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Theater von Stefanie Sargnagel : Eine heitere Depressionsrevue

Alles endet irgendwie im Beisl: Voodoo Jürgens und Stefanie Sargnagel. Bild: Rabenhof/Pertramer

Wenn das Lachen aus dem Keller schallt: Auf der Bühne des Wiener Rabenhoftheaters funkelt Sargnagels Prosa umso böser.

          Der Rabenhof ist zwar ein Gemeindebau, aber einer mit Ambitionen: Entworfen von zwei Otto-Wagner-Schülern mit viel Sinn für Kunst am Bau, beherbergt er im Keller sogar ein Theater. Die Autorin Stefanie Sargnagel kommt zwar aus dem Gemeindebau, hat aber auch Ambitionen, und nach einigen sinnlos an der Kunst-Uni und im Callcenter vertrödelten Lebensphasen hat sie gerade einen Lauf. Rabenhof und Sargnagel haben also einiges gemeinsam, und beides kommt zusammen, wenn ihr Stück mit dem schönen Titel „Ja, eh“ jetzt ebendort inszeniert wird.

          Wien und vermutlich auch der Rest des literarischen Lebens sind sich in Sachen Sargnagel uneins. Die eine Hälfte sitzt im Rabenhoftheater und lacht laut und irgendwie befreit aus sich heraus, wenn auf der Bühne über explizit ungustiöse Dinge gesprochen wird, etwa Haare im Po beim Duschen. Die andere Hälfte findet es unpassend bis skandalös, solche Dinge von einer Frau hören zu müssen, die sich weigert, alle Erwartungen ans Hübschsein zu erfüllen und nicht einmal mit den offiziell anerkannten Hübschmachmethoden nachhelfen will, mit hohen Schuhen oder Schminke zum Beispiel. Erschreckend viel am Sargnagel-Diskurs macht sich an Sargnagels Körper fest, gleich danach kommt die Wurschtigkeit der Autorin, die keine Anstrengung unternimmt, sich irgendwohin biegen zu lassen. Da fühlt sich die Hälfte des potentiellen Publikums schon provoziert bis beleidigt.

          Zwischendurch entgleiten die Dinge

          Dabei könnte man ja auch einmal über ihre Texte reden. Den Text mit dem Titel „Ja, eh“, der jetzt im Rabenhoftheater szenisch umgesetzt wird, kennen Literaturkenner und Facebooknutzer – aus diesen Welten rekrutieren sich die meisten Sargnagel-Leser – bereits unter dem anderen, ebenso schönen Titel „Penne vom Kika“. Diesen Text trug sie bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vor. Am Ende nahm sie den Publikumspreis mit nach Hause und ein Stipendium in Klagenfurt in Anspruch.

          Eigentlich ist die Erzählerin des Textes, die stark an die Autorin angelehnt ist, eine klassische Flaneurin, wie sie da durch Wien läuft, voller Energie sogar eislaufen geht, dann aber doch mit einer liebeskummergeplagten Freundin in einem Beisl abstürzt, sich zwischendurch so allerlei denkt und dabei sämtlicher Schwung verlorengeht, so dass sie keinen Text schreibt, obwohl man es von ihr verlangt, aber halt eben doch, nämlich jenen vorliegenden. Am Anfang ist sie hoffnungsfroh, hat das Leben im Griff, zwischendurch entgleiten die Dinge, alle trinken Bier, einer wirft Glitzerkonfetti, am Ende liegt die Bühne voller Zeug, und irgendwer muss alles zusammenkehren. Da bleibt nur als kleiner Trost ein Spaziergang durchs Möbelhaus mit Ausblick auf noch viel trostlosere Leben, die auch nichts auf die Reihe bekommen, aber sich das nicht anmerken lassen. Und schlussendlich die titelgebenden Nudeln, die nach nichts schmecken, aber das erwartet man genau so und mag es sogar.

          Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch geben der Erzählerin drei Stimmen auf der Bühne des Rabenhof-Theaters.
          Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch geben der Erzählerin drei Stimmen auf der Bühne des Rabenhof-Theaters. : Bild: Rabenhof/Pertramer

          „Schlecht schaust aus“

          Im Rabenhoftheater finden sie das alles eher lustig als traurig. Das liegt vielleicht daran, dass Szenen wie die im Eisstadion wirklich sehr komisch inszeniert sind. Oder daran, dass alles dank der Lieder von Lokalheld Voodoo Jürgens ein bisschen wie eine heitere Depressionsrevue wirkt. Titel wie „Heite grob ma Tote aus“ oder „Schlecht schaust aus“ halten mit ihrem fröhlichen Lebensverdruss nicht hinterm Berg und passen tatsächlich hervorragend zu Sargnagels Einrichtung im zivilisatorischen Mittelmaß – das man nicht mit einem erzählerischen Mittelmaß verwechseln sollte.

          Denn je öfter man „Penne vom Kika“ beziehungsweise „Ja, eh“ liest oder auf der Bühne vorgespielt bekommt, desto böser funkelt der Text und desto abgründiger wird das Lachen, das aus dem Keller des Gemeindebaus schallt, denn nichts und alles daran ist lustig, das hat der Text mit uns allen gemeinsam. Man muss nur den Nerv haben, sich das von einer wurschtigen Wienerin mit Hang zur Drastik erzählen zu lassen, das hält nicht jeder aus, da haben die meisten doch gern ein bisschen mehr Dekoration drum herum. Im Rabenhof ist man sehr zufrieden, applaudiert lange und erzählt sich hinterher an der Garderobe die Lieblingsdetails. Viele davon sind leicht eklig, aber egal, man spült es mit Bier herunter und lässt sich durch den dritten Bezirk nach Hause wehen.

          Eislaufen gegen den Kater und die Leere: Kurze Anfälle von Sportlichkeit bedeuten noch nicht, dass man sein Leben im Griff hat.
          Eislaufen gegen den Kater und die Leere: Kurze Anfälle von Sportlichkeit bedeuten noch nicht, dass man sein Leben im Griff hat. : Bild: Rabenhof/Pertramer

          Weitere Aufführungen von „Ja, eh!“ finden statt am 12., 22. und 23. Mai und am 13. Oktober.

          Quelle: F.A.Z.

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