Phase. Am Folgetag in der Jakobskirche dann der Kontrast: Das Ensemble Gilles Binchois sang unter der Leitung von Dominique Vellard Klagelieder des fünfzehnten Jahrhunderts - ausgekargte Musik bar jeder Subjektivität, in der die gefügte Ordnung mehr galt als der Affekt. Und schon hier der Satz, der auf die menschliche Mittellosigkeit der „Via Crucis“ vorauswies: „Ich breitete meine Hände aus und fand nichts, was mich hätte trösten können.“

          Robert Wilson
          Robert Wilson : Bild: dapd

          Lichtlos schwarz ist dann auch die Viehauktionshalle, wenn man sie für Wilsons Installation der „Via Crucis“ betritt. Drehbare Hocker stehen in der Mitte zum Sitzen bereit. Liszts Oratorium - asketisch besetzt mit Klavier, Orgel, Harmonium, Bariton, Mezzosopran und Kammerchor - wurde vorab von Musikern der Weimarer Hochschule für Musik aufgenommen und wird nun verstärkt in den Saal abgestrahlt. Dann beginnt an vier Wänden nach und nach ein Reigen reinen Lichts, ohne Bilder. Scheinwerfer, an den Giebeln streng gereiht, an den Langwänden frei rhythmisch wie die Sterne hingetupft, gliedern die Halle bei jeder Station des Kreuzwegs neu. Das reine Tönen ohne sichtbare Musiker verbindet sich mit dem bildlosen Licht und schafft so einen wirklichen Sammlungsraum. Doch Wilson hält diese Strenge nicht durch. Zum Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ treten Farbprojektionen, die aus der Abstraktion in die Stimmung fliehen und warmes Licht im Winter evozieren. Zu den letzten Worten Jesu wird es gegenständlich: Ein weißer Hirsch, getroffen von einem Pfeil, sinkt langsam in den Tod. Ein Kunstkalauer: der Hirsch Gottes als Stellvertreter Christi.

          Studenten der Bauhaus-Universität haben vor Wilsons Installation ihre eigene gesetzt: in einer mobilen Kunsthalle aus 270 Wassertanks. Bei lautem Sirenengeheul und grellem Geflacker watet man hier durch Zeitungsmüll. Sechzehn Exponate zeigen uns eine Welt hektischer Zufluchtslosigkeit. Eine Nackte steigt auf einer Leiter auf und ab. Ein menschlicher Mund mit einer Heftklammer in der Unterlippe - schon der Anblick tut weh - fungiert als „Siri ex Machina“, als fleischliche iPhone-App, und antwortet auf Fragen. „Das ist das Purgatorium“, sagt Nike Wagner. „Das ist eine kleine Documenta“, sagt eine Dame und zückt amüsiert ihre Digitalkamera. So wird in Weimar die Hölle zum Happening und der Kreuzweg zum Viehauktionshallenweihfestspiel.

          Quelle: F.A.Z.

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