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Kinderoper in Bayreuth Ein Liebestod kann keine halbe Sache sein

 ·  Irène Theorin triumphiert in Bayreuths Kinderoper „Tristan und Isolde“. Das von Katharina Wagner initiiert Vorzeigeprojekt startete 2009 mit einem „Holländer für Kinder“ und ist seitdem fester Bestandteil der Festspiele.

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© Jörg Schulze Vergrößern Ungetrennt, ewig einig, ohne End: Irène Theorin (Isolde) und Hans-Georg Priese (Tristan)

Die Bayreuther Festspiele laufen noch bis Ende August, doch die Bayreuther Kinderoper ist für diesen Sommer abgespielt. Schade! Nur zehn Vorstellungen waren angesetzt. Alles sofort ausgebucht, nur wenige Minuten nach dem Online-Vorverkaufsstart. Aus nächstliegenden Gründen nämlich ist es für Kinder noch viel schwieriger als für Erwachsene, eine Bayreuth-Karte zu ergattern.

Näher hat noch kein Wagnerliebhaber der Welt je einem Wagnersänger in voller Aktion auf den Pelz rücken dürfen, als es den Kindern, von acht Jahren an aufwärts, hier in „Tristan und Isolde“ gestattet wird - und, natürlich, einer Handvoll privilegierter Begleitpersonen, Eltern, Lehrern, Tanten, Onkeln, Pressevertretern. Nur ein Dutzend Zuschauerbänke gibt es auf der kleinen Probebühne, sie sind direkt ins Bühnenbild integriert. So sitzen wir alle mit an Deck des Schiffes, das erst nach Cornwall segelt, dann nach Burg Kareol, schließlich in die ewigen Jagdgründe.

An der Qualität der Musik wird nicht gespart

Einmal, es ist im dritten Aufzug, steht Tristan, todwund und im Fieberwahn um sein Leben singend, so dicht vor mir, dass ich in Versuchung bin, ihm die Spaghetti von der Lederhose zu pflücken, die dort schon seit dem zweiten Aufzug klebt, seit ihm Isolde auf dem Vorderdeck ein nächtliches Liebesmahl unterm Sternehimmel bereitet hatte, mit Nudelsalat und Kirschsaft. Doch wer weiß, ob dies nicht die einzig wahre Loriot-Nudel ist, die zu einer ernsthaften Wagner-Inszenierung dazugehört? Und wie sonst sollte man die blanke Verzweiflung ertragen, die dieser sich einsam in Sehnsucht verströmende Rittersmann und seine Stimmgewalt nach vorne hin ausstrahlen, wäre da nicht auf der Rückfront ein bisschen profane Teigware?

Auch sonst liegt das Entsetzen ganz dicht neben dem Gelächter. Etwa, wenn es brodelt und zischt im tragbaren Chemielabor von Frau Brangäne, die den Todestrank braut und der Fisch, den Tristan geangelt hat, als Erster davon kosten muss. Oder, wenn Frau Isolde den Sack mit dem abgeschlagenen Kopf von Ritter Morolt durch die Gegend schleudert und auskeilt und spuckt nach den Kerlen, die sie gekapert haben. Und dann bleibt den Kindern immer wieder buchstäblich der Mund offen stehen, wenn diese stinkwütende, wikingerblonde Ulknudel plötzlich einhält mit dem Toben und zu singen beginnt. Die Theorin ist es, unsere liebste Hochdramatische. Sie singt voll aus. Singt wie ein Glockensturm. Wie ein Tornado. Das Dach fliegt weg. Wir fliegen mit.

Irène Theorin ist eine der wenigen stahlklaren Isolden und Brünnhilden, die zurzeit unterwegs sind. Das Wort Kraft kann sie im Schlaf buchstabieren, Intonationsprobleme kennt sie nicht. Jahrelang war sie die offizielle Bayreuther Isolde, zuletzt in Berlin als Brünnhilde zu erleben. Aber dass sie auch herzzerreißend komisch sein kann, war bis jetzt unerkannt.

Nur die Besten der Sängerzunft, wie die Théorin (oder wie Simone Schröder als Brangäne, Hans-Georg Priese als Tristan, Jukka Rasilainen als Kurwenal) sind in Bayreuth gerade gut genug für die Kinderoper. Auch das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder) unter Leitung von Boris Schäfer spielt wiederum glänzend und klangschön. Genau das macht den Erfolg dieses Bayreuther Vorzeigeprojekts aus, initiiert von Katharina Wagner, gestartet 2009 mit einem „Holländer für Kinder“ (gefolgt vom „Tannhäuser“, „Ring“ und „Meistersingern“): Dass nicht gespart wird an der Qualität der Musik.

Auch, wenn gekürzt und bearbeitet werden muss, um ein Fünfstundendrama aufs Kindertheaterformat zu bringen, so erklingen doch alle wichtigen Schlüsselstellen in professioneller Vollständigkeit. Auch wird die Story weder verbogen noch verniedlicht: Ein Liebestod kann keine halbe Sache sein. Kinder wären wohl die Ersten, die es merken und übelnähmen, wenn heilige Versprechen wie ein „Auf ewig ungetrennt“ nicht eingehalten würden.

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