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Veröffentlicht: 19.05.2013, 11:03 Uhr

„Richard Wagner und die Juden“ bei Arte Sie nannten ihn den Rabbi von Bayreuth

Der New Yorker Filmemacher Hilan Warshaw hat sich neu umgehört zum Thema „Richard Wagner und die Juden“: Seine Dokumentation arbeitet polyphon und mit fein dosierten Widerhaken.

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© WDR/Overtone Films LLC Richard Wagner (Mitte) mit befreundeten jüdischen Musikern. Links der Pianist Joseph Rubinstein, rechts die Sängerin Lilli Lehmann

Die Geschichte beginnt am Strand von Tel Aviv, und sie endet am Strand von Tel Aviv. Könnte eine Tourismusreklame sein: Wochenend, Sonnenschirm, der Blick streift ein paar Segelboote, schweift über Häuserblocks, und als glitzerndes Band windet sich auch gleich die richtige Filmmusik um diese Bilder, mit einem Glücksglucksern der Hörner, sie stammt aus dem Vorspiel zum dritten Akt „Lohengrin“, passt wie angegossen.

Eleonore Büning Folgen:

Nach nicht mal zwanzig Sekunden platzt diese Idylle. Uri Chanoch, ein Überlebender des Holocaust, meldet sich zu Wort. Solange er noch lebe, sagt Chanoch, werde er dafür sorgen, dass Wagner nicht aufgeführt werde in Israel. Basta.

Und dabei kriecht immer noch im Hintergrund diese süße Elsabrautnachtliebesmusik herum, kriecht zwischen die Ritzen der harten Worte Chanochs, der es ja nicht verhindern kann, dass ihn der junge New Yorker Filmemacher Hilan Warshaw just in dem Moment, da er Wagners Musik in alle Ewigkeit verdammt, mit dieser unsterblich schönen und positiven Musik traktiert. Man kann das nun perfide finden oder auch gescheit nennen. Auf jeden Fall wird die Sache so plötzlich wieder interessant.

Gewisse Symbole sind heilig

Es sind diese fein dosierten Widerhaken und versteckten Kommentare, die Warshaws Film „Richard Wagner und die Juden“ über ein gewöhnliches Feature hinauswachsen lassen. Schon etliche Dokumentarfilme gab es in den letzten Jahren zu diesem Thema, einige im Kontext der von Daniel Barenboim vorangetriebenen musikalischen Völkerverständigung in Nahost.

Richard Wagner und die Juden © Overtone Films LLC Vergrößern Er war der Dirigent der Bayreuther Uraufführung des „Parsifal“: Hermann Levi

Alle diese Filme bezogen klar Stellung, doch ist keiner in Erinnerung, darin ein Autor beide Seiten so gerecht gleichermaßen zu Wort kommen ließ. Die Historikerin Dina Porat, die entschieden zur Anti-Wagner-Fraktion gehört, meint, dass jede Nation, die sich selbst respektiert, nun mal gewisse Symbole habe, die ihr heilig seien: „Warum wir nicht auch?“ - und stolpert dabei plötzlich selbst über die von ihr benutzte Vokabel „heilig“, die ihr als zu stark erscheint, zu wenig rational, zu sehr der Wagnerschen Welt zugehörig.

Der amerikanische Musikwissenschaftler und Dirigent Leon Botstein, ständiger Gastdirigent des Jerusalem Symphony Orchestra, ist ebenso entschieden dafür, dass Wagners Musik in Israel aufgeführt werden müsse, wie die anderen befragten Musiker: die Dirigenten Zubin Mehta und Asher Fish, der Komponist Tzvi Avni.

„Lohengrin“, eigentlich eine jüdische Phantasie

Sie alle verharmlosen Wagners Antisemitismus nicht. Doch wollen sie die Musik für sich retten und von diesem „Fluch“, wie Avni es nennt, befreien. Botstein geht noch einen provozierenden Schritt weiter. Er erinnert an die Überidentifikation jener Juden, die sich als Wagnerianer um Wagner scharten zu dessen Lebzeiten.

Gerade der „Lohengrin“ sei doch eigentlich eine klassische jüdische Phantasie: „Ich rette ein Land, ohne dass man meinen Namen oder meine Rasse kennt. Das ist die Phantasie des Außenseiters, der in den Mittelpunkt rückt, sie zog jeden jungen Juden in den Bann.“

Richard Wagner und die Juden © WDR/Overtone Films LLC Vergrößern Der Pianist Carl Tausig weihte Wagner sein Leben

Wagner selbst hatte lange Zeit geglaubt, dass er jüdischer Herkunft sei. Es gibt zeitgenössische Karikaturen, die ihn als „Rabbi von Bayreuth“ darstellten, der Film führt diese Bilder vor. Und er erzählt auch anhand von Bayreuther Archivmaterial vom Schicksal des „Parsifal“-Uraufführungsdirigenten Hermann Levi, der sich trotz der Erpressungsversuche Wagners nicht zur Taufe zwingen ließ; vom Sänger und Theaterintendanten Angelo Neumann ist die Rede, der tatkräftig mithalf, Wagners Werke zu verbreiten, und vom Geschick der Pianisten Carl Tausig und Joseph Rubinstein, die Wagner ihr Leben weihten. Und führt, nebenbei, kleine Ausschnitte aus deren Kompositionen vor.

Abendstimmung über dem Strand von Tel Aviv

Dieser Film fördert also auch Neues zum Thema zutage, er wirkt, bei aller Lakonik und Kürze ungeheuer komplex. Hilan Warshaw ist von Hause aus ein Musiker, ein Geiger. Vielleicht besitzt er deshalb diese Fähigkeit, quasi polyphon zu arbeiten, viele verschiedene Stimmen zu verfolgen und Widersprüche auszubalancieren, ohne dass er selbst als Autor nur ein einziges Mal das Wort ergriffen hätte.

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Am Ende senkt sich Abendstimmung über den Strand von Tel Aviv, und ein Zeitraffer verändert das Bild zu sinnlichen „Parsifal“-Klängen. Alles eine Frage der Zeit, so lautet das Fazit: Frühestens die nächste Generation der Israelis werde wohl anders mit Wagner umgehen können. Und Tzvi Avni, der mit seinen Eltern 1935 aus Deutschland floh, sagt es versöhnlich so: Auch dieser Fluch werde nicht ewig währen. Eines Tages sei Wagner einfach nur ein „legitimer Komponist“ wie andere Komponisten auch.

Glosse

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