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Wilson inszeniert Beckett : Effekt essen Seele auf

Hamm und seine Eltern Nagg und Nell: Martin Schneider, Jürgen Holtz und Traute Hoess (von links) in Robert Wilsons Inszenierung Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Beckett selbst meinte, man müsse das Stück „artifiziell, ballettartig machen“. Aber ein kleiner Herzschlag hier und da hätte doch geholfen: Robert Wilson inszeniert „Endspiel“ am Berliner Ensemble.

          Nichts ist eigenständiger als dieses Unglück. Es kommt allein, ohne Begleitung. Geht seinen Gang mit sicherem Schritt. Tritt auf, tritt ab, und nichts kann, nichts soll ihm dabei helfen. Es will nicht gestützt werden während es wartet, braucht keine Extrabeleuchtung, keinen blinkenden Wegweiser, um vorwärtszukommen. Es spielt sein eigenes Spiel, dieses Beckettsche Unglück, nach eigenen Regeln, eigener Geschwindigkeit und eigenem Einsatz. Wenn man es machen lässt, kann es ungemein komisch, mitreißend, seelenbetörend sein. Wenn man jedoch mitbieten will, versucht, ihm eigene Karten unterzumischen, dann verliert es schnell die Lust und geht verbittert vom Platz.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Robert Wilson will mitbieten an diesem Beckett-Abend - das macht schon das Programmheft deutlich: „Beckett & Wilson in Berlin“ lautet die Überschrift, gefolgt von zwei gleich großen Fotos und Werkchroniken der beiden Künstler. Das soll also eine Begegnung auf Augenhöhe werden, hier geht es ums Mitmischen, nicht nur ums Auslegen.

          Und so wirkt schon die Bühne dieses „Endspiels“ nicht einfach nur leer, sondern gestylt und mit Leere angefüllt, ist die Trübheit des Lichts nicht unbestimmt schummrig, sondern genau berechnet. Auf einem dreirädrigen Retro-Rollstuhl sitzt am Anfang, mit einem schwarzen Schleier verhüllt und von hohen weißen Wänden umstellt, Hamm. „Die alten Fragen, die alten Antworten“, die sind ihm am liebsten. Oben links zwei stilisierte Fenster, unten rechts eine niedrige Tür, an der sich Clov, sein Diener in Clownsschuhen, verlässlich den Kopf stößt. Es geht zu Ende mit den beiden. Zumindest sollte es das. Denn Becketts „Endspiel“ handelt vom ersten Satz an nur von einem: der Verfallssucht, dem brennenden Verlangen danach, Schluss zu machen. Endlich aufhören mit diesem Unglücksspiel, genannt Leben.

          Keine Zeit für den Beckettschen Verzweiflungston

          Dem Ende wohnt hier kein Anfang mehr inne wie noch bei T. S. Eliot („In meinem Ende ist mein Anfang“), das Ende ist hier absolut und endgültig und Gott nichts weiter als ein alter „Lump“. Angesiedelt in einer unbestimmbaren Zwischenzeit, nach einer Katastrophe, aber noch kurz vor dem Untergang, ist das „Endspiel“ vor allem eine Momentaufnahme: Das Spielfeld ist leer, alle Fragen sind rhetorisch und alle noch folgenden Züge ausweglos geworden. Der Blick aus dem Fenster fällt auf nichts als kalt gewordene Asche. Hamm, lahm und blind, ist der letzte König der Menschheit und Clov, der nicht sitzen, nur immer laufen kann, sein einzig verbliebener Untertan. In zwei Mülltonnen hausen als Allegorien der Apokalypse noch Hamms verkrüppelte Eltern, sonst ist nichts mehr übrig geblieben: keine Natur, kein Licht, kein Regen. Nur noch vertrocknetes Nichts.

          In Wilsons „Endspiel“ wird allerdings kräftig gewässert. Fast schon überflutet. Jeder Satz wird hier mit einer Grimasse oder stilisierten Bewegung, einem besonderen Lichtverhältnis oder akustischen Signalton unterlegt. Dauernd bimmelt, klirrt oder rasselt irgendetwas, wird Jahrmarktmusik eingespielt oder leuchtet eine Lampe auf. Wenn Hamm, gespielt von Martin Schneider, seine Brille putzt, quietscht es laut, wenn Clov, dargestellt von Georgios Tsivanoglou, mit seiner Elvis-Tolle gegen die Wand stößt, macht es kurz „Ding“ wie im Zeichentrickfilm. Vom Text versteht man mitunter wenig, denn sie sprechen ihn so schnell und durcheinander, als hätten sie ihn schon hundertmal aufgesagt und könnten gar nicht erwarten, bis der Weg wieder frei ist für die nächste Pantomime, den nächsten stummen Schrei. Sie scheinen von der Vielzahl an mimischen und gestischen Regieanweisungen so getrieben, dass sie für das Eigentliche, den schwer zu treffenden, zwischen lapidarer Beiläufigkeit und markerschütternder Schlagkraft hin und her wechselndem Beckettschen Verzweiflungston gar keine Zeit und Konzentration mehr haben.

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