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„Rinaldo“ in der Oper Dortmund : Es klingt nach Sprengstoff und Kalaschnikow

  • -Aktualisiert am

Fliegende Haarpracht: In der Dortmunder Inszenierung kommt nur noch ein Countertenor zum Einsatz. Die restlichen Frauenrollen werden mit Sängerinnen besetzt. Bild: thomas.m.jauk

Ungewollt topaktuell: Händels Kreuzfahrer-Oper „Rinaldo“ lässt Christen und Muslime aufeinander losgehen. In Dortmund inszeniert Jens-Daniel Herzog das Stück bereits zum zweiten Mal.

          Der unselige Konflikt zwischen Christentum und Islam spielte für Georg Friedrich Händel so gut wie keine Rolle, als er 1710, im Alter von fünfundzwanzig Jahren, mit der Kreuzritter-Oper „Rinaldo“ sein erstes Werk für ein Londoner Theater komponierte. Er brauchte ganz einfach handfeste Figuren, mit denen er deftigen Bühnenzauber entfalten konnte, um als Neuling das Publikum an der Themse zu beeindrucken. Das passende Personal ließ er sich von dem Librettisten Giacomo Rossi nach einer Idee des Impresarios Aaron Hill aus dem Kreuzritterepos „Das befreite Jerusalem“ von Torquato Tasso zusammenstellen, aus Ariosts „Orlando furioso“ sowie der Legende um die Zauberin Armida. Die Kreuzfahrerei war mithin reiner Vorwand, um mit der Klangmagie, die dem in Italien geschulten Händel schon in jungen Jahren zu Gebote stand, die Charaktere der Gestalten, ihr Seelenleben auszuleuchten.

          Wenn aber diese etwas krude Kreuzfahrergeschichte auf einer heutigen Bühne erscheint, spielt dann doch der in jüngster Zeit vehement wieder aufgeflammte Glaubenskrieg mit. Schon vor acht Jahren hatte Jens-Daniel Herzog Händels „Rinaldo“ für das Zürcher Opernhaus (in einer Produktion, die später auch in Bonn übernommen wurde) in die Gegenwart verlegt, in ein steriles Flughafengebäude mit unwirtlichen Korridoren, VIP-, Transit- und Konferenzräumen. Allerdings ging diese Lesart zurück auf das ursprüngliche Konzept des Regisseurs Claus Guth, der in Zürich hätte inszenieren sollen, aber aus Krankheitsgründen absagte. Herzog sprang damals ein. Inzwischen ist er Intendant der Oper Dortmund, und als solcher überarbeitete er diesen „Rinaldo“ jetzt noch einmal für sein eigenes Haus. Dabei erwies es sich, dass die Inszenierung, wohl eher ungewollt, an Aktualität noch hinzugewonnen hat.

          Vertraut mit der Materie: Jens-Daniel Herzog inszeniert Händels „Rinaldo“ bereits zum zweiten Mal.

          Die Mannen des christlichen Heerführers Goffredo (Gottfried von Bouillon) werden gezeigt als eine Truppe von Aktenträgern, die, ziemlich albern, die Rituale der Delegationen bei Friedensverhandlungen und Krisensitzungen durchexerziert. Ihr Gegenspieler Argante, Verhandlungsführer der sarazenischen (also islamischen) Seite, ist ein Weichei, er giert mehr nach Sex als nach Macht. Bei seinem genüsslich zelebrierten Ausschnüffeln der Reizwäsche der Zauberin Armida und den plumpen Annäherungsversuchen an die schöne Almirena, Geliebte des Titelhelden Rinaldo, kommen einem unweigerlich die Nachrichten von den Kölner Massengrabsch-Szenen in den Sinn. Überdies entwickelt die Regie einen gehörigen Theaterdonner, der untrüglich nach Sprengstoffattentaten und Kalaschnikow-Geratter klingt. Selbst vor diesem düsteren Hintergrund wird in Dortmund aber noch deutlich genug, dass „Rinaldo“ eigentlich eine recht vergnügliche Oper ist, mit allem Zubehör eines barocken Erfolgsstücks, das mit magischen Theatereffekten nicht geizt und sein Personal in ein Wechselbad von Stimmungen taucht.

          Trauer und Wutausbrüche, Verzweiflung und Siegestaumel, harmonische Naturidylle und martialische Kriegsrhetorik wurden von Händel in eine hinreißend frische, abwechslungsreiche Musik verpackt, der man nicht mehr anmerkt, dass ihr Schöpfer sie zu einem recht großen Teil, hauptsächlich wohl aus Zeitmangel, aus eigenen früheren Werken geklont hatte.

          Für die Premiere in Dortmund wurde ein Sängerensemble aufgeboten, das nicht nur die Gefühlsaufwallungen der Händelschen Gestalten virtuos in durchweg koloratursicheren Schöngesang umzusetzen versteht, sondern jeder einzelnen Figur auch recht präzise Kontur verleiht. Ileana Mateescu ist ein so draufgängerisch wie einfühlsam wirkender Rinaldo, mit kraftvoller, wandlungsreicher Stimmführung. Ebenso überzeugend Tamara Weimerich mit ihrem jugendlich schlanken Sopran in der Rolle der Almirena, Kathrin Leidig als energischer Heerführer Goffredo und Eleonore Marguerre als farbenreich und ausdrucksstark singende Zauberin Armida, die zwischen den Welten und den Männern hin- und hergerissen ist.

          Der christliche Magier ist eine Flughafen-Putzfrau

          Ursprünglich hatte Händel etliche der Partien für bedeutende Kastraten seiner Zeit geschrieben. Es sind deshalb auch schon Versuche unternommen worden, diese Rollen nur mit Countertenören zu besetzen. Doch erweist sich der Einsatz von Frauenstimmen in Herzogs Inszenierung als die natürlichere Lösung. Eine Ausnahme freilich gibt es: die von dem jungen österreichischen Countertenor Jakob Huppmann grandios und mit wunderschön leicht erreichter Höhe gestaltete Nebenrolle des Eustazio.

          Anders als in Zürich, wo William Christie, einer der großen Altmeister historischer Aufführungspraxis, das Barockorchester La Scintilla dirigierte, spielen die Dortmunder Philharmoniker im angehobenen Orchestergraben auf modernen Instrumenten, allerdings ergänzt um Theorbe, Blockflöten und ein Cembalo, das an einer Stelle fast eine Art Solokonzert zu bestreiten hat. Sie spielen durchaus historisch informiert, so kommt unter der ungemein fluiden, auf Plastizität und Transparenz setzenden Leitung von Motonori Kobayashi ein strahlendes, lebendig durchpulstes Klangbild zustande.

          Herzogs „Rinaldo“-Inszenierung mag nun, in Dortmund, ihren endgültigen Reifezustand erreicht haben. Manche seiner Einfälle wirken gleichwohl nach wie vor unmotiviert, etwa die makabre Szene der Sektion eines Kleintiers oder der Auftritt des christlichen Magiers als Flughafen-Putzfrau. Und das Geraufe nach der Kapitulation der Sarazenen deutet an, dass deren Übertritt zum Christentum ebenso wenig ernst zu nehmen ist wie der Friedensschluss nach der Befreiung Jerusalems. Hauptsache, nicht das Militär, sondern die Liebe hat gesiegt. Und die richtigen Paare haben zueinandergefunden, einstweilen zumindest, damit Händels grandiose Apotheose ihre Wirkung entfalten kann.

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