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Peter Stein zum Achtzigsten : General der Gefühle

  • -Aktualisiert am

Der Regisseur. Peter Stein lebt seit geraumer Zeit in Italien. Auf seinem Landgut in San Pancrazio bewirtschaftet er Dutzende Hektar Land, arbeitet selbst mit bei der jährlichen Olivenernte und vermietet Ferienwohnungen auf seinem Gelände. In einem seiner Häuser hat er einen Beamer, mit dem er hin und wieder ausgewählten Gästen seine alten Inszenierungen zeigt. „Kabale und Liebe“ ist, wie gesagt, nicht darunter. Auf eine vorsichtig fragende Bitte nach „zwei, drei Sätzen“ dazu reagiert Stein, der sich sonst häufig mit der ihm eigenen unerbittlichen Wucht von seinem Frühwerk distanziert, überraschend wohlgesonnen. Nicht „zwei, drei Sätze“ wolle er schreiben, „sondern alles, was mir im Zusammenhang dieser Inszenierung erinnerlich ist“.

Peter Stein: Unmittelbar nach „Gerettet“ bekam ich von Kurt Hübner ein Telegramm, in dem folgendes Angebot stand: „Stücktitel, Gage, Premierentermin und als Hauptdarsteller Ganz und Clever“. Ich habe sofort zugestimmt. Das Militärische an Hübner hat mich völlig überzeugt. Ich hatte gehört, dass er aus einer Generalsfamilie stammte und sich auch im Theater als Regisseur wie ein General verhalte, mit Befehlen und Hierarchie und solchen Sachen. Aber ich hatte auch Vorfahren, die Generäle gewesen sind, und war mir sicher, dass ich damit schon klarkommen würde. In Bremen selbst war dann die Begegnung mit Jutta Lampe enorm wichtig für mich.

Geschrei und Pitschgummi-Schießen zur Liebesszene

Sie, mit der Zadek nichts anfangen konnte, trat damals ja nur in Boulevardstücken auf. Einmal saß ich da zufällig in einer Probe vom „Mädchen in der Suppe“, in der Jutta langbeinig und schwach bekleidet einen Telefonhörer durch den Slip fädelte. Ich schlich mich peinlich berührt aus der Probe, aber Jutta rannte schreiend hinter mir her und bat mich – sich wie eine Ertrinkende an meinen Mantel klammernd –, besetzt zu werden. Bei den Proben hatte Hübner dann die Angewohnheit, vom zweiten Rang aus in Endproben brüllend einzugreifen, er versuchte das auch bei mir, aber ich raste in den zweiten Rang und schrie ihn an, dass entweder er die Probe sofort verlassen oder ich alles hinschmeißen würde. Danach war Ruhe.

Da Hübner das aber so oft machte, hatte Ben Becker – damals vier Jahre alt und von seinem Vater Rolf zu Proben mitgenommen – die Gewohnheit angenommen, in den zweiten Rang zu gehen, von wo aus er in meine Proben herunterpiepste: „Runter vom Niveau, runter von Niveau“ – was dann später einer der ironischen Schlachtrufe der Schaubühne wurde. Ich erinnere mich noch, dass zu den Endproben von „Kabale“ Schulklassen eingeladen wurden.

Ich dachte, dieses Schillersche Jugendstück wäre genau das Richtige für sie. Aber außer Geschrei und Pitschgummi-Schießen bei den Liebesszenen kam nichts von ihnen, und ich verzweifelte total an mir. Was noch? Nun, damals tat ich mich mit Jutta zusammen, und Botho Strauß schrieb eine Kritik, die dann zu seinem Engagement als Dramaturg an der Schaubühne führte. Michael König wurde auf meine Bitte hin nach Bremen geholt, und so war der Ferdinand seine zweite Rolle nach „Gerettet“. Es war ein Zusammenfall von glücklichen Zufällen, die die entscheidende Grundlage für alle meine weiteren Schritte gelegt haben. Mit der „Kabale“-Inszenierung hat alles angefangen.

Quelle: F.A.Z.

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