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Wagners schönste Stellen (7) : „Das Rheingold“, 1. Szene, Takte 1 bis 136

Bild: Kat Menschik

Knapp über der Hörbarkeitsschwelle mit einem schillernden Gewand aus Obertönen: So beginnt „Das Rheingold“. In Russland, wo ich die meiste Zeit meines Berufslebens zubringe, hört man dieses Vorspiel mit noch mehr Emphase.

          Der Beginn des „Rheingold“-Vorspiels wird immer geheimnisvoller, je öfter man ihn hört. Es ist wie eine Halluzination: Die tiefsten Töne, die seinerzeit im traditionellen Orchester möglich waren, das tiefe Es der Kontrabässe, deren E-Saite sogar einen Halbton herabgestimmt wurde, mit der darüber liegenden Oktave, und die leere Quinte, das B der Fagotte, ebenfalls oktaviert, erklingen, alles knapp über der Hörbarkeitsschwelle mit einem schillernden Gewand aus Obertönen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Dreiklangsbrechungen der Hörner, die in immer kürzeren Abständen einsetzen, um in einen achtstimmigen Endloskanon zu münden, die lossprudelnden Dreiklangsläufe der Streicher scheinen nur „nachzusingen“ und zu strukturieren, was insgeheim und für feinere Ohren schon ohnehin da war.

          Noch bevor ich erfuhr, dass Wagner die Idee zu der Musik kam, als er fieberkrank in einer Fährkajüte lag, suchte mich das „Rheingold“-Vorspiel unter der Dusche heim. Es war ein russischer Neubau mit viel Luft in den Leitungen. Das Wasser hatte gerade den richtigen Druck und eine angenehme Temperatur, da drang aus der Wand ein tiefer, sonorer Halteton, der mich vage an etwas erinnerte.

          Das Rhein-Motiv im Wasserdampf

          Ich versuchte ihn nachzusingen, identifizierte erst eine Oktave, dann die Quinte, schließlich den vollständigen Dreiklang. Bald glaubte ich mich im Wasserdampf von Wagners Rhein-Motiv umfangen: Die singenden Rohrleitungen vergegenwärtigten mir die Welthaltigkeit von Wagners Kunst, aber auch, wie sehr wir der Musik zur Orientierung in der Welt bedürfen.

          Darin bestärkte mich um die gleiche Zeit mein russischer Freund, ein Naturbursche vom Dorf, der sich für die wirklich großartige russische Volks- und Kriegsmusik begeistert, dem aber fast alle große Kunstmusik - Haydn, Mozart, Beethoven, Mahler - irgendwie prätentiös vorkommt. Mit Ausnahme von Wagner.

          Andächtig saß er mehrere Wagner-Opern und zweimal einen kompletten „Ring“-Zyklus durch, erst in Sankt Petersburg, dann in Bayreuth. Wagners Musik sei wie die Natur, wie das Leben selbst, mit wahrhaftigem Heldentum, findet er. Als ich ihn fragte, ob er nicht auch Todesgewissheit darin höre, bejahte er emphatisch und erklärte, das gehöre zum Heroismus, werde aber von der russischen Musik verschwiegen.

          In diesem Land, wo ich die meiste Zeit meines Berufslebens zubringe, singt, spielt und hört der Mensch mit besonderer Leidenschaft, weil er sein Leben hier mehr „erleidet“ als „gestaltet“, also in besonderem Maß Membran ist. Doch auch das übergroße öde Land mit seinen überforderten Bewohnern wirkt wie ein Mega-Kontrabass, der die Musik stützt und ihr hilft, mehr von der Welt zu erzählen, weil sie an Problemen resonieren und Obertöne hervorbringen kann, denen sie ihr Entstehen ursprünglich verdankt.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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