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Stummer „Ödipus“ in Pompeji : Oh Jupiter, was tust du?

  • -Aktualisiert am

Blaue Stunden in römischen Ruinen: Szene aus Robert Wilsons Ödipus-Choreographien aus Licht, Ton und abgezirkelter Bewegung im antiken Theater von Pompeji Bild: © Lucie Jansch

Robert Wilson macht aus dem „Ödipus“ des Sophokles in der grandiosen Kulisse des antiken Teatro Grande in Pompeji eine Revue aus Licht, Musik und großen Gesten.

          Vor Beginn der Aufführung geht ein gewaltiger Regenschauer nieder. Am Haupteingang in die antike Ausgrabungsstätte von Pompeji an der Piazza Esedra versammeln sich die gutgekleideten Sommertheaterbesucher unter einem löchrigen Baldachin und vergleichen die Prognosen ihrer Wetter-Apps. Aus nah und fern sind sie angereist, um antikes Theater an antiker Spielstätte zu sehen, inszeniert von einem berühmten Regisseur: Robert Wilson.

          Die eingeschworene Gruppe seiner Verehrer ist zuverlässig gewachsen seit seinen Anfängen in den siebziger Jahren, auch wenn viele nicht mehr hinterherkommen mit dem, was dieser Künstler-Generalist alles überall gleichzeitig macht. Im Programmheft wird er in Denkerpose als „avant-garde visionary“ vorgestellt, was ein bisschen nach „weißem Schimmel“ klingt. Aber das interessiert gerade niemanden, denn die einzige Frage, die jetzt zählt, ist die, ob der Regenguss aufhört oder die Vorführung abgesagt werden muss.

          Das mehrheitlich italienische Publikum wird zunehmend unruhiger. Zu viel ist das einfach im Moment für das nationale Gemüt: eine Fußball-Weltmeisterschaft, bei der man nur zusehen darf, ein Streik nach dem nächsten und ein proletarischer Innenminister, der ständig rumpöbelt und damit auch noch weitere Stimmen gewinnt. Und nun – Regen?

          Leben wie die alten Römer

          Bange Blicke richten sich auf das antike Theater hinter den hohen Pinien. Das feuerrot gekleidete Aufsichtspersonal eilt stolz zwischen Bühne und Eingang hin und her, im vollen Bewusstsein der wichtigen Rolle, die es gerade spielt. Dann erfüllt sich die Hoffnung der Angereisten: Der Regen hört auf und die angespannten Zuschauer werden in das römische Theater aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus geleitet.

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          Wie selbstverständlich sitzen die Besucher auf den marmorsteinernen cavea, dort, wo schon vor mehr als zwei Jahrtausenden ihre Vorgänger saßen und auf die flache Bühne und die bergige Vulkanlandschaft dahinter schauten.

          Das Schweigen des Ödipus

          Bei jedem Freilufttheater macht die bukolische Stimmung immer schon einen Großteil der Inszenierung aus. Aber bei Wilson ist sie tatsächlich fast die ganze Miete. Er stellt den heiligen Hintergrund ganz ins Zentrum und steigert dessen betörende Wirkung noch mit seinen bekannten Regiemitteln aus genau choreographierten Licht-, Ton- und Bewegungseffekten.

          Die antiken Ruinenreste strahlen in verschiedenen Lichttönungen, während sich davor zu Beginn eine Figur, ein menschlicher Schicksalstypus, aus dem hellen Scheinwerferlicht schält. Das ist der schwellfüßige Ödipus, der bei Wilson den ganzen Abend über schweigt, vom Regisseur nur den Tanz als Ausdrucksmittel zugewiesen bekommen hat. Seine Geschichte erzählen andere: Augenzeugen, Seherinnen und Erzähler treten auf mit langen Bärten und wehenden Kleidern, sie sprechen auf Italienisch, Englisch, Französisch, Neugriechisch und Deutsch, einer spielt Saxophon, eine andere wirft Bretterbohlen auf den Boden.

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