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Robert Hunger-Bühler wird 60 : Der Teufel möglicherweise

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Robert Hunger-Bühler als Philosoph Hermokrates am 13.12.2007 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin Bild: picture-alliance/ ZB

Er ist ein Dandy aus der Unterwelt und ein Virtuose der Halbentschlossenheit. Zum 60. Geburtstag des Schauspielers Robert Hunger-Bühler.

          Einmal saß der damals noch halbwegs junge Schauspieler Robert Hunger-Bühler auf der Freiburger Bühne in einer Art Grube als sehr seltsames Wesen, das als Prinz von Homburg intensiv einen Blecheimer mit Klopapier zu wienern hatte. Es war eine unsägliche Inszenierung. Aber so, wie Hunger-Bühler übers Unsägliche hinwegschaute, trieb er die Traumwelt des Prinzen, die der Regisseur scheißkübelig herunterputzte, in ein Reich des Wahnsinns. Dem er aber irgendwie gewitzt sich stellte. Auf des Messers Kippe zwischen Genie und Irrsinn. Aber auf keine Seite hinabkippend.

          Als er wenig später 1993 bei den Wiener Festwochen in Frank Castorfs „Alkestis“-Inszenierung den antiken Witwer im Nachthemd gab, der seine tote Frau wiederhaben möchte und deshalb die Umwelt mit Kartoffelsalat und Wiener Würstchen bombardierte (denn der Tod, das muss ein Wiener und ein Würstchen sein), erlebte man auch da den Wahnsinnsschauspieler, der eine hübsch ironische Unlust zeigte, sich dem ganz Blöden ganz auszuliefern.

          Der Alltagsmensch in Abgrundlaune

          Mit seinen leicht hängenden Schultern am großen, herrenhaft schlanken Körper, dem eminenten schmalen melancholieumflorten Charakterkopf samt den spiegelglastiefen Augen, der tiefen, guttural wie aus modrigen Abgrundgrüften heraufschwingenden Müdigkeitsstimme, die aus Mürb- und Gebrochenheiten ihre Spannung bezieht, bietet sich Robert Hunger-Bühler als Virtuose der Halbentschlossenheit. Was seinen Figuren immer eine elegante Reserviertheit gibt.

          Eine seiner schönsten Szenen, die er gespielt hat, hieß denn auch „Halbentschlossenheit“ in den „Ähnlichen“ des Botho Strauß, von Peter Stein im Wiener Theater in der Josefstadt 1998 zur Uraufführung gebracht. Da gab Hunger-Bühler den Teufel namens Rüdiger: einen Welt- und Paar-Durchdringer, vor allem aber Frauen-Erhitzer. Sein wunderbar distanzsanfter mythenmüder Dandy-Teufel lässt, als sei er einem feministischen Edel-Horrorfilm entstiegen, die Hand unter den Rock seiner Kino-Nebensitzerin Jutta Lampe wandern, vielmehr: redet davon, dass er sie wandern lassen könnte, wenn er sich dazu entschlösse, in seiner Halbentschlossenheit aber zu nicht mehr kam als zu urkomischen So-nicht!- und So-ginge-es-vielleicht-wenn-ich-wollte!-Verrenkungen.

          Der gebürtige Schweizer (aus dem Thurgau), der übers Schul- und Studententheater und die „Wiener Werkstatt“ nach Bonn kam, wo er mit David Mouchtar-Samorai und Jossi Wieler arbeitete und Lessings und Molières undiabolische Verführer (Mellefont und Don Juan) gab, landete - nach einem Abstecher in Freiburg - rasch bei den großen Regisseuren: Marthaler, Grüber, Stein, Bondy, Breth, Zadek, Frey. Und an den großen Häusern: Schaubühne, Volksbühne, Burgtheater, Zürcher Schauspielhaus. Wenn wirklich Große ihm die Szene bereiten, bekommt seine Virtuosität im Halbentschlossenen den Glanz irrlichternder Gemütsmusik: Wie von fernen Planeten herkomponiert, aber aufs Weh-Dur einer alerten Mannsfigur herab- beziehungsweise hinaufgestimmt. Der Alltagsmensch in Abgrundlaune mit dem Bosheitsheiligenschein.

          Heiter pessimistisches Darüberstehen

          So, zwischen nüchtern erhabener Trance und ironisch sarkastischer Narrenwurstigkeit gab er über zweiundzwanzig Stunden hinweg den Mephisto in Peter Steins „Faust“-Marathon (2000) - der Teufel möglicherweise, aber doch mehr der Clown. Und als Richard III. (2002 in Zürich, Regie Stefan Pucher) spielte er nicht den Richard, sondern führte vor, wie man den Richard spielen könnte, wenn man ihn spielen wollte.

          Er ist der schauspielerische Geist, der stets zu verneinen meint, aber von den Abgrundgrufttiefen her, aus denen er emporsteigt, ein Licht mitbringt: die Ironie-Funzel einer grotesken Zuversicht. Es wirkt dann immer, als predige er sanft sardonisch: Fürchtet euch nicht! Ich bin bei euch alle eure Gruseltage! Also feiert er seine hoffnungsvollsten Triumphscharmützel in Niederlagen - seiner Figuren. Am herrlichsten in Stücken von Botho Strauß. Als Clemens in der „Unerwarteten Rückkehr“ (2002 in Berlin, Regie Luc Bondy), wo er als ein Tartuffe mit dem Musterkofffer des Mephisto wunderbar seine Haut im Frauenabsahne-Business zu Markte trägt. Oder als John Porto, Gott der nur noch virtuellen Welt im „Blinden Geschehen“ (2011 in Wien, Regie Matthias Hartmann), wo er von einer realen Frau so lange mit Erotonen aus seiner Spiele- und Internet-Welt herausgeschossen wird, bis er kapiert, was Liebessache ist. Was ihm auch als Astel in „Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte“ (2005 in Zürich, Regie Hartmann) widerfuhr, wo er am Ende „Ich liebe dich“ sagt, als sei das die allerfremdesten Sprache, die auf der Welt gesprochen werde.

          Und immer im nachgiebig halbentschlossenen Aufschwung eines Männchens hinauf in Frauensphären, die ihm so unerreichbar fern scheinen wie die Basstuba des Orchesterwarts, in die hinein er in Christoph Marthalers „Eindringling“ (1994, Berliner Volksbühne) zwei Mäuse zu schubsen versuchte. Robert Hunger-Bühler wirkt immer wie eine dieser Mäuse. Ob aber als Schnitzlers „Reigen“-Graf, als Rauschgott Dionysos, als Zadeks Waffenfabrikant im „Major Barbara“, als Marthalers „Ersatzpassion“- Durchschlenderer - nie gerät er aus der Fassung heiter pessimistischen Darüberstehens. Mit dem dunkelfunkelnden Hunger-Bühler-Leuchten im Kopf. Am 7.5. feiert er seinen sechzigsten Geburtstag.

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