Wenn in "Onkel Wanja" von 1896, Tschechows kürzestem Stück, am Ende Sonja und Wanja am Kontortisch sitzen und "für andere arbeiten, jetzt und auch im Alter, ohne Ruhe zu kennen" und "die Versuchungen ertragen, die das Schicksal uns bringt" und erst "jenseits des Grabes sagen, daß wir gelitten haben, daß wir geweint haben, daß es uns bitter schwer war", und wenn dann Sonja sich hinüber zu Gott und den Engeln träumt und den Himmel "ganz in Diamanten" erblickt und insgesamt fünfmal "Wir werden ausruhen!" seufzend-hoffend ruft, während jetzt noch das Leben als unaufhörliche Arbeit und Fron auf ihnen lastet wie ein großer, grauer Fluch, dann würde selbst der weichgesottenste Gewerkschafter sofort die Nullstundenwoche bei vollem Lohnausgleich fordern mögen. Mit tränenüberströmtem Gesicht.
Nun aber plötzlich, im Münchner Residenztheater, zieht Sonja ihr rosafarbenes Jersey-Jäckchen enger um die Schultern, greift in den Bund ihres Rockes, holt dort Zigaretten und Feuerzeug hervor, greift in den Schuhkarton mit den liegengebliebenen Rechnungen und macht sich, genußvoll und tief den Rauch inhalierend, über Zahlen und Fakten her, als lese darin den geglückten Liebesroman, den sie zuvor mit dem Doktor nicht hatte ausleben können. Und Wanja schnorrt bei ihr grinsend eine Kippe, faltet aus Geschäftsbriefen Papierschwalben, die er ihr zuwirft wie ein alberner Schulbub. Als flögen damit alle seine Sehnsuchte, die er vergeblich auf Jelena geworfen hatte, die junge zweite Frau des alten Professors, auf den er dann auch ("Peng, daneben!") zwei richtige Wut- und Eifersuchtspistolenkugeln abgefeuert hatte, nun durch die Luft wie komische Geisterfunken. Von Fluch und Last keine Spur. Es herrscht eine unbeschreibliche Freude.
Anna Schudt und Rainer Bock spielen die Sonja und den Wanja, Nichte und Onkel, in einen seltsamen Heiterkeitsrausch hinein: Arbeit als Glück,Tollheit, ja Abenteuer. Als hätten sie etwas Seltenes, Aussterbendes in Kinderhänden und dürften von nun an damit ganz allein spielen. Und die ganze Schießerei und Liebelei und das um Küsse Betteln und Schmachten waren nur irrwitzige Ablenkungen vom wahren Glück. Von nichts reden ja Tschechows im Leben und in der Liebe verlorene Menschen mehr als vom Arbeiten (und nichts tun sie weniger). Es ist daher schon ein bißchen mehr als nur genial, wenn die knapp vierzigjährige Regisseurin Barbara Frey, die schon bisher dadurch auffiel, daß sie nach den Freuden im Tragischen suchte (eine Trauerkloßzerlegerin, die der jugendtrüben Berliner Schaubühne zum Beispiel zu frohgemut war), nun einfach den Tschechow ganz naiv fröhlich beim Zukunftswort nimmt. So entdeckt sie ein völlig neues Stück. "Onkel Wanja" - eine Arbeitsunterbrechungskomödie. Labor interruptus. Jeder Interruptus ist komisch. Wanjas Witz, den Rainer Bock aus der Hüfte heraus in eine grotesk schlaffe Rückenlage kippen läßt, stakst unaufhörlich wie ein unterbrochener Storch durch den Liebessalat - wo doch das Futter ganz wo anders liegt.
Der Tisch, an dem Sonja und Wanja am Schluß sitzen, ist der Mittelpunkt der sonst leeren Bühne: Zentrum und Altar. Er ist noch voller Cognac-, Wodka-. Whisky-, Gin-Flaschen, Käse- und Brotzeitteller, unter denen die Geschäftsakten des Gutes, das die beiden bewirtschaften müssen, fast völlig verschwunden sind. Und ein altes Radio mit herrlichem grünen Leuchtröhren-Auge thront über allen Flaschen wie ein Götze. Lauter Ablenkungsinstrumente, mit denen dauernd das Schönste, die Arbeit, unterbrochen wurde - fürs Zweitschönste: die Liebe. Dauernd hieß es: Kopf hoch! Dies ist ein Liebesüberfall! In Andrea Breths "Wanja"-Inszenierung, 1998 in Berlin (später nach Wien mitgenommen), war die Liebe wie ein wirbelnder Geisterspuk über die Menschen gekommen; bei Barbara Frey wie ein grotesker Gangster-Coup. Es ist wohl kein Zufall, daß die beiden eindringlichsten, komischsten und leichtesten "Wanja"-Erkundungen unserer Zeit von intelligenten Frauen in Szene gesetzt wurden: Sie kennen wohl den Preis besser, den Liebe und Leben kosten.
Gleich zu Beginn sitzt an einem der vielen Klappsessel, die in die weißen kahlen Wände ringsum eingelassen sind, der Doktor. Stefan Hunstein hängt an der Wand wie erschossen, ein aggressives, in die Enge getriebenes, strubbeliges Mannstier, unterm Strich seiner Lebensbilanz mit Müh und Not als schwarze Null angekommen, bewußt- und haltlos und über sich und seine Hobbys und Fanatismen (Wald pflegen, Natur retten, Schöpfung bewahren, Arbeiter operieren und dergleichen Blabla) lauthals und zynisch lachend. In Wahrheit giert er nach Wodka und Weibern. Weiß aber gar nicht, daß seine Gier gar nicht mehr ihm gehört.
Also muß er zu dem lächerlichen und urkomisch in ein blaßblaues Fähnchen gewickelten und auf hohen weichen Tennisstiefelchen daherlatschenden Wesen "Friß mich, kleines Raubtier!" sagen, worauf die Blonde, die sich rasch noch heimlich schminkt und diverse Bein- und Spreizstellungen ausprobiert erst empört schnutig abhaut, im nächsten Moment aber in wilder Umschlingung den Mediziner kopuliernd an die Wand klatscht, dieweil Onkel Wanja, der auch hinter ihr her sein muß, obwohl ihm Buchhaltung viel besser bekäme, mit unsagbar peinlich gesenktem Kopf einen Rosenstrauch dem stöhnenden Paare entgegenhält und "Ist gar nicht schlimm!" sagt.
Und es ist nicht schlimm. Es denunziert die Figuren nicht. Macht sie nicht lächerlich, überfährt sie nicht. Sondern treibt sie in einen leichten, wunderhellen, urkomischen Wahnsinn hinein. Sie wissen wirklich nicht, was sie tun. Wie Kinder, die von ihren Lebenshausaufgaben weg- und auf die Straße laufen und sich dort an wilden Spielen berauschen - bis das Leben ihnen eins hinten drauf gibt .
Sunnyi Melles ist als Jelena das größte und kindsköpfigste dieser Kinder. Die junge Frau eines alten Professors, dessen erster gestorbener Frau das Gut gehört, das Sonja, seine Tochter und Wanja, der Bruder der ersten Frau, bewirtschaften, ist nicht wie sonst in "Wanja"-Inszenierungen das freibleibend geheimnisvoll verquälte erotische Angebot für den Doktor und Wanja. Sie ist die erste Liebesspielerin und Ablenkerin. Naiv und unschuldig. Eva fatal. Die total veräußerlichte Frau. Sie köpft Flaschen, flätzt sich in Stühlen, flirtet mit ihrem Mann, dem sie kichernd verspricht: "Wart doch ab, bald bin ich auch alt". Sie hilft dem plötzlich halb nackt vor ihr stehenden Wanja, der ihre Hand auf seinen Hosenladen preßt ("Mein Gott, ist das eklig"), wieder ins Hemd. Sie treibt den Doktor in die Ekstase der Stell-dich-nicht-so-an!-Schnoddrigkeiten. Sie formt und macht als superoxydblaß strahlende Hexe und Circe aus allem Männlichen ringsum rührend schweinische Liebhaber. Selbst ihren Mann, den gichtigen, trockenen Professor, verzaubert sie zum Beau wider Willen, der den Künstlerschal überm schwarzen Anzug trägt, hie und da verzweifelte Küsse bei ihr sucht. Wenn sie ihn maliziös fragt: "Was willst du von mir?", muß er einfach "Nichts" sagen, denn er wird nichts mehr von ihr wollen können. Thomas Holtzmann spielt ihn mit sonorer Noblesse als wehen geriatrischen Clown und emeritierten Lover. Wenn er "Herrschaften, man muß was tun" seufzt und dabei weinend auf den Boden stampft, dann hat er den Primat der Arbeit vor der Liebesarbeitslosigkeit sehr komisch behauptet.
Dann fällt Wanjas Schuß, aus dem Radio tönen Rachmaninow und Prokofjew, Sehnsuchts- und Liebesmelodien, hart erarbeitet durchs Rauschen der Röhren, man schmollt und drückt sich an Wänden entlang, greift nach Rocksäumen, kann sich kaum noch in die Augen sehen und schüttelt langsam die durcheinander gebrachten Seelen wieder aus wie einen flohveseuchten Teppich. Die Liebe nämlich war eine Höllenmacht im schwülen Sommer. Jetzt ist das vorbei. Der klare Winter kommt, Jelena und ihr Professor reisen ab. Nun geht's wieder an die Arbeit. Die Flohstiche aber aus der Hölle sind nicht vergessen. Sie leuchten wie entzündete, tolle Seelenpickel. Und wenn Sonja schwärmt: "Wir werden ausruhen!", dann wird keine Ruhe sein, sondern in der Ruhe ein unheimliches Gelächter, das die Erinnerung an die Flöhe hervorkitzelt. So lange man noch Arbeit hat, macht auch die Liebe froh. Das ist der Gegenwartszug des "Onkel Wanja". Barbara Frey hat ihn entdeckt. Voila, ein Talent.