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„Rigoletto“ in Wien : Verdi kommt auf Stelzen daher

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Kommt dem tradierten Rollenbild sehr nahe: George Gagnidze als Rigoletto Bild: REUTERS/Herwig Prammer

Wenn Luc Bondy „Rigoletto“ inszeniert, erwartet man Ungewöhnliches, Neues, Aufregendes. Angesichts dessen war die Premiere von Verdis mittlerer Oper bei den Wiener Festwochen etwas flau. Aber Omer Meir Wellber besticht als Dirigent.

          Verdis Erfolgsoper „Rigoletto“ heute: Man ist ja schon froh, wenn ein Regisseur nicht zum x-ten Mal das Mafia-Milieu (Jonathan Miller, Jean-Claude Auvray) beschwört. Oder den Planet der Affen (Doris Dörrie) nachäfft. Dazu wäre Luc Bondy auch zu intelligent. Wenn er jetzt Verdis „mittlere“ Oper für die von ihm geleiteten Wiener Festwochen im Theater an der Wien inszeniert, dann darf man natürlich etwas Ungewöhnliches, Neues, Aufregendes erwarten. Darf man wirklich?

          Der Bühnenbildner Erich Wonder konzipierte für Bondy ein ungewöhnliches Bühnenbild: kein Renaissance-Palast, sondern schwarze Wände und Vorhänge, die sich von Szene zu Szene verschieben, neue Räume bilden, dunkle Schlünde bilden und in denen die Darsteller immer wieder verschwinden oder auftauchen.

          Bondy und sein Dramaturg Geoffrey Layton entdeckten dabei, dass bei den handelnden Personen die Namenlosigkeit eine wichtige Bedeutung erfährt. Rigoletto wehrt entsprechende Fragen Gildas, seiner Tochter, nach ihrer Herkunft ab, der verliebte Herzog nähert sich Gilda mit einem Phantasienamen, namenlose Höflinge entführen zur Nachtzeit das Mädchen, das in dem ganzen Quid pro quo jede Orientierung verliert.

          Trügerisch vereint: Gilda (Chen Reiss) und der Herzog von Mantua (Francesco Demuro)

          Ein moderner Narziss, unfähig zu kommunizieren

          Dazu erfindet Bondy eine eindringliche Szene: Wenn der Herzog im letzten Akt der schönen Maddalena, der Schwester des Killers Sparafucile, den Hof macht, irren die Figuren irgendwie ziellos im Raum umher. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass der Herzog gleichzeitig auch Gilda ansingt. Seine Liebe ist gleichsam richtungslos. Freundlich blickt er auf diese und jene, wie er in der einstigen deutschen Übertragung sang. Er liebt im Grunde nur sich selbst und seine triebhaften Gefühle.

          Ein moderner Narziss, unfähig zu kommunizieren. Und Rigoletto, der bucklige Narr des Fürsten, verliert ebenfalls jeden Kontakt zur Wirklichkeit und zu anderen Menschen: sein Rachebedürfnis vereinzelt ihn. Macht ihn blind. Er fällt sozusagen aus der Realität in die Einsamkeit. Das kann man dann eine Tragödie nennen.

          Als Konzept für eine Studie über Vereinsamung und Verlassenheit, über eine quasi solipsistische Vereinzelung, die die Konflikte in die Figuren selbst verlegt, könnten Bondys und Laytons Überlegungen durchaus produktiv sein. Aber da gibt es ja noch die gute alte Dampfoper, die es zu umschiffen gilt. Und es gibt junge Sänger, wie hier, die mit ihren Partien individuell Aufsehen erregen möchten. Und schon nützen alle schönen Überlegungen zu einer irgendwie etwas anderen, neuen Interpretation nichts.

          Der Fluch Monterones gegen Rigoletto und den Herzog, von Vladimir Braun beim theatralischen Verschwinden in die Unterbühne ausgestoßen, huldigt dem guten-schlechten alten Stadttheater. Vielleicht wollte Bondy seiner Inszenierung so etwas wie eine zweite, ironische Ebene einziehen, um die üblichen Opernklischees zu konterkarieren. Aber Ironie hat ihre Tücken. Sie setzt beim Betrachter eine mitwissende Informiertheit voraus.

          Für Wien scheint alles etwas unterbelichtet

          In Bondys Inszenierung bleibt das alles ziemlich unklar. Was die Sänger vorführen, erscheint bis auf kurze Momente eher undeutlich. Immerhin projizieren die Kostümierungen von Moidele Bickel die Entstehungszeit der Oper auf die Figuren. Drei Dutzend Chor-Herren und Statisten in Frack und schwarzem Zylinder wirken allein schon düster-dämonisch. Zugleich aber auch irgendwie antiquiert, weil sie nurmehr atmosphärisch eingesetzt erscheinen.

          Rein musikalisch betrachtet, kann die Aufführung mit einem soliden Niveau aufwarten. Francesco Demuro singt den Herzog mit hellem, strahlkräftigem Tenor. Eine größere lineare Geschmeidigkeit könnte sich in den folgenden Vorstellungen einstellen. George Gagnidzes Rigoletto kommt dem tradierten Rollenbild des gequälten Vaters sehr nahe, auch gesanglich. Das wirkt dann oft eher komisch. Etwas mehr psychologische Feinzeichnung müsste die Figur schon erhalten.

          Die Gilda von Chen Reiss besitzt einen klaren, leicht ansprechenden Sopran, auch hier könnte man sich den vokalen Ausdruck für die Figur noch etwas vertiefter vorstellen. Gábor Bretz und Ieva Prudnikovaite als Sparafucile und Maddalena runden die Ensembleleistung zuverlässig ab. Für eine Wiener Festwochen-Aufführung erscheint alles etwas unterbelichtet.

          Eine sichere Stütze fand die Aufführung allerdings im Orchestralen: Der junge israelische Dirigent Omer Meir Wellber (Feuer vom Dirigentenpult: Omer Meir Wellber ), als Shootingstar gehandelt, animierte das Radio-Symphonieorchester Wien zu einem schlanken, auf Kantabilität bedachten Musizierstil. Die dramatischen Akzente wurden energisch gesetzt, manchmal knallte es etwas zu laut, der Kontakt zu den Sängern und dem von Ottokar Prochazka bestens einstudierten Arnold-Schönberg-Chor funktionierte bis auf einige kleine Schwankungen bestens.

          Ein Schelm, wer anderes dabei denkt

          Omer Meir Wellber ist zweifellos eine bemerkenswerte Begabung. In den nächsten zwei Jahren wird er für die Wiener Festwochen „La Traviata“ und „Il Trovatore“ einstudieren. An Valencias ehrgeizigem Opernhaus Palau de les Arts „Reina Sofia“ tritt er mit Beginn der Spielzeit 2011/2012 als neuer musikalischer Direktor in die Fußstapfen von Lorin Maazel. Mailänder Scala, Bayerische Staatsoper, Frankfurter Oper und diverse große Orchester sind ebenfalls gebucht.

          Noch ein Wort zum Äußeren: Die „Rigoletto“-Aufführung wird auch an der Metropolitan Opera in New York und an der Mailänder Scala bei Stéphane Lissner zu sehen sein. Man gewinnt den Eindruck, dass vieles, wie das pompöse hohe Stelzenarrangement des Bühnenbildes im dritten Akt, eine Art Wolkenkuckucksheim zum Sterben, für die größeren Dimensionen der kooperierenden Bühnen entworfen worden ist.

          Die Achse Wien - Bondy - Lissner - Mailand (Stéphane Lissner ist auch Musikchef der Wiener Festwochen) bringt für die Wiener Festwochen jedoch nicht unbedingt die erhofften künstlerischen Erträge. Ein Schelm, wer anderes dabei denkt. Aber Bondys Wiener Engagement nähert sich ja schon dem Ende.

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