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Richard Wagner in Minden Hier weht Bayreuths Fahne auf dem Dach

Die Stadt Minden hat kein Opernensemble, aber einen aktiven Richard-Wagner-Verband. Er sorgte jetzt für eine fulminante Aufführung von „Tristan und Isolde“.

© Friedrich Luchterhandt Der Himmel hängt voller Rettungsboote, wenn die Nacht der Liebe herniedersinkt

Ein fester Kuss. Tausend Sterne gehen auf. Tristans Schrei. Isoldes Tränen. Das muss Liebe sein. Ja, da laufen echte Tränen über ihre Wangen, jedenfalls würden wir gern glauben, dass sie echt sind, nicht vom Maskenbildner vorbereitet. Und auch die Stimme dieses jungen Prachtweibs, das da zwischen all den totgeschlagenen Helden kniet am Ende des letzten Akts, klingt nicht mehr, wie vorher, triumphierend trompetenklar, sondern tränenumflort.

Eleonore Büning Folgen:

Aus dem Schnürboden fällt, nach gut fünf Stunden voll süßer Vorhalts-Chromatik und unaufgelöster Dissonanz, ein finaler Lichtstrahl, so schneidend weiß, als hätte ein Zeichenstift ihn in die Dunkelheit gemalt - eine Jakobsleiter, die ins Jenseits führt.

Wann haben wir so etwas zum letzten Mal gesehen, wenn nicht im Traum? In der Wirklichkeit laufen alle Aufführungen von „Tristan und Isolde“ in jüngster Zeit stattdessen auf eine Apotheose der Negation hinaus. Heutige Opernregisseure beantworten die unverschämte Maßlosigkeit dieser Musik, ihr triebhaftes Wuchern und ihre Überdeutlichkeit mit einer betont liebeleeren Bildersprache, die auf Distanz geht: Sinnlichkeit durch Aussparung.

Schon bei Heiner Müllers „Tristan“-Inszenierung (Bayreuth, 1993) durften sich die Liebenden, eingezwängt in ihre Einsamkeitspanzer, nicht mehr berühren. Bei Christoph Marthaler (Bayreuth 2005) sahen sie sich nicht einmal mehr an. Mit die eindringlichsten „Tristan“-Aufführungen, die wir in Erinnerung haben, fanden sowieso konzertant statt.

Wagner in Minden ist Kult

Richard Wagner hatte also nicht ganz unrecht, als er, etwas kokett, an seine Freundin Mathilde Wesendonck schrieb: „Ich fürchte, die Oper wird verboten, falls durch schlechte Aufführungen nicht das Ganze parodiert wird -: nur mittelmässige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen.“ Es gibt keine „vollständig“ guten Aufführungen von „Tristan und Isolde“, das verbietet das Werk. Aber jetzt, in Minden, bei der „Tristan“-Aufführung, die vom örtlichen Richard-Wagner-Verband auf die Beine gestellt wurde, ist wenigstens Schluss mit der falschen Askese. Hier in Minden wird wieder geliebt, geküsst.

Wagner in Minden ist längst Kult. Bereits zum vierten Mal ist es jetzt der schwärmerisch-tatkräftigen Rechtsanwältin und Wagnerverbandsvorsitzenden Jutta Winckler gelungen, ihre Mitbürger so hinreichend für diese Idee zu begeistern, dass das nötige Geld dafür zusammenkam. Die Stadt Minden nennt zwar ein schmuckes Jugendstil-Theater ihr Eigen: 528 Plätze, Baujahr 1908; aber sie kann sich den lebensnotwendigen Luxus eines festen Ensembles nicht leisten.

Unerhört lebendig und riskant

Hier tritt Frau Winckler auf den Plan. Sie sucht Sponsoren, telefoniert und organisiert. Und wenn es dann so weit ist, engagiert sie Chor, Orchester, Dirigent, Solisten, Regisseur und Ausstatter. 2002 ging das los mit dem „Fliegenden Holländer“, schon damals stand ihr beim Casting und auch sonst der vortreffliche Kapellmeister Frank Beermann zur Seite, hauptberuflich Generalmusikdirektor in Chemnitz, wo er sich mit der Wiederaufführung vergessener Opernwerke aus den Zwanzigern einen Ruf erworben hat. 2005 erarbeitete Beermann dann für Minden einen vielbeachteten „Tannhäuser“, 2009 „Lohengrin“, diesmal: „Tristan und Isolde“.

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