Home
http://www.faz.net/-gs3-757mb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

René Pollesch in Zürich Die Ährenleserin wird allein von uns gelesen

Wie der Kapitalismus ins Bühnenbild kommt und das Theater fast ganz auf sein Publikum verzichten kann: René Pollesch zeigt im Schauspielhaus Zürich sein neues Stück „Macht es für euch!“

© Matthias Horn Vergrößern Zuschauer sind hier eigentlich nicht vorgesehen; auf und über Polleschs Bühne spielt jeder nur für sich allein: „Macht es für euch!“ im Schauspiel Zürich

René Pollesch wiederholt sich nicht. Schon die Titel seiner Stücke bringen ja immer wieder „Neues vom Dauerzustand“. So greift zwar „Macht es für euch!“, sein schon siebtes in diesem Jahr, das Schlusswort von „Kill your Darlings“ auf, korrigiert aber zugleich ältere wie „Was du auch machst, mach es nicht selbst“. Das liegt an seinen neuen Lektüren, die er seinen Diskurskomödien unterlegt. Nach Adorno, Foucault und Donna Haroway steht jetzt der österreichische Kulturphilosoph Robert Pfaller hoch im Kurs, was heißt: Schluss mit dem Gesülze von Wahrheit, Seele und authentischen Gefühlen. Der Körper ist der materialistische Kern der Schauspielerei, ihr Ziel nicht Selbstverwirklichung durch schlecht bezahlte Kreativität, sondern hedonistischer Selbstgenuss.

So sieht man jetzt vier Schauspieler, die in der Box des Zürcher Schiffbaus mit viel Herzblut einen Liebesfilm drehen (und beim Stichwort „langweilig“ knutschend übereinanderherfallen), und zehn Praktikanten, die sich den dummen Satz aller Möchtegern-Kreativen, „Ich mache das hier nicht für Geld“, zu eigen machen. Der Kapitalismus zieht ja, wie Michael Sandel in dieser Zeitung nachgewiesen hat, Heiliges und Unbezahlbares in den Kreislauf von Lohn, Preis und Profit. Den eigentlichen Skandal aber hat Sandel laut Pollesch übersehen: Das meiste im Leben - Liebe, Opfer, Spiele - wird immer noch nicht anständig bezahlt.

Doppelter Boden

Pollesch hat den ganzen „Authentizitätsschwindel“ und „Kreativitätsterror“ des Repräsentationstheaters schon lange satt, und das Publikum lässt sich von Theoriefarcen, in denen die Akteure meist diskutierend hinter den Kulissen bleiben, nicht unbedingt ergreifen. Aber „die da oben“ auf und hinter der Bühne haben einen Heidenspaß, wenn sie sich endlich mal mit hemmungslosem Chargieren, verschwurbelten Selbstreflexionen und augenzwinkernden Insiderspäßchen für Ausbeutung und Selbstentfremdung rächen dürfen.

Das Bühnenbild ist wie immer bei Pollesch doppelbödig. Den materialistischen Unterbau seiner Kapitalismuskritik bilden die Warenregale eines Supermarkts; darüber erhebt sich der Überbau von Opernlogen für den Ernst gespielter Schlafzimmer-Gefühle und die Geheimnisse des Making-of-Melodrams. Auf der Showtreppe kann man Filmzitate ausrollen, sich in Pyjamas „hinauf schlafen“ und in kunstgeschichtlichen Kostümen unter seinem Niveau genießen. Inga Busch spielt im Robin-Hood-Kostüm die hysterische Hollywood-Diva, Jirka Zett ist einem Rembrandt-Bild entsprungen, Patrick Güldenberg Picassos blauer Junge, Jan Bluthardt eine Vermeer-Magd. Und auch die zehn prekären Hilfsarbeiter am Filmset haben mindestens einen Satz und einen Gag wie etwa heiteres Musikraten mit dem Smartphone-App.

Mehr zum Thema

Auf die Stufen der Treppe ist Millets Bild „Die Ährenleserinnen“ von 1857 gemalt, das, allerdings in einer Neuinterpretation von Banksy, eine große Rolle an diesem Abend spielt. Der Straßenkünstler aktualisiert gerne klassische Meisterwerke, etwa Michelangelos David als Selbstmordattentäter. Wenn er eine müde Ährenleserin aus Millets Gemälde treten und auf dem Goldrahmen eine Zigarette rauchen lässt, dekonstruiert Banksy nicht nur Millets schwerblütigen sozialen Realismus, sondern versetzt auch dem kapitalistischen Kunstbetrieb eine Ohrfeige: Millet hat seine Modelle und Musen vermutlich nicht einmal bezahlt; also haben sie jedes Recht, aus seinem Bild zu treten.

Auch aus Polleschs Stück treten immer wieder unterforderte Schauspieler, unterbezahlte Praktikanten und ährenamtliche Pfaller-Leserinnen hervor, um eine Brecht’sche Zigarettenpause einzulegen. Das ist anfangs nicht ohne Komik, erschöpft sich aber bald in Redundanzen, augenzwinkernden Schauspielerspielchen und nachlässig gepflückten Lesefrüchten. Die Polleschtruppe macht hier alles nur für sich. Die Zuschauer haben das Nachsehen und dürfen am Ende froh sein, dass sie beim finalen Check nicht als unbezahlte Mitspieler einbezogen werden. Polleschs Hymne auf das Theaterspielen als Erkenntnis kommt seinem Ideal eines „Theaters ohne Publikum“ schon ziemlich nahe.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mindestlohn für Praktikanten Gefährlich teuer

Wer länger als drei Monate in einen Job hineinschnuppert, muss einen Mindestlohn von 1500 Euro erhalten. So viel zahlt noch nicht einmal die Arbeitsministerin. Mehr Von Corinna Budras

29.01.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Film-Trailer Kill the Boss 2

Christoph Waltz ist im Kino gerade als fieser Chef zu sehen. Im Interview spricht er über Freiheit, Festanstellung und Rebellion. Und hier zeigen wir den Trailer zu seinem neuen Film. Mehr

27.11.2014, 13:24 Uhr | Gesellschaft
Berliner Modewoche – Tag 4 Wenigstens die Alpakas haben freien Lauf

Erkenntnis am vierten Tag der Fashion Week: Hier gibt es wirklich Modemenschen, die auf Langlebigkeit setzen. Wunderschön! Alle anderen bleiben leider kurzatmig. Mehr Von Florian Siebeck und Jennifer Wiebking, Berlin

26.01.2015, 06:18 Uhr | Stil
Türkei Waren für den IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat dehnt sich weiter aus. Sie bezahlt mittlerweile tausende Kämpfer und verfügt über modernste Waffen. Das vom IS ausgerufene Kalifat umfasst angeblich große Teile Syriens und des Irak. Und auch die Kontrolle der Grenzübergänge zur Türkei steht zunehmend im Visier der Islamisten. Mehr

27.11.2014, 11:48 Uhr | Politik
Erstes Abrücken Merkel stellt Erleichterungen bei Mindestlohn in Aussicht

Kaum hat das Jahr angefangen, wird schon an neuen Regelungen gerüttelt. Auch die Kanzlerin macht mit. Mehr

21.01.2015, 10:06 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.12.2012, 15:53 Uhr

Der süße Qualm von Anarchie

Von Mark Siemons

Seit die Menschen nur noch gesund leben wollen, geraten Raucher immer mehr unter Rechtfertigungszwang. Eine Podiumsdiskussion in Berlin feierte nun das Recht auf lasterhaftes Leben. Mehr