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Radamisto in Wien Oboensüß und traumdeutungsbitter

Ein Fest der Stimmen, ein Debakel der Diskurse: Händels Opera seria in der Wiener Neuinszenierung von Vincent Broussard.

© Monika Rittershaus Vergrößern Im Kaukasus ging es immer schon hoch her: Sophie Karthäuser in der Rolle der Polissena

Das Leben ist kein Schokoladenkuchen. Jede Menge Messer und Gabeln wurden schon mal hineingerammt in diese halb vertilgte, halb zusammengeschmolzene kastenartige Geburtstagstorte, die auf langer Tafel prangt, als wir hereinkommen. Kein Vorhang. Die Bühne im Theater an der Wien steht offen, wir sind mitten im Spiel. Ist das nur ein großer, kalter Hund? Oder ist das eine Nachbildung von Gotham City? Oder von der Residenz des Armenierkönigs Radamisto, die demnächst dem Erdboden gleichgemacht wird, weil ihm sein Schwager, König Tiridate von Thrakien, den Krieg erklärt hat?

Eleonore Büning Folgen:  

Orakelhaft steigt Qualm auf aus den Trümmern. Eben noch feierte man hier rauschende Feste. Jetzt wird der Tisch abgeräumt von einem Dutzend Dienerinnen, altniederländischen Meisjes mit weiten Röcken und weißen Hauben, von denen niemand sagen kann, wie sie sich in die Antike verirrt haben. Die Meisjes fürchten sich, als mit einem Male Musik aus dem hochgefahrenen Graben tönt. Fische schwimmen über die Tischdecke, Guppys mit ausgestochenen Augen, später werden sie sich auf allen Wänden, hinter allen Türen tummeln, vielleicht, weil das Leben ein Aquarium ist.

Gespreizte Symbolhuberei

Fische, Tische, Messer, Hauben, Regenschirme - in Vincent Broussards Wiener Neuinszenierung von Georg Friedrich Händels Seria-Oper „Radamisto“ hat alles einen tiefen und am Ende geheimnislosen Sinn. Broussards Dramaturgin, Barbara Weigel, verfasste für das Programmbuch „Stichworte zur Traumdeutung“. Tisch bedeutet da zum Beispiel „Nahrung und Essen“. Fische sind ein „Genitalsymbol“, der Schirm steht für „Herrschaft“ und das Wasser im Aquarium symbolisiert „das Unbewusste“. Ähnlich gespreizt wie diese Symbolhuberei ist auch die Personenführung, sind Bühnenbild (Vincent Lemaire) und Kostüme (Christian Lacroix) geraten.

Ein bürgerliches Wohnzimmer, drei Flügeltüren, viel stoffreicher Faltenwurf und dazu ein bisschen Videofummelei. Radamisto, Tiridate, Zobenia, Polissena und wie sie alle heißen, kommen nacheinander zur einen Tür hereingelaufen und gehen zur anderen Tür wieder hinaus, manchmal kommen sie auch zu zweit, dazwischen aber stehen sie an der Rampe herum und singen. Das ist das große, ja das kaum fassbare Glück dieses Abends: Dass so herrlich gesungen, so wonnevoll musiziert wird, dass die Regiealbernheiten sehr rasch ganz egal sind. Ein Sängerfest! Ein fast makelloses, ein brillant strahlendes, sinnenbetörendes, süßes Händel-Arien-Fest!

Es kann gar nicht wirr und stumpf genug sein

Verantwortlich hierfür ist der Dirigent René Jacobs. Je älter er wird, umso schärfer wird er, nicht milder. Er hat mit dem Solistenensemble und dem famosen Freiburger Barockorchester etliche Wochen intensiv geprobt, wie er das immer zu tun pflegt. Wieder ist ein Musikwunder dabei herausgekommen. Man darf sich schon fragen, was so eine Opera seria aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, darin vergessene Helden aus versunkenen Sagen gegeneinander kämpfen und sich spitzige Koloraturen, oboensüß begleitete Passagen, Läufe, Triller und musikrhetorische Kurzformeln an den Kopf werfen, deren Sinn wir nicht mehr verstehen, heute noch auf der Bühne zu suchen hat. Es gibt Experten, die meinen, dass eine eskapistische Sehnsucht nach Ornament, Dekor und Luxus verantwortlich sei für den Boom der Barockoper in den vergangenen zwanzig Jahren.

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