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Richard Wagners „Parsifal“ : Zauberschloss im Hohlspiegel

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Das Innere der Welt ist hohl: Vielleicht weiß Parsifal (Christopher Ventris) deshalb so wenig mit den Amsterdamer Flower-Power-Maiden anzufangen Bild: Monika Rittershaus

Nicht nur die deutschen Opernhäuser rüsten sich für das Wagner-Jubiläumsjahr 2013. In Lyon und in Amsterdam gibt es jetzt neue „Parsifal“-Inszenierungen, die allerdings höchst unterschiedlich ausfallen.

          Das Verdi-Jahr und das Wagner-Jahr - beide Komponisten ein Jahrgang - werfen ihre Schatten voraus. Da heißt es für die Operntheater: rechtzeitig aufrüsten! Die großen Verdi-Opern stehen ja ohnehin immer auf dem Spielplan. Aber ein halbes Dutzend „Ringe“ werden derzeit landauf, landab geschmiedet oder sind, wie in Frankfurt, schon vollendet, sogar in Bayreuth hat man nach peinlichem Her und Hin einen Regisseur für den nächsten Zyklus gefunden. Und nicht nur die deutschen Bühnen wetteifern um die Wagner-Palme, auch die ausländischen Opernhäuser treten zum Konkurrenzkampf an.

          Die Nederlandse Opera in Amsterdam hat sich in den fünfundzwanzig Jahren, in denen Pierre Audi das Haus leitet, zu einer der führenden Musikbühnen Europas entwickelt. Audi begnügte sich dabei nicht nur mit administrativen Aufgaben; er inszeniert auch gern, mit wechselndem Erfolg. Wagners „Ring des Nibelungen“ hat er seinem Haus bereits beschert - jetzt also Wagners Spätwerk „Parsifal“. Klaus Michael Grübers ingeniöse Inszenierung für Amsterdam ist schon lange her. In Bayreuth zeigten zuletzt Stefan Herheim, zuvor Christoph Schlingensief, was sich aus dem „Parsifal“ alles an Unerwartetem herausinszenieren lässt, unvergessen aber auch der visionäre „Parsifal“ von Ruth Berghaus in Frankfurt mit Michael Gielen am Pult.

          Ein Loch in der Mitte

          Von solchen Vorgaben aber hält sich Audis neue Amsterdamer Version weitgehend frei. Der indische Künstler Anish Kapoor entwarf die Bühnenbilder: für den ersten Akt ein pompöses, rot illuminiertes Pappmaché-Gebirge, das sich nach der Verwandlung als ein hölzernes Gerüst präsentiert, in dem der Gralsritterchor kräftigen Chorklang à la Bayreuth abstrahlt. Klingsors Zauberschloss im zweiten Akt besteht aus einem riesigen Hohlspiegel, in dem auch das Orchester sich abbildet, den Sängern aber beschert er im Vorübergehen kurzzeitig eine Stimmverfärbung. Was soll’s?

          Im dritten Akt füllt eine breite und hohe Wand diagonal den Bühnenraum, mit einem kreisrunden Loch in der Mitte, über das sich dann im zweiten Teil der Hohlspiegel herabsenkt. Danach gibt es reines Regisseurstheater: Parsifal sticht mit dem zurückgebrachten Speer den leidenden Amfortas nieder, geht seitwärts nach hinten ab, die Gralsritter sinken tot zu Boden, nur der wackere Gurnemanz erlebt das Ende stehend. Wenn dieses ungewöhnliche Finale interpretatorisch vorbereitet worden wäre, könnte man darüber zumindest diskutieren.

          Ein einziger Hörgenuss

          Bleibt die Musik. Christopher Ventris als Parsifal, Petra Lang als Kundry, Alejandro Marco-Buhrmesters Amfortas, Mikhail Petrenko als Klingsor und Titurel sowie Falk Struckmanns Gurnemanz bilden ein ebenso namhaftes wie eindrucksvolles Sängerensemble, das sicher auch dann noch gut singen würde, wenn es eine differenziertere Personenregie gegeben hätte. Amsterdams Oper besitzt zwar kein eigenes Orchester, dafür Holland gleich mehrere, sie verleihen abwechselnd dem Opernhaus orchestralen Glanz. Diesmal war das Concertgebouworkest an der Reihe: wunderbarer Vollklang, dunkel grundiert, erlesene instrumentale Details. Ein Dirigent braucht sich nur darauf zu stützen, um zu gewinnen. Iván Fischer beließ es denn auch dabei. Wegweisende Ausdeutungen der Partitur wie etwa von Boulez, Gielen oder Abbado waren nicht zu hören.

          Das konnte man eher bei der jüngsten „Parsifal“-Produktion in Lyon erleben. Das aparte Haus, von Jean Nouvel vor rund zwanzig Jahren neu gestaltet, besitzt eine wunderbare Akustik. Hell, leicht und transparent klingt das Orchester, der Klang breitet sich differenziert und zugleich farbenreich im Raum aus. Und wenn der Dirigent Kazushi Ono heißt, dann weiß man, dass die Vorzüge des Klangraums der Musik hundertprozentig zum Vorteil gereichen. Onos „Parsifal“ - ein einziger Hörgenuss: Wagner modern, mit Debussy und Ligeti als Paten zur Seite. Und wenn die musikalische Basis derart stimmig ist, schwingen sich auch die Sänger zu großer Form auf: Georg Zeppenfelds Gurnemanz, Gerd Grochowskis Amfortas, aber auch der eindringlich gestaltende Parsifal von Nikolai Schukoff, Elena Zhidkovas Kundry und, wie in Amsterdam, Alejandro Marco-Buhrmester als Klingsor fanden sich zu einem überzeugenden „Parsifal“-Ensemble zusammen.

          Die Inszenierung von François Girard in den Bühnenbildern von Michael Levine öffnete die „Parsifal“-Geschichte in unsere Gegenwart: Zu Beginn erscheinen die Gralsritter in dunklen Anzügen, werfen das Jackett ab und bilden einen Kreis, wobei sie sich mit den Köpfen ins Kreis-Innere neigen. Diese „Ritter“ begleiten, als Menschen von heute, die Handlung, und Girard findet dafür immer wieder schlüssige szenische Formulierungen. Im zweiten Akt tut sich zwischen hohen Wänden ein blutroter Spalt auf - offenbar eine Allusion auf den Venusberg im „Tannhäuser“. Anspielungen wie diese sind bei Girard immer durchdacht, sie fügen sich intelligent in die „Parsifal“-Handlung ein.

          Lyons Intendant Serge Dorny leitet die Opéra de Lyon bald im zehnten Jahr. Wie schon einmal, unter Louis Erlo, läuft Lyon den Pariser Musiktheaterbühnen in Bezug auf Spielplangestaltung und dramaturgische Intelligenz schon seit längerem den Rang ab. Da stellt sich die Frage, ob Dorny, der fließend Deutsch spricht, seine Energien im Anschluss an seine Lyoner Zeit nicht auch einmal einem größeren deutschen Opernhaus zukommen lassen sollte. Hamburgs Staatsoper zum Beispiel könnte einen Intendanten wie ihn gut gebrauchen. Ganz sicher würde Dorny das farblos gewordene, darbende Haus zurückführen zu der modernen Linie, auf das hohe Niveau, welches mit der Ära Günter Rennert begann und über Rolf Liebermann bis zu den spannenden Zeiten eines Peter Ruzicka, Gerd Albrecht, Peter Konwitschny und Ingo Metzmacher führte.

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