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Veröffentlicht: 02.08.2016, 19:28 Uhr

Bayreuther Festspiele 2016 Wütende Worte, wunderbare Wagnerweisen

Das ersehnte Bayreuth-Debüt: Marek Janowski ersetzt den Dirigenten Kirill Petrenko und ist der Triumphator bei der vierten Auflage des „Rings“ von Frank Castorf.

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© Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa Catherine Foster (Brünnhilde) und Stefan Vinke (Siegfried) eröffnen die „Götterdämmerung“ des „Rings“ von Castorf.

Das Publikum der Festspiele in Bayreuth ist international. Als sich zur „Götterdämmerung“, letzter Abend des „Rings des Nibelungen“, vierte Durchführung dieser Produktion, abermals die graue Wagnergardine hebt, stöhnt ein Herr im Dunkel, irgendwo in der Nähe, leise, aber nicht unhörbar: „La merde encore“, und von anderswo flüstert’s zurück: „Close your eyes!“ Diese kurze Verständigung bringt die Janusköpfigkeit des sogenannten Bayreuther „Castorf-Ring“ hervorragend auf den Punkt. Musikalisch ist diese „Ring“-Produktion eine Offenbarung, szenisch ein Offenbarungseid.

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Frank Castorf bräuchte, um seine mit zynischer Lustigkeit reich garnierte Kritik am Kapitalismus im Stadium von dessen Selbstauflösung auf der Bühne darzustellen, nicht unbedingt Wagners „Festspiel für drei Tage und einen Vorabend“ als Vorlage. Er könnte jedes x-beliebige andere Theaterstück dafür zerschreddern. Oder sich selbst einen Plot ausdenken. Umgekehrt kann die Musik zu Wagners „Ring“ keinen Nutzen aus den diversen zirzensischen Verzierungen und Karikaturen, Nebenhandlungen und Übermalungen ziehen, im Gegenteil. Sie spielt trotz alledem. Oder vielmehr: Sie spielt auf ihrem eigenen Stern. Und die Sängerinnen und Sänger sind es, die diesen Widerspruch ein ums andere Mal auszutragen haben.

Die Geschichte muss erzählt werden

Manche haben Spaß dabei, zum Beispiel Stefan Vinke (Siegfried) und Markus Eiche (Gunther), als sie mit Bier aus Pappbechern Blutsbrüderschaft trinken im Schatten der Mauer in Berlin, in der Dönerbude von Castorfs Dramaturgen und Regieassistenten, dem unermüdlich durch alle Bilder sich kugelnden Running-Gag, Comedian und Artisten Patric Seibert, der in diesem Falle den Grill dreht und auch sonst allerlei widerliche Speisen zubereitet, was als Live-Video in Großaufnahme zu sehen ist für alle Zuschauer, die mit offenen Augen hören. Auch mit geschlossenen Augen erlebt man zwei dolle Protzkerle, prima Proleten. Bei Vinke, dem zuverlässig intonationssicheren, klangfarbenarmen Tenor, sind die Worte, die er singt, sowieso selten zu verstehen. Eiche, nicht minder unerschütterlich, singt mit blühenden Baritonfarben und schöner Diktion das „Treue trink ich dem Freund“ mit Vinke im drallen Unisono. Aber noch hallt in den Ohren das Fluch- und Speer- und Schwertmotiv nach. Das Orchester weiß mehr als die beiden erstklassigen Schreihälse. Es hatte, aus Tuba und Posaune dröhnend, deren Spaß mit dem Fluch eröffnet, es unterminiert ihn weiter. Denn der Treueschwur ist ja nur Auftakt zum Schwurterzett im nächsten Akt, worin Siegfrieds Tod beschlossen und verkündet wird. Musik spricht immer von beidem: Angst und Lust, Gefahr und Glück, Zukunft und Vergangenheit. Sie ist das wahre Medium gemischter Gefühle.

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Von Kirill Petrenko, dem Castorf-„Ring“-Dirigenten der ersten drei Jahre, wurden Ambivalenzen wie diese mit feinstem Raffinement ausgearbeitet. Er balancierte aus, trug die Sänger, wenn sie es denn zuließen, auf Händen. Marek Janowski, der ihn jetzt am Pult ersetzt und damit sein lange verschobenes und heißersehntes Bayreuth-Debüt gibt, nimmt keinerlei Rücksichten auf das Gerenne, Gewusel, Herumgeturne auf der Bühne. Er nimmt auch nicht sonderlich Rücksicht auf die Sänger, was Tempo und Dynamik angeht. Die Geschichte muss erzählt werden, so genau und so fesselnd, wie die Musik sie erzählt, mit klarer Klangrede, feurigen Gesten, Brio und Furor. Janowski ist ein musikdramatischer Dirigent, kein Diplomat am Pult. Dass er dergestalt eine der Petrenko-Lesart in fast jeder Hinsicht ebenbürtige, dennoch so grandios verschiedene Lesart der „Tetralogie“ liefert, spricht für Wagners Werk, zunächst. Und wird, von Aufführung zu Aufführung, zum Glanzpunkt dieser Bayreuther Saison.

Siegfried und Gunther als Spielball der Kräfte

Gab es im „Rheingold“ noch einige Beinahe-Unfälle, die uns fast das Fürchten lehrten, griffen „Walküre“ (vor allem im dritten Aufzug) und „Siegfried“ (zumal im zweiten) so zielsicher nach den Sternen, dass wir es alsbald wieder verlernten. Jetzt bestätigt und vollendet die „Götterdämmerung“ Janowskis Triumph. Exakt, glasklar, mit Eloquenz und zugleich himmelstürmender Wucht zieht er die schnellen Affektwechsel durch in den dichten Chor- und Ensembleszenen des zweiten Aufzugs, kurz vor der finalen Katastrophe, wenn der Knoten sich schürzt: wenn Brünnhilde (leider singt die strahlende Catherine Foster immer wieder eine Spur zu tief) auf ihre Gibichungen-Rivalin Gutrune (süß und kokett: Allison Oakes) prallt, Verrat wittert und ausrastet, wenn der finstere Hagen (kurzfristig eingesprungen als Bayreuth-Debütant mit markantem Bass: Albert Pesendorfer) dazwischen Intrigen heckt, droht, lenkt und lockt, während sein Stimmvieh, der Männerchor (brillant einstudiert von Eberhard Friedrich), dazwischenjohlt und -heult, und Siegfried und Gunther, die in diesem Hurrikan plötzlich nicht mehr wissen, wie ihnen geschieht, nur noch Stichworte lallen. Die beiden sind jetzt, man hört es, nur mehr Spielball der divergierenden Kräfte. Das Ende ist da.

41490992 © Enrico Nawrath Vergrößern Der Held und die drei Damen vom Kühlergrill: Stefan Vinke als Siegfried, Alexandra Steiner (Woglinde), Stephanie Houtzeel (Wellgunde) und Wiebke Lehmkuhl (Floßhilde) als Rheintöchter (von links).

Lupenrein sangen, herausragend agierten die fröhlichen und traurigen Hexen: die Rheintöchter (Alexandra Steiner, Stephanie Houtzeel, Wiebke Lehmkuhl) und Nornen (wiederum Lehmkuhl und Houtzeel, dazu: Christiane Kohl). Applausstürme beschlossen den Abend. Vielmehr: Der Beifall wollte nicht recht enden, die enthusiasmierte Menge wartete darauf, ob sich Castorf noch einmal blicken ließe, um ihm ein „Buh“ oder „Merde“ an den Kopf werfen zu können. Vergebens.

Glosse

Der erste Leser

Von Tilman Spreckelsen

Erst war es Bewunderung, dann war es nur so eine Phase: Martin Walser pflegte ein durchaus kompliziertes Verhältnis zu Arno Schmidt. Mehr 1

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