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Wagners schönste Stellen (12) : „Siegfried“, 1. Aufzug, 1. Szene, Takte 1ff.

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Bild: Kat Menschik

Wie kein zweiter konnte sich Richard Wagner kompositorisch in den Schmerz seiner Figuren einfühlen. Woher hatte er diese Gefühlstiefe? Wagner kannte den Schmerz.

          Aus der Perspektive des Neurologen bewegt es mich immer wieder, an wie vielen Stellen in Wagners Werk das Thema Schmerz und Leiden sowie die damit verbundenen Bewusstseins- und Erlebnisinhalte spürbar sind und ein direktes Mitfühlen ermöglichen. Und ich stehe stets aufs Neue vor dieser einen Frage: Woher weiß er so viel darüber? Woran liegt es, dass er gerade Kopfschmerzen musikdramatisch so eingehend mitfühlbar macht? Wie kann ein Komponist solche eindringlich miterlebbaren Phänomene durch seine Musik und seine Dichtung affektiv, kognitiv und sogar in ihrer physischen Wirkung spürbar vermitteln, ohne sie womöglich selbst in dem komponierten Detailreichtum wahrgenommen zu haben?

          Die Stelle, die mich bei jedem Hören aufgrund der Wahrhaftigkeit der Emotionen eines intensiv miterlebbaren Kopfschmerzgeschehens staunend in Atem hält, ist das „Migräne-Leitmotiv“ zu Beginn des ersten Aufzugs von „Siegfried“, bevor sich die Musik allmählich in Bewegung setzt. Das Vorspiel baut die Ankündigungssymptome mit anschwellendem Pochen auf. Dieses steigert sich zu nervensägendem Pulsieren. Während dies im Innern des Hörers spürbar ist, hämmert Mime in der Außenwelt den akustischen Trigger für den so musikalisch erlebbaren, pochenden, pulsierenden und schmerzenden Migräneanfall. Schließlich lässt Wagner ihn entnervt klagen: „Zwangvolle Plage! Müh’ ohne Zweck!“

          Kennt man den Phänotyp von Migränekopfschmerzen aus der Schilderung von Patienten oder gar von sich selbst, kann man direkt die Empfindungen im Rahmen einer anschwellenden hämmernden und pochenden Migräneattacke miterleben. Wagner arbeitet das Kopfschmerzbild in der zeitlichen Entwicklung und in der gefühlten Ausgestaltung plastisch und mit eindrücklicher Realität heraus. Das scheint auch einigen Regisseuren aufgefallen zu sein.

          In der Lübecker „Siegfried“-Inszenierung von Anthony Pilavachi von 2009 wird der in der Musik schon intensiv erlebbare Migräneanfall noch durch das schmerzgeplagte Gesicht von Mime, das zitternde Halten des Kopfes und schließlich das Vermeiden körperlicher Aktivität durch Zu-Boden-Legen verdeutlicht. Ähnlich konsequent Claus Guth, er lässt in seiner Hamburger „Siegfried“-Inszenierung, aus demselben Jahr, Mime eine Überdosierung hastig eingenommener Kopfschmerztabletten schlucken und als Migränekomplikation einen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch induzieren.

          Wagner kannte den Schmerz

          In welcher Verfassung muss Wagner gewesen sein, als er dies komponierte? Er äußerte sich sehr offen über seine Leiden, ja, seine Behinderung durch die „ängstlichen Kopfschmerzen“ während der Arbeit an „Siegfried“, und zwar in einem Brief an Franz Liszt vom 27. Januar 1857: „Nun bin ich auch einmal wieder mit meiner Gesundheit so herunter, dass ich nun schon seit 10 Tagen, wo ich die Skizze zum ersten Acte des Siegfried beendigte, buchstäblich nicht einen Takt mehr niederschreiben konnte, ohne durch die ängstlichen Kopfschmerzen davon fortgejagt zu werden ... Ich habe mich eben einmal wieder übernommen: wie mich dann auffrischen?? Mit dem Rheingold ging’s unter diesen Verhältnissen noch ganz frisch; die Walküre machte mir schon großen Schmerz. Nun gleiche ich bereits einem sehr verstimmten Klavier (was mein Nervensystem betrifft) - darauf soll ich nun den Siegfried herausbringen. Schön! Mit dem Letzten endlich, denke ich, werden die Saiten reißen; und dann hat’s ein Ende. Nun, wir können’s nicht ändern! Es ist nun doch einmal ein Hundeleben!“

          Wagner beschreibt außerdem explizit die Situation während des Komponierens dieser Takte in seinen Memoiren „Mein Leben“. Er berichtet über seine ausgeprägte Geräuschüberempfindlichkeit, ein zentrales Begleitsymptom der Migräne, während des Komponierens: „Da stellte sich denn eine der Hauptplagen meines Lebens zu entscheidender Bedrängnis ein: Unserem Hause gegenüber hatte sich neuerdings ein Blechschmied einquartiert und betäubte meine Ohren fast den ganzen Tag über mit seinem weit schallenden Gehämmer. In meinem tiefen Kummer darüber, nie es zu einer unabhängigen, gegen jedes Geräusch beschützenden Wohnung bringen zu können, wollte ich mich schon entschließen, alles Komponieren bis dahin aufzugeben ...“

          Die „Hauptplage“ seines Lebens

          Richard Wagner beklagt in seinen Lebenserinnerungen, Briefen und Schriften eingehend und wiederholt den Leidensdruck durch seine unaufhörlichen, nervösen Kopfschmerzen: „Überhaupt ward auch an den folgendem Tage nicht eher nachgelassen, als bis ich mit allen Teilen meines ,Ring des Nibelungen’ zu Ende war. - Endlich trat Paris aber auch in seine Rechte, und als die Frauen nun sich nach den Museen aufmachten, war ich es, der, von unaufhörlichen nervösen Kopfschmerz geplagt, sich auf seinem Zimmer einsam zurückhielt.“ Und in einem Brief Wagners an Cäcilie Avenarius vom 12. Dezember 1844 heißt es: „Dir brummt der Kopf, Du kannst Dich nicht zurecht finden, bist wie im Traume u. Alles flimmert Dir vor den Augen? Ganz recht, das kennen wir aus Erfahrung sehr gut ...“

          Ja, Wagner kannte Migräne und Kopfschmerz aus eigener Erfahrung. Es war die „Hauptplage“ seines Lebens. Eine wirksame Migränetherapie unserer Zeit hätte ihm möglicherweise bedeutend mehr Schaffenskraft und Lebenszeit eröffnet. Auch das familiäre und soziale Leben der Wagners wäre wahrscheinlich weniger belastet gewesen. Und welche Auswirkungen hätten wohl eine adäquate Diagnose und nachhaltige heutige Migränetherapie auf seine Musik ausgeübt?

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern’!“ Aber gibt es nicht noch mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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