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René Jacobs im Gespräch : Die Choräle sind wir alle

  • Aktualisiert am

Bachs Vorbild, das Dreifaltigkeitsmotiv von Lucas Cranach. Bild: Museum der bildenden Künste Leipzig

Für das Label Harmonia Mundi hat der belgische Dirigent, Sänger und Musikwissenschaftler René Jacobs die Johannes-Passion in zwei verschiedenen Versionen neu eingespielt. Wozu der Aufwand?

          Herr Jacobs, wieso haben Sie so lange einen Bogen gemacht um die Johannes-Passion? Das war Bachs erste Passionsmusik. Aber Sie nehmen sie als Letztes auf. War Ihnen diese Musik zu krass?

          Nein, so kann man das nicht sagen. Es stimmt, ich habe lange bis zu dieser Aufnahme gewartet, aber dirigiert habe ich beide oft. Es war dann der Wunsch der Plattenfirma, dass ich zuerst die große Matthäus-Passion einspielen soll. Dann haben wir ein bisschen Zeit ins Land gehen lassen bis zur Johannes-Passion, damit sich das nicht in die Quere kommt.

          Also banale editionslogistische Gründe?

          Ja, wie das meistens so ist. Die Matthäus-Passion verkauft sich leichter, sie ist nun mal viel populärer. Die Johannes-Passion weniger, und das finde ich sehr schade.

          Schon Robert Schumann fand die Johannes-Passion viel interessanter, ja, besser, weil sie dunkler ist, romantischer …

          Besser nicht, aber anders. Schumann hat seine eigne Fassung erstellt, mit romantischer Instrumentation. Mir wäre es am liebsten gewesen, wenn ich von den vier Fassungen, die es von Johann Sebastian Bach gibt, diese beiden, die geläufige von 1748 und diese selten gespielte von 1725 direkt nebeneinander hätte aufnehmen dürfen, so, dass man beide von Anfang bis Ende durchhören kann. Sie ist so interessant, diese zweite Fassung! Die Uraufführung hatte ja 1724 in der Nikolaikirche stattgefunden. Ein Jahr später, zu Ostern 1725, führt Bach das Werk noch einmal auf, diesmal in der Thomaskirche, und er tauscht Anfang und Schluss aus, außerdem noch vier weitere Nummern. Der neue Eingangschor steht in Es-Dur, dunkel und geheimnisvoll, alles konzentriert sich sofort auf das Thema der Sünde: „Oh Mensch, bewein’ dein Sünde groß“. Man kann sich keinen größeren Kontrast vorstellen zu dem triumphalen „Herr, unser Herrscher“-Chor der Erstfassung als diesen. Noch viel rätselhafter und schöner ist in der zweiten Version der Schlusschor. Da geht es um das „Lamm Gottes“, also, das lateinische Agnus Dei, mit der Schlussformel: „Dona nobis pacem“, in der Übersetzung von Martin Luther. In diesem Chorsatz kehrt Bach am Ende nicht zur Haupttonart zurück. „ Gib uns Frieden“, diese Bitte wird am Ende nicht erhört. Es bleibt sozusagen eine offene Frage stehen.

          Warum hat Bach für die Thomaskirche eine andere Version geschrieben als für die Nikolaikirche?

          Dazu gibt es viele Theorien. Eine hat zu tun mit dem Bild von Lucas Cranach dem Älteren, das damals in der Nicolaikirche hing. Bach kannte es gut. Es zeigt eine Art Kreuzabnahme, allerdings als Dreifaltigkeit. Gottvater hält den toten Christus in den Armen, der heilige Geist sitzt als Taube auf dessen linkem Knie, rundherum Engelschöre. In der Johannes-Passion findet die eigentliche Passionsgeschichte bekanntlich erst im Mittelteil statt. Am Anfang ist alles Freude, Glück, Triumph der Trinität und eine Verherrlichung Gottes! Cranachs Bild können Sie, wenn Sie wollen, in Bachs Musik wiederfinden: In „Herr, unser Herrscher“ klagt die Oboenmelodie vom Leiden Christi. Die Wellenbewegung, die darunterliegt, von den Geigen gespielt, das ist der Flügelschlag der Taube, die Schwingen des Heiligen Geistes. Und Gottvater, der bildet das Fundament, das sind natürlich die Bassfiguren.

          Auf der CD gibt es beide Fassungen nur als Appendix, im Netz hingegen komplett: Da ist René Jacobs ganz Musikwissenschaftler.
          Auf der CD gibt es beide Fassungen nur als Appendix, im Netz hingegen komplett: Da ist René Jacobs ganz Musikwissenschaftler. : Bild: Josep Molina

          Sie haben in Ihrer Aufnahme diese Bässe stark herausgearbeitet. Zum ersten Mal habe ich bemerkt, dass hier der Rhythmus des Herzschlags zu hören ist, wenn auch leise am Anfang.

          Ich wollte pianissimo anfangen und den Klang dann langsam wachsen lassen. Die Herrschaft Gottes ist ewig, allumfassend, allgegenwärtig. Ich habe also zu den Musikern gesagt, sie sollen sich vorstellen, dass die Musik lange vorher angefangen hat. Dieser Triumph, dieser Engelsjubel, all das war schon ewig da, nur eben für uns nicht wahrnehmbar. ANTWORT: Wenn wir zum ersten Mal einsetzen, muss das wie aus dem Nichts kommen. Dann steigert sich das, aus dem Pianissimo ins Forte, und am Schluss geht Jesus dann ein zum Vater: Da hat ein Da capo endlich mal eine sinnvolle dramaturgische Funktion!

          Aber warum brauchte Bach für die Aufführung in der schlichteren Thomaskirche dann unbedingt einen anderen Eingangschor?

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