Das Leben ist kein Schokoladenkuchen. Jede Menge Messer und Gabeln wurden schon mal hineingerammt in diese halb vertilgte, halb zusammengeschmolzene kastenartige Geburtstagstorte, die auf langer Tafel prangt, als wir hereinkommen. Kein Vorhang. Die Bühne im Theater an der Wien steht offen, wir sind mitten im Spiel. Ist das nur ein großer, kalter Hund? Oder ist das eine Nachbildung von Gotham City? Oder von der Residenz des Armenierkönigs Radamisto, die demnächst dem Erdboden gleichgemacht wird, weil ihm sein Schwager, König Tiridate von Thrakien, den Krieg erklärt hat?
Orakelhaft steigt Qualm auf aus den Trümmern. Eben noch feierte man hier rauschende Feste. Jetzt wird der Tisch abgeräumt von einem Dutzend Dienerinnen, altniederländischen Meisjes mit weiten Röcken und weißen Hauben, von denen niemand sagen kann, wie sie sich in die Antike verirrt haben. Die Meisjes fürchten sich, als mit einem Male Musik aus dem hochgefahrenen Graben tönt. Fische schwimmen über die Tischdecke, Guppys mit ausgestochenen Augen, später werden sie sich auf allen Wänden, hinter allen Türen tummeln, vielleicht, weil das Leben ein Aquarium ist.
Gespreizte Symbolhuberei
Fische, Tische, Messer, Hauben, Regenschirme - in Vincent Broussards Wiener Neuinszenierung von Georg Friedrich Händels Seria-Oper „Radamisto“ hat alles einen tiefen und am Ende geheimnislosen Sinn. Broussards Dramaturgin, Barbara Weigel, verfasste für das Programmbuch „Stichworte zur Traumdeutung“. Tisch bedeutet da zum Beispiel „Nahrung und Essen“. Fische sind ein „Genitalsymbol“, der Schirm steht für „Herrschaft“ und das Wasser im Aquarium symbolisiert „das Unbewusste“. Ähnlich gespreizt wie diese Symbolhuberei ist auch die Personenführung, sind Bühnenbild (Vincent Lemaire) und Kostüme (Christian Lacroix) geraten.
Ein bürgerliches Wohnzimmer, drei Flügeltüren, viel stoffreicher Faltenwurf und dazu ein bisschen Videofummelei. Radamisto, Tiridate, Zobenia, Polissena und wie sie alle heißen, kommen nacheinander zur einen Tür hereingelaufen und gehen zur anderen Tür wieder hinaus, manchmal kommen sie auch zu zweit, dazwischen aber stehen sie an der Rampe herum und singen. Das ist das große, ja das kaum fassbare Glück dieses Abends: Dass so herrlich gesungen, so wonnevoll musiziert wird, dass die Regiealbernheiten sehr rasch ganz egal sind. Ein Sängerfest! Ein fast makelloses, ein brillant strahlendes, sinnenbetörendes, süßes Händel-Arien-Fest!
Es kann gar nicht wirr und stumpf genug sein
Verantwortlich hierfür ist der Dirigent René Jacobs. Je älter er wird, umso schärfer wird er, nicht milder. Er hat mit dem Solistenensemble und dem famosen Freiburger Barockorchester etliche Wochen intensiv geprobt, wie er das immer zu tun pflegt. Wieder ist ein Musikwunder dabei herausgekommen. Man darf sich schon fragen, was so eine Opera seria aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, darin vergessene Helden aus versunkenen Sagen gegeneinander kämpfen und sich spitzige Koloraturen, oboensüß begleitete Passagen, Läufe, Triller und musikrhetorische Kurzformeln an den Kopf werfen, deren Sinn wir nicht mehr verstehen, heute noch auf der Bühne zu suchen hat. Es gibt Experten, die meinen, dass eine eskapistische Sehnsucht nach Ornament, Dekor und Luxus verantwortlich sei für den Boom der Barockoper in den vergangenen zwanzig Jahren.
Andererseits ist gute Musik, erstklassig aufgeführt, eigentlich schon Grund genug. Auch Händel hatte schließlich sein Bestes gegeben, damit seine frisch gegründete Royal Academy of Music 1720 in London gleich mit der ersten Oper, die er für dieses freie Unternehmen schuf, zu einem wirtschaftlichen Erfolg wurde. „Radamisto“ war das Pilotprojekt. Das Stück wurde binnen kurzer Zeit viermal wiederaufgenommen und immer wieder umgearbeitet, man engagierte die besten Sänger Europas, ab der zweiten Fassung glänzte der Altkastrat Senesino in der Titelrolle. Da kann die Geschichte gar nicht wirr genug, das Libretto nicht stumpf genug sein: Auf den Sinn der Handlung kam es schon damals nicht an, und ob das gebildete britische Publikum fließend Italienisch verstand, gesungen von Sopranen und Mezzosopran, Altkastrat, Tenor und Bass, steht dahin.
Selbst der Tyrann wird überzeugt
Achtundzwanzig Arien entstanden für den „Radamisto“, vierzehn davon hat Jacobs übernommen, im Wesentlichen wird die dritte Fassung gespielt. Zwei Duette gibt es, ein spektakuläres Finalensemble. Es wird viel gedroht, posiert und geklagt in diesen Arien, gehandelt wird wenig. Radamisto zögert, seinen Gegner anzugreifen, er zögert, seine Frau Zenobia zu töten, um sie vor Schande zu retten. Und der Tyrann Tiridate, vom Bassbariton Florian Bösch mit schönem Metall gesungen, ist auch nur ein Maulheld. David Daniels als Radamisto mag seine beste Zeit als Altus-Sänger hinter sich haben, aber er ist immer noch eine charismatische Erscheinung. Und was diese schön timbrierte, sauber geführte Stimme möglicherweise an Durchschlagkraft verloren hat, das kompensiert der kluge Sänger mit Inbrunst und Ausdruck.
Man hört die berühmte Stecknadel fallen, wenn sich in seiner Arie „Ombra cara di mia sposa“ fließende Melodielinien abwechseln mit Lamentoformeln, vom Orchester mit chromatischen Gängen unterminiert. Patricia Bardon als Radamistos Gattin Zenobia ist ein großrahmiger Mezzosopran, zum Alt tendierend, sahnig, rund und voll, mit einer herrlich sonoren Tiefe. Auch Sophie Karthäuser als Gattin des Tyrannen, als einzige Figur in einem dramatischen Zwiespalt, singt quecksilbrig flüssig und herzbewegend. Auch die Nebenfiguren, Radamistos Vater Farasmane (Fulvio Bettini) und Tiritdates Vertrauter Tigrane (Jeremy Ovenden) sind gut besetzt.
Am Schluss der Oper hat Jacobs ein wenig herumgeschraubt. Statt „No! No!“ singt der widerspenstige Tyrann, der von allen anderen überredet werden soll zum Besseren, in der Da-capo-Strophe plötzlich „Si! Si!“. So wird das glückliche Ende besiegelt durch die Macht der Musik. Sie ist es, die die Herzen bewegt. Sie schafft, was Worte und Diskurse nicht zustande bringen: Frieden, Glück.