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Rattles Beethoven-Zyklus : Mit Wucht, Glut und Knalligkeit

  • -Aktualisiert am

Beethoven? Wäre doch gelacht! Sir Simon Rattle bahnt sich seinen Weg durch alle neun Symphonien. Bild: Monika Rittershaus

Zum Abschied präsentiert Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern alle Symphonien von Ludwig van Beethoven als Zyklus. Er hatte um diese Hausaufgabe lange Zeit einen großen Bogen gemacht.

          Beethovens Symphonien gehören für einen Chef der Berliner Philharmoniker zum Pflichtprogramm. Etwa jedes Jahrzehnt scheint eine Gesamtaufnahme fällig. Herbert von Karajan legte deren drei mit dem Orchester vor. Claudio Abbado beschloss seine Berliner Zeit mit einer Einspielung, die noch heute durch ihre innere Weite berührt. Als dann Sir Simon Rattle 2002 sein Amt antrat, lag nicht nur eine gewisse Beethoven-Müdigkeit in der Berliner Luft, es passte auch in die Zeit, wie er zunächst lustvoll geradezu einen Bogen um dessen Symphonien schlug, den Philharmonikern und ihrem verblüfften Publikum stattdessen eine Entschlackungskur mit Haydn-Symphonien verordnete und mit Geist und Witz das staatstragende Pathos der Großsymphonik auflöste.

          Pro Jahr setzte er dann im Schnitt eine Beethoven-Symphonie aufs Programm. 2008 dirigierte Rattle, über mehrere Monate verteilt, zum ersten Mal alle neun Beethovenschen Symphonien, allerdings noch nicht in Bezug zueinander gestellt, sondern sprechend durch den starken Kontrast zur Musik von Anton Webern. Man mochte auch das als eine Art Ausweichmanöver verstehen. Erst jetzt, da klar ist, dass Simon Rattle 2018 die Philharmoniker verlassen wird, ist wieder ein Beethoven-Vermächtnis fällig.

          Auf CD und auf Tournee

          Ein philharmonischer Kraftakt: Seit einer Woche spielt das Orchester an fast jedem Abend ausschließlich Beethoven, zwei komplette Durchgänge durch den gesamten Zyklus sind programmiert. Auf Basis der Mitschnitte der Konzerte, inklusive nachträglicher Korrektursitzungen, wird dann im kommenden Frühjahr eine CD-Box entstehen, die beim hauseigenen Label des Orchesters erscheint. Doch die mediale Großoffensive beginnt schon jetzt. Die Konzerte dieser Woche werden nicht nur live in die Digital Concert Hall des Orchesters übertragen, sondern am 15. Oktober auch live in achtzig deutsche Kinos. Dann wird das Orchester mit dem kompletten Zyklus auf Tournee gehen, nach Paris, Wien, New York und Tokio.

          Sir Simon hat also Berlins Philharmoniker in Bezug auf Beethoven weit weniger exklusiv geprägt, als es seine Vorgänger getan hatten. Seine Amtszeit zeichnet sich aus durch einen offensiven Pluralismus. Christian Thielemanns auratische Beethoven-Sicht durfte sich in der Philharmonie ebenso frei entfalten wie die Anregung durch die historische Aufführungspraxis durch Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder Giovanni Antonini. In diesem Pluralismus spiegelt sich auch eine neue musikalisch-gesellschaftliche Erfahrung.

          Die Philharmonie ist heute kein Kunsttempel mehr. Sie ist zu einem Labor für musikalische Experimente geworden, auch zu einer Schnittstelle zwischen Kunst und Technik. Das geschlossene Beethoven-Bild hat sich aufgelöst, sowohl was das rein Musikalische angeht wie auch in Bezug auf die Verknüpfung mit Lebenswirklichkeit und Geschichte. Gleichwohl muss die einzelne Aufführung doch eine Vorstellung von Geschlossenheit vermitteln. Und wenn sie es dazu noch schafft, Fragen zu stellen, die über ihr eigenes Statement hinausgehen, und diese als Phase eines größeren Prozesses erfahrbar zu machen, umso besser.

          Zu schnelles Tempo

          Das ist es, was Rattles Beethoven-Zyklus, der aus vielen Quellen schöpft, auch noch in seinen fragwürdigeren Teilstücken auszeichnet: die Lebendigkeit seiner Auseinandersetzung mit dem Stoff. In Rattles Dirigieren liegt, vor allem in den ersten Konzerten, die von den beiden frühen Symphonien eröffnet werden, eine Anspannung und gestische Heftigkeit, die klarmacht, wie hier jemand seinen Willen durchsetzen und zeigen muss, was er will. Die Aussagekraft von Beethovens Metronomzahlen ist umstritten.

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