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Wagners „Ring des Nibelungen“ : Geborgen in einem Kokon aus Klang

  • -Aktualisiert am

Was die Nornen nicht schaffen, schafft Christian Thielemann: Er hält Wagners Welt zusammen Bild: Klaus Gigga

Erfahren, gelassen und weniger viril verpanzert: Christian Thielemann dirigiert den „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner an der Semperoper in Dresden – aufgeführt auf formidable Weise.

          Eben ist Wotan verbittert hinausgestürmt, und Brünnhilde, die Lieblingstochter, bleibt in den wenigen Minuten, bevor sie Siegmund seinen bevorstehenden Tod verkünden wird, „erschrocken und betäubt“ allein zurück. Nein, nicht wirklich allein, sondern mit dem Orchester: Das Englischhorn, grundiert von Fagotten und tiefen Streichern – bald kommen feierliche Posaunenakkorde hinzu –, singt eine fassungslos traurige Melodie von den verlorenen Illusionen einer jungen, privilegierten Frau, die genau in diesem Moment entdeckt, dass ihre bisher so homogene Welt auf einen Schlag auseinandergefallen ist; dass nie wieder etwas so sein kann, wie es bisher war. Weder Waldweben noch Walkürenritt oder Siegfried-Trauermarsch: keine der großen Orchesternummern, von denen man sich immer neu gern überrollen lässt, sondern ein kleiner, anekdotischer Durchgang, der zum großen seelischen Übergang wird – und den man in dieser „Walküre“-Aufführung Christian Thielemanns mit der Dresdener Staatskapelle vielleicht das erste Mal überhaupt bewusst, aber sicher das erste Mal so eindringlich schmerzlich hört.

          Es wird ja ziemlich viel – man darf mit einigem Recht sagen: zu viel – geredet im „Ring des Nibelungen“. Aber das Wesentliche vermitteln dennoch kaum je die Worte und oft nicht einmal die vokalen Linien, die Richard Wagner ihnen mitgegeben hat, sondern die Instrumente. Thielemann ist inzwischen mit fast traumwandlerischer Sicherheit in diesen Kosmos hineingewachsen als einer der nicht nur aktuell besten, sondern mittlerweile auch erfahrensten Wagner-Dirigenten, der im Umgang mit dessen Musik eine große, gelassene Selbstverständlichkeit entwickelt hat.

          Die Farbpalette ist reicher geworden

          Der „Ring“ in der Semperoper ist, nach diversen Einzelaufführungen in den Jahren seit seinem Dresdner Amtsantritt 2012, Thielemanns vierter. Wien und Bayreuth, nicht gerade Nebenschauplätze, gingen voran; am Anfang aber stand Berlins Deutsche Oper in der (kürzlich nach 33 Jahren endgültig ins ewige Archiv abgelegten) „Zeittunnel“-Inszenierung Götz Friedrichs, und auch damals, vor knapp zwanzig Jahren, habe ich Thielemann damit schon gehört. Erinnerlich ist mir eine im Gestus drahtig-energische, auf kontrastierende Klangfarben setzende Orchesterführung; ein „Ring“ aus dem Geist jener Jahre, wo Wagner – vor 9/11 – im Kontext einer eisern fortschrittsgläubigen, sich selbst als weltoffen begreifenden Gesellschaft gehört wurde, die sich gerade in der Aneignung eines seltsamen neuen Gerätes – volkstümlich „Handy“ genannt – schulte.

          Die enorme Farbpalette ist geblieben und noch reicher geworden, aber inzwischen klingt sie anders: weicher, fließender und auch melancholisch-verletzbarer, weniger viril verpanzert. Natürlich ist der pure, eitel-selbstreferentielle Glanz, mit dem beispielsweise das trompetengleißende Schwert-Motiv aus seinem Background aufragt, unvermindert derselbe. Doch es geht eben nicht nur um solche monolithischen Sammlungspunkte, die eher als Felsriffe im Klangkontinuum stehen, sondern um die Partitur als Ganzes; und die flutet jetzt, in Dresden, noch organischer, hypnotischer, Ohren und Sinne tranceartig einspinnend.

          Die „schönen“ – und das will in unserer vom prägnanten ersten Eindruck besessenen Zeit erst einmal heißen: effektvollen – Höhepunkte der vier Abende stehen ja zu Teilen in der Erbfolge Beethovens, Webers und nicht zuletzt des von Wagner so selbsthasserisch gehassten Meyerbeer; doch seine Prägung erhielt Wagner gleichermaßen vom Belcanto, von den – mit einem von ihm selbst geliebten Wort – „sehrenden“ Melodien etwa eines Bellini. Indem er sie von ihren metrischen Fesseln entbunden und gleichzeitig menschliche Stimmen auch in die des Orchesters hereingeholt hat, entwickelte er seinen fast unbegrenzt knetbaren, jeder Liebes- und Leidensintensität zugänglichen vokal-instrumentalen Mischklang.

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