Ein fester Kuss. Tausend Sterne gehen auf. Tristans Schrei. Isoldes Tränen. Das muss Liebe sein. Ja, da laufen echte Tränen über ihre Wangen, jedenfalls würden wir gern glauben, dass sie echt sind, nicht vom Maskenbildner vorbereitet. Und auch die Stimme dieses jungen Prachtweibs, das da zwischen all den totgeschlagenen Helden kniet am Ende des letzten Akts, klingt nicht mehr, wie vorher, triumphierend trompetenklar, sondern tränenumflort.
Aus dem Schnürboden fällt, nach gut fünf Stunden voll süßer Vorhalts-Chromatik und unaufgelöster Dissonanz, ein finaler Lichtstrahl, so schneidend weiß, als hätte ein Zeichenstift ihn in die Dunkelheit gemalt - eine Jakobsleiter, die ins Jenseits führt.
Wann haben wir so etwas zum letzten Mal gesehen, wenn nicht im Traum? In der Wirklichkeit laufen alle Aufführungen von „Tristan und Isolde“ in jüngster Zeit stattdessen auf eine Apotheose der Negation hinaus. Heutige Opernregisseure beantworten die unverschämte Maßlosigkeit dieser Musik, ihr triebhaftes Wuchern und ihre Überdeutlichkeit mit einer betont liebeleeren Bildersprache, die auf Distanz geht: Sinnlichkeit durch Aussparung.
Schon bei Heiner Müllers „Tristan“-Inszenierung (Bayreuth, 1993) durften sich die Liebenden, eingezwängt in ihre Einsamkeitspanzer, nicht mehr berühren. Bei Christoph Marthaler (Bayreuth 2005) sahen sie sich nicht einmal mehr an. Mit die eindringlichsten „Tristan“-Aufführungen, die wir in Erinnerung haben, fanden sowieso konzertant statt.
Wagner in Minden ist Kult
Richard Wagner hatte also nicht ganz unrecht, als er, etwas kokett, an seine Freundin Mathilde Wesendonck schrieb: „Ich fürchte, die Oper wird verboten, falls durch schlechte Aufführungen nicht das Ganze parodiert wird -: nur mittelmässige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen.“ Es gibt keine „vollständig“ guten Aufführungen von „Tristan und Isolde“, das verbietet das Werk. Aber jetzt, in Minden, bei der „Tristan“-Aufführung, die vom örtlichen Richard-Wagner-Verband auf die Beine gestellt wurde, ist wenigstens Schluss mit der falschen Askese. Hier in Minden wird wieder geliebt, geküsst.
Wagner in Minden ist längst Kult. Bereits zum vierten Mal ist es jetzt der schwärmerisch-tatkräftigen Rechtsanwältin und Wagnerverbandsvorsitzenden Jutta Winckler gelungen, ihre Mitbürger so hinreichend für diese Idee zu begeistern, dass das nötige Geld dafür zusammenkam. Die Stadt Minden nennt zwar ein schmuckes Jugendstil-Theater ihr Eigen: 528 Plätze, Baujahr 1908; aber sie kann sich den lebensnotwendigen Luxus eines festen Ensembles nicht leisten.
Unerhört lebendig und riskant
Hier tritt Frau Winckler auf den Plan. Sie sucht Sponsoren, telefoniert und organisiert. Und wenn es dann so weit ist, engagiert sie Chor, Orchester, Dirigent, Solisten, Regisseur und Ausstatter. 2002 ging das los mit dem „Fliegenden Holländer“, schon damals stand ihr beim Casting und auch sonst der vortreffliche Kapellmeister Frank Beermann zur Seite, hauptberuflich Generalmusikdirektor in Chemnitz, wo er sich mit der Wiederaufführung vergessener Opernwerke aus den Zwanzigern einen Ruf erworben hat. 2005 erarbeitete Beermann dann für Minden einen vielbeachteten „Tannhäuser“, 2009 „Lohengrin“, diesmal: „Tristan und Isolde“.
Da der Orchestergraben in Minden zu klein ist für ein Wagnerorchester, sitzt die Nordwestdeutsche Philharmonie, das größte und beste von drei NRW-Landesorchestern, auch diesmal wieder auf der Bühne, nur halb verborgen hinter einem dünnen Vorhang, der dann später, je nach Lichteinfall, mehr oder weniger durchsichtig ist. Beermann nimmt das Vorspiel zum ersten Aufzug unpathetisch schnell.
Filigran und durchsichtig klingt das, ist aber agogisch stark ausdifferenziert, so, dass die einzelnen Phrasen lebhaft aufblühen und die Klangbalance beständig auf der Kippe steht. Eine unerhört lebendige, zugleich riskante „Tristan“-Lesart, die sich nur jemand leisten kann, der ein ausgezeichnetes Orchester (wie dieses) hundertprozentig im Griff hat.
Und der Regisseur Matthias von Stegmann samt Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann haben mit einem einfachen, perspektivischen Trick dafür gesorgt, dass es so aussieht, als führen Orchester und Dirigent in einen Sonnenaufgang hinein. Ja, als säßen sie ganz vorne am Bug eines Schiffsdecks - wir als Zuschauer also gewissermaßen im Heck. Es ist das Schiff, das Tristan und Isolde nach Kornwall bringt zu König Marke. Alle sitzen drin. Keiner kommt davon. So nimmt das Unheil seinen Lauf.
Die Wagnerfahne auf dem Dach
Vier kleine Rettungsboote, dazu drei Seemannskisten, später ein halbes Dutzend Ruder. Das ist schon alles an Requisiten. Mehr passt auch nicht auf den schmalen Streifen der Spielfläche vorne an der Rampe. In einem der Boote liegt Isolde, sie schläft. Sehr groß, sehr blond, sehr schön. Noch schöner aber das Erschrecken, als sie aufsteht und singt. Die Stimme der amerikanischen Sopranistin Dara Hobbs hat einen enormen Ambitus, sie ist auch sicher schon etwas zu mächtig für dieses kleine Haus. Aber es ist genau die Isoldenstimme, auf die wir lange gewartet haben: mit einer orgelnden Tiefe und einer satten Mittellage und einer mühelosen, engelstrompetengleichen Durchschlagkraft in der Höhe, die an Birgit Nilson erinnert.
So singt sie ihren Geliebten ein ums andere Mal an die Wand, obgleich der Tristan von Andreas Schlager eine Menge schönes Metall in der Kehle hat und ebenfalls mächtig auftrumpfen kann. Die Stimme von Ruth Maria Nicolay (als Brangäne) ist schärfer und kleiner. Aber die beiden Frauenstimmen passen sehr gut zusammen. Der treue Knecht Kurwenal wird von dem bayreuthbewährten Roman Trekel verkörpert, der mittlerweile kehlig belegt und wie ausgebremst klingt; aber der Ausdruck ist immer noch leidenschaftlich und wahrhaftig.
Und wieder reisten von weit her die Wagnerfreunde an nach Minden zur Premiere. Auch Wagnerenkelin Verena Lafferentz als Schirmherrin ist dabei, Eva Wagner-Pasquier spricht die Grußworte vorneweg. Und auf dem Theaterdach weht, wie in Bayreuth, die Wagnerfahne. Vom Theater-Balkon herab aber tönen, wie in Bayreuth, zur Pause die tristanesken Blechbläserfanfaren, gespielt vom Bläserkreis der Schaumburg-Lippischen Landeskirche. Schon in der ersten Aktpause kann sich Frau Winckler kaum noch retten vor den Fragen: Was gibt es beim nächsten Mal? Und wann? Vielleicht: Einen Mindener „Ring“? In Bayreuth wird der nächste „Tristan“ 2015 von Katharina Wagner inszeniert werden. Mit oder ohne Kuss.
Unglaulich! Unglaublich! Höchste Lust!
Ernst Roberts (LetsLoveLongLife)
- 11.09.2012, 20:47 Uhr
Wagner Inszenierung
Günter Jäger (rohrbacher)
- 11.09.2012, 20:29 Uhr
"Tausend Sterne gehen auf. Tristans Schrei. Isoldes Tränen.
Das muss Liebe sein..."
Helmut Teichmann (teichh1)
- 11.09.2012, 20:00 Uhr