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Veröffentlicht: 20.12.2012, 15:53 Uhr

René Pollesch in Zürich Die Ährenleserin wird allein von uns gelesen

Wie der Kapitalismus ins Bühnenbild kommt und das Theater fast ganz auf sein Publikum verzichten kann: René Pollesch zeigt im Schauspielhaus Zürich sein neues Stück „Macht es für euch!“

von Martin Halter, Zürich
© Matthias Horn Zuschauer sind hier eigentlich nicht vorgesehen; auf und über Polleschs Bühne spielt jeder nur für sich allein: „Macht es für euch!“ im Schauspiel Zürich

René Pollesch wiederholt sich nicht. Schon die Titel seiner Stücke bringen ja immer wieder „Neues vom Dauerzustand“. So greift zwar „Macht es für euch!“, sein schon siebtes in diesem Jahr, das Schlusswort von „Kill your Darlings“ auf, korrigiert aber zugleich ältere wie „Was du auch machst, mach es nicht selbst“. Das liegt an seinen neuen Lektüren, die er seinen Diskurskomödien unterlegt. Nach Adorno, Foucault und Donna Haroway steht jetzt der österreichische Kulturphilosoph Robert Pfaller hoch im Kurs, was heißt: Schluss mit dem Gesülze von Wahrheit, Seele und authentischen Gefühlen. Der Körper ist der materialistische Kern der Schauspielerei, ihr Ziel nicht Selbstverwirklichung durch schlecht bezahlte Kreativität, sondern hedonistischer Selbstgenuss.

So sieht man jetzt vier Schauspieler, die in der Box des Zürcher Schiffbaus mit viel Herzblut einen Liebesfilm drehen (und beim Stichwort „langweilig“ knutschend übereinanderherfallen), und zehn Praktikanten, die sich den dummen Satz aller Möchtegern-Kreativen, „Ich mache das hier nicht für Geld“, zu eigen machen. Der Kapitalismus zieht ja, wie Michael Sandel in dieser Zeitung nachgewiesen hat, Heiliges und Unbezahlbares in den Kreislauf von Lohn, Preis und Profit. Den eigentlichen Skandal aber hat Sandel laut Pollesch übersehen: Das meiste im Leben - Liebe, Opfer, Spiele - wird immer noch nicht anständig bezahlt.

Doppelter Boden

Pollesch hat den ganzen „Authentizitätsschwindel“ und „Kreativitätsterror“ des Repräsentationstheaters schon lange satt, und das Publikum lässt sich von Theoriefarcen, in denen die Akteure meist diskutierend hinter den Kulissen bleiben, nicht unbedingt ergreifen. Aber „die da oben“ auf und hinter der Bühne haben einen Heidenspaß, wenn sie sich endlich mal mit hemmungslosem Chargieren, verschwurbelten Selbstreflexionen und augenzwinkernden Insiderspäßchen für Ausbeutung und Selbstentfremdung rächen dürfen.

Das Bühnenbild ist wie immer bei Pollesch doppelbödig. Den materialistischen Unterbau seiner Kapitalismuskritik bilden die Warenregale eines Supermarkts; darüber erhebt sich der Überbau von Opernlogen für den Ernst gespielter Schlafzimmer-Gefühle und die Geheimnisse des Making-of-Melodrams. Auf der Showtreppe kann man Filmzitate ausrollen, sich in Pyjamas „hinauf schlafen“ und in kunstgeschichtlichen Kostümen unter seinem Niveau genießen. Inga Busch spielt im Robin-Hood-Kostüm die hysterische Hollywood-Diva, Jirka Zett ist einem Rembrandt-Bild entsprungen, Patrick Güldenberg Picassos blauer Junge, Jan Bluthardt eine Vermeer-Magd. Und auch die zehn prekären Hilfsarbeiter am Filmset haben mindestens einen Satz und einen Gag wie etwa heiteres Musikraten mit dem Smartphone-App.

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Auf die Stufen der Treppe ist Millets Bild „Die Ährenleserinnen“ von 1857 gemalt, das, allerdings in einer Neuinterpretation von Banksy, eine große Rolle an diesem Abend spielt. Der Straßenkünstler aktualisiert gerne klassische Meisterwerke, etwa Michelangelos David als Selbstmordattentäter. Wenn er eine müde Ährenleserin aus Millets Gemälde treten und auf dem Goldrahmen eine Zigarette rauchen lässt, dekonstruiert Banksy nicht nur Millets schwerblütigen sozialen Realismus, sondern versetzt auch dem kapitalistischen Kunstbetrieb eine Ohrfeige: Millet hat seine Modelle und Musen vermutlich nicht einmal bezahlt; also haben sie jedes Recht, aus seinem Bild zu treten.

Auch aus Polleschs Stück treten immer wieder unterforderte Schauspieler, unterbezahlte Praktikanten und ährenamtliche Pfaller-Leserinnen hervor, um eine Brecht’sche Zigarettenpause einzulegen. Das ist anfangs nicht ohne Komik, erschöpft sich aber bald in Redundanzen, augenzwinkernden Schauspielerspielchen und nachlässig gepflückten Lesefrüchten. Die Polleschtruppe macht hier alles nur für sich. Die Zuschauer haben das Nachsehen und dürfen am Ende froh sein, dass sie beim finalen Check nicht als unbezahlte Mitspieler einbezogen werden. Polleschs Hymne auf das Theaterspielen als Erkenntnis kommt seinem Ideal eines „Theaters ohne Publikum“ schon ziemlich nahe.

Quelle: F.A.Z.

 

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