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Peter Stein zum Achtzigsten : General der Gefühle

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Der Kritiker. Peter Iden, ein Jahr jünger als Stein, war lange Zeit einer der wichtigsten Theaterkritiker Deutschlands. Für die „Frankfurter Rundschau“ beschrieb er 1967 Steins „Kabale“-Inszenierung als ein epochales Theaterereignis. Jetzt sitzt er in der Frankfurter Vorstadt und erinnert sich daran, was ihm diese Aufführung bedeutet hat.

Peter Iden: Peter Stein hatte damals einen „radikalen Ausbruch aus dem bürgerlichen Kunst- und Konsumtheater“ gefordert. Er war entschlossen dazu, eine neue Epoche der Klassikerrezeption auf der Bühne einzuleiten. Ich glaube, dass „Kabale und Liebe“ für Stein so eine Art Vorprobe für seine Klassiker-Revolution war, ihn hat beim Stück allein die Anfälligkeit und Zerbrechlichkeit der Liebe interessiert. Eigentlich hat er alles, was es da an Gefühlsausbruch gibt, nach innen genommen. Die Schauspieler sprachen unglaublich leise und machten ihren Liebesdruck durch wenige, genau geführte Gebärden deutlich. Sie schienen das Geschehen geradezu in sich hineinzufressen, spielten ohne Sturm und Drang, ohne szenische Agitation. Sprachlich wollte Stein einen normalen Umgangston haben, aber eben sehr leise. Es wurde mehrmals „lauter!“ aus dem Publikum gerufen.

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Diese Verinnerlichung war Steins Mittel, um sich vom Schiller’schen Pathos zu distanzieren. In „Kabale und Liebe“ hat er sich meiner Erinnerung nach auch aller unmittelbaren Anspielungen auf die Politik oder gesellschaftspolitische Situation verweigert, hat aber durch die kolloquiale Sprache durchaus einen Bezug zur Gegenwart hergestellt. Rückblickend kann man nicht sagen, dass Stein unmittelbar von Kortner beeinflusst worden wäre. Er ist aber von ihm geprägt worden in der brutalen Genauigkeit im Umgang mit dem Text. Um das zu verdeutlichen, hat Stein immer wieder eine Anekdote über die Kortnerschen Proben erzählt: Einmal habe der nämlich bei einer Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie“ die Proben abgebrochen, weil er partout nicht verstand, warum dort die Hündin von Christine am Anfang eine Suppe gekocht bekommt. Das hat Kortner gequält – diese Frage: Woran liegt das? Was kocht die für eine Suppe? Warum? Und also wurde alles abgebrochen, und die Schauspieler waren pikiert über die ganze Sache.

Dann kam Kortner und sagte: Ich habe es herausgefunden! Ganz kurz vor Schluss gibt es einen Hinweis darauf, dass die Hündin schwanger ist. Daraufhin musste das ganze Bühnenbild umgebaut werden, weil Kortner jetzt unbedingt einen Hund auf der Bühne haben wollte. Diese hypersensible Art, einen Text zu lesen, nach dem „Warum?“ zu fragen – das hat Stein neben der Genauigkeit im Umgang mit den Schauspielern von Kortner gelernt. Das Ergebnis dieser fruchtbaren Prägung konnte man in „Kabale und Liebe“ sehen. Erstmals hat er hier mit seinem späteren Stammensemble zusammengearbeitet: Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz, Michael König – das war die Kerngruppe, die dann wenig später nach Zürich und von da weiter nach Berlin ging.

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