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Peter Stein zum Achtzigsten : General der Gefühle

  • -Aktualisiert am

Bei den Proben erinnere ich mich an eine Situation, die mich fürs Leben geprägt hat: Es war die Szene zwischen dem Hofmarschall von Kalb und Ferdinand, in der es zur Auseinandersetzung kommt. Da hatte ich eine alte Pistole in der Hand, mit der ich ihn vor mir hertrieb, und es gab so ein Taschentuch, das ich im linken Ärmel stecken hatte und das eine entscheidende Rolle bei unserem Konflikt spielte. Die Nacht vor der Generalprobe hatte ich Damenbesuch, so dass ich am nächsten Morgen etwas verwirrt war und dieses Taschentuch nicht dabeihatte. Dadurch musste dann die Generalprobe unterbrochen werden, und Stein bekam einen ungeheuren Zornesausbruch. Das hat bei mir eindeutig Spuren hinterlassen. Seitdem schaue ich immer, wo meine Requisiten sind.

Von der Inszenierung selbst sind mir drei Momente in besonderer Erinnerung geblieben: Erstens brach sich meine jugendliche Impulsivität eben doch mitunter Bahn. Der Schauspieler des Hofmarschalls von Kalb – Erwin Wirschaz hieß er – hatte panische Angst vor mir, weil ich versuchte, alles mit größtmöglicher Inbrunst zu spielen. Er war dadurch so verkrampft, dass er nicht immer genug zurückwich. Einmal landete die Pistole dann auf seiner Stirn und hinterließ eine kleine Blessur, die bei einem Hypochonder wie Wirschaz zu fürchterlichsten Klagen führte.

Erinnerungen an eine vorwitzige Träne

Das hat mich damals sehr verwirrt und in Zukunft ängstlich mir selbst gegenüber werden lassen. Zweitens gab es eine unvergessliche Situation in der Szene mit der Lady Milford, die von Jutta Lampe gespielt wurde. Sie war damals wunderschön und hatte ein Kleid mit riesigem Dekolleté an, wohin es meinen Blick immer wieder zog. Und bei jeder Vorstellung – immer an derselben Stelle – löste sich aus ihrem Auge eine dicke Träne, die eine ganze Zeit lang zitternd dort stand und dann langsam, weil die Schminke so dick war, die Wange herunterlief, bis sie irgendwann – wieder zitternd – auf ihrer Brustwarze stehen blieb. In jeder Vorstellung war das gleich. Das werde ich nie vergessen, so schön war das.

Und das Dritte, woran ich mich sehr gut erinnere, war die Todesszene, also nachdem Luise die vergiftete Limonade getrunken hat. Wie Edith Clever das spielte, das ging mir bei jeder Vorstellung durch Mark und Bein, weil da etwas stattfand, was ich bis dahin am Theater noch nie gesehen hatte. Ein Vorgang, bei dem ein Mensch mit größtem formalem Bewusstsein in einen nahezu skulpturhaften Zustand gerät. In dem Moment, als sie realisierte, dass sie Gift getrunken hatte, stieß sie das Wort „Gift“ immer wieder mit einem so hohen, spitzen Ton hervor, der sich im Grenzbereich des Menschlichen befand, dass es mir kalt den Rücken herunterlief. Wenn du mit einer Kollegin spielst, die auf diese Weise ins Extrem geht, hebt dich das selbst sofort auf eine andere Ebene. Das war für mich auch eine Schlüsselerfahrung bei Steins „Kabale“-Inszenierung.

An dieser hochverfeinerten Expressivität wurde enorm gearbeitet. Stein, der mich irgendwie immer an den jungen Napoleon Bonaparte erinnerte, achtete schon damals sehr stark auf den Körper und hatte ein Bewusstsein dafür, dass vieles sich körperlich ausdrückt. Daneben wurde aber auch schon sehr an der Sprache gearbeitet. Stein hatte eine genuine Besessenheit, die uns damals ungemein gepusht hat.

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