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Robert Wilsons „Sandmann“ : Lustschreie, Lichtblitze, Hirngespinste

Huch, der Schlüssel steckt ja noch! Christian Friedel als feuerköpfiger Nathanael und Yi-An Chen als Olimpia in Robert Wilsons „Der Sandmann“. Bild: Lucie Jansch

Robert Wilson, der alte Magier des mechanischen Körpertheaters, eröffnet mit „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann die Ruhrfestspiele in Recklinghausen.

          Als das Publikum hereinströmt zur Welturaufführung der neuesten Produktion aus der Licht-und Schattenmanufaktur des texanischen Meisters des magischen Balletts, hat es keine Augen für die Bühne. Bevor die Lichtblitze zucken, weiß geschminkte Gesichter sich verzerren, schwarze Zungen zwischen schwarzen Lippen hervorschnellen, tausend Augen sich öffnen und schließen, Flammen auf Tischplatten und über Leiber lecken, lebendige Scherenschnitte aus dem Biedermeier über die Bühne schreiten, die Musik so laut wird, dass es die Zuschauer in die Sessel drückt und sie nach den Ohrstöpseln suchen, die ihnen an der Garderobe mit warnenden Worten gereicht worden waren, bevor also Robert Wilson sein ganzes, altbewährtes Theaterbesteck aus Licht, Farbe, Klang und mechanischen Gesten an Hoffmanns „Sandmann“ wetzt, bis es blitzt und funkelt, scheint das Publikum sich erst einmal gemütlich von sich selbst blenden lassen zu wollen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Man will sehen und gesehen werden bei der Eröffnung der Ruhrfestspiele Recklinghausen, zu der sich allerlei Prominenz angemeldet hat. Kaum jemand achtet auf das Miniaturdrama, das Robert Wilson als Vorspiel eingerichtet hat, bevor er zum Teil betörende Bilder entwirft, bei denen Requisiten fast nichts und das Licht fast immer alles ist. Nur einmal, als ein gigantischer Roboterarm über dem armen Nathanael schwebt wie der Bohrer eines titanischen Zahnarztes, greift Wilson zu einem Fremdkörper in seinem Regiebesteck. Ansonsten wird Bekanntes variiert, zum Teil in Vollendung und höchster Konzentration, mitunter beiläufig und manchmal auch schlicht albern. Musikalisch streift der Abend, eine Koproduktion mit dem Schauspiel Düsseldorf, für Momente das Niveau von „Einstein on the Beach“ von Philip Glass, um sich dann wieder gefährlich nah an „Das Phantom der Oper“ heranzuschrammeln.

          Romantischer Urtext

          Aber bevor es losgeht und Wilson sich nach seinem fast schon legendären „Black Rider“ von 1990 aufs Neue einem romantischen Urtext zuwendet, entfaltet er dessen Motive en miniature: Rechts dreht sich schon Yi-An Chen als Olimpia in schönster seelenloser Ruhe um sich selbst, so dass man den großen, in ihrem Rücken steckenden Schlüssel sehen kann, mit dem sie aufgezogen werden muss wie ein Uhrwerk. Sie ist das künstliche Püppchen, „das Automat“, zu dem Nathanael in wahnwitziger Leidenschaft entbrennen wird. In der Mitte führt ein kleiner schwarzer Harlekin ab und zu seine Trompete zum Mund, ohne je hineinzublasen, die mechanische Figur eines Glockenspiels, ein Tänzer, der nur eine einzige Choreographie beherrscht, diese aber mit größter Exaktheit. Links von ihm liegt eine blasse Gestalt auf ihrem Lager und trommelt ungeduldig mit den Fingern der linken Hand auf die Bettdecke, während eine giftgrüne Pflanze sich wie ein gigantischer Schlafmohn über ihn zu beugen scheint. Von Zeit zu Zeit bäumt die Gestalt sich maßvoll auf und stößt einen ächzend-krächzenden Schreckensschrei aus. Es ist also schon fast alles beisammen, wovon Wilson an diesem Abend erzählen will: die Langeweile, die Nathanael in seiner bürgerlichen Umgebung empfindet, die nächtlichen Gifttropfen, die seinen Verstand zersetzen werden, die Illusion der Schönheit und Perfektion, und das namenlose Entsetzen, die Angst als Motor, der alles antreibt.

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