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Peter Stein zum Achtzigsten : General der Gefühle

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Für „Kabale“ jedenfalls habe ich eine leere Bühne mit nur ein paar ausgesuchten Möbeln drauf gebaut. Alles war in Grautönen, die Wände ohne Tapete, die Möbel ganz schlicht. Stein wollte „kein Milieu“. Die Stimmung der Zeit sollte sich durch den Umgang der Schauspieler mit den Requisiten andeuten, nicht plakativ vorgegeben werden. Es ging für mich also darum, Möbel und Kleider zu finden, die zwar historisch orientiert waren, aber auch heute gelten. Ich habe damals Stunden in der Bibliothek zugebracht, um Inspiration von alten Stichen zu bekommen. Das Bühnenportal war mit militärischem Material, also mit echten Waffen, Trommeln und Rüstungen, verkleidet. Das sollte die sozialen Ständekonflikte des Stücks illustrieren.

Woran ich mich gut erinnere, ist die Art, wie Stein probiert hat. Das war natürlich stark beeinflusst von Fritz Kortner – auch Stein hat seine Forderungen vehement, manchmal brutal durchgesetzt. Oft hat er seine Schauspieler wirklich gequält, hat eine Szene noch mal und noch mal probieren lassen und nach jeder Silbe unterbrochen: „Nein, falscher Ton!“ Eine andere (Kortnersche) Parole war: „Nicht auftreten, nur kommen.“ Stein wollte, dass die Schauspieler ihren Auftritt nicht spielen, sondern einfach nur da sind.

So ein Wunsch war natürlich nicht immer leicht zu erfüllen. „Kabale und Liebe“ war sicherlich Steins Gesellenstück, mit dem er beweisen musste, dass er nicht nur ein „One Hit Wonder“ ist. Es war eine strenge Inszenierung, die aber erstmals eine radikale Kargheit propagiert hat, die man bei den Alten immer vermisst hatte. Nach „Kabale“ trennten sich dann unsere Wege. Ich hatte schon lange Verabredungen mit anderen, älteren Regisseuren getroffen. Das wollte Stein nicht akzeptieren: Er hat gesagt: „Entweder ich – oder die Alten.“ Darauf konnte ich mich nicht einlassen.

Der Hauptdarsteller. Ein überraschender Gast auf der Ernst-Jünger-Tagung, die alljährlich im oberschwäbischen Kloster Heiligkreuztal stattfindet, ist Michael König. Der ehemalige Schaubühnen- und Burg-Schauspieler hat gerade mit sanftem Vibrato aus Jüngers „Marmorklippen“ vorgelesen, jetzt sitzt er auf einer Bierbank in der Sonne und versucht spontan sein Gedächtnis zu ordnen. Der blutjunge König hatte schon in „Gerettet“ die Hauptrolle gespielt, in „Kabale“ trat er dann als jugendlicher Prinz Ferdinand auf.

Michael König: Ich kann mich noch erinnern. Als klar war, dass ich in den Ferdinand spielen sollte, hatte ich Zeit und bin durch die Wälder von Niederbayern, wo mein Vater ein Landhaus besaß, gelaufen. Dabei deklamierte ich meinen Text laut, und zwar so, wie ich mir vorstellte, dass dieser hohe Ton zu erreichen sei. Damals hatte ich ein sehr romantisches und pathetisches Verständnis, dachte an hohe Sprache und große Gefühle – und so habe ich dann ziemlich rumgebrüllt in meinem Wald. Aber als es dann an die Proben ging, merkte ich schnell, dass ich offensichtlich weder das richtige Verständnis noch die Fähigkeit hatte, mit so einem Text richtig umzugehen. Vor Augen habe ich immer noch das Bild, wie Peter und ich im Haus bei seinen Eltern waren und er mit einer Engelsgeduld versuchte, mir klarzumachen, wie dieser Text richtig zu sprechen sei – ohne ihn zu banalisieren oder zu überhöhen. Das war enorm schwer für mich, weil ich keinerlei theoretisches Verständnis hatte.

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