http://www.faz.net/-gqz-92vqy

Pussy Riot und die Liebe : Spätere Heirat nicht ausgeschlossen

Bringt die Moskauer Protestszene in Aufruhr: „Pussy Riot“-Mitglied Maria Aljochina liebt den ultraothodoxen Aktivisten Dmitri Zorionow. Bild: Imago

Selbst hartherzige Nationalbolschewiken geraten in Rührung: „Pussy Riot“-Mitglied Maria Aljochina macht ihre Liebe zu Dmitri Zorionow, einem ultraorthodoxen Aktivisten, publik.

          Monatelang war es ein offenes Geheimnis, jetzt hat die russische Punkerin Maria Aljochina es öffentlich gestanden: Sie, die Feministin von der Band „Pussy Riot“, liebt den ultraorthodoxen Aktivisten Dmitri Zorionow (Kampfname Enteo), der nach ihrem Punk-Gebet in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale eine Haftstrafe für sie gefordert hatte. Aljochina saß fast zwei Jahre im Gefängnis. Die Moskauer Protestszene ist in Aufruhr. Aljochina, die mit dem Theaterstück „Burning Doors“ eine internationale Schauspielkarriere gestartet hat und unlängst ihr Buch „Riot Days“ herausbrachte, wird über Twitter mit Vorwürfen bombardiert, in den sozialen Netzwerken wenden Follower sich von ihr ab. Der Aktionskünstler Pjotr Wersilow, Lebenspartner der „Pussy Riot“-Kollegin Nadeschda Tolokonnikowa will ihm nicht begegnen. Freilich habe Aljochina Zorionow „umgeschmiedet“, räumt Wersilow anerkennend ein.

          Über Gottes Wille herrscht Uneinigkeit

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In Aufruhr sind aber auch Zorionows frühere Mitstreiter für die orthodoxe Sache. Die Gruppe „Gottes Wille“ (Boschja Wolja), als deren Anführer Zorionow vor zwei Jahren in der Moskauer Manege unkanonisch christliche Skulpturen des Bildhauers Vadim Sidur zertrümmert hatte, schloss ihn aus ihren Reihen aus. Anlass war, dass Aljochina und Zorionow sich vor dem Justizministerium trafen, um dort gemeinsam die Bibel zu lesen, insbesondere die Stelle „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt 7,1) Ein Polizist versuchte einzuschreiten. Doch Freunde von Aljochina und Zorionow erklärten, sie machten von ihrem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch, öffentlich Bücher zu lesen. Ein Video der Aktion kam ins Netz.

          Aljochina habe während der Lektüre geraucht und gelacht, entrüstet sich Ljudmila Odegowa, Aktivistin von „Gottes Wille“, die sich selbst zur neuen Anführerin der Bewegung erklärte. Zorionow widerspricht: „Gottes Wille“ bestehe längst nicht mehr. Er und Odegowa hätten ein enges Verhältnis zueinander gehabt, sich dann aber getrennt, verrät er. Doch Liebe sei stärker als Hass, weil Gott selbst die Liebe sei, verkündet der rabiate Gläubige, der sich jetzt für die Bewegung „Entkommunisierung“ engagiert.

          Dmitri Zorionow, ein Aktivist aus Moskau, versuchte Muslime, Protestanten und Heiden zum orthodoxen Glauben zu bekehren.
          Dmitri Zorionow, ein Aktivist aus Moskau, versuchte Muslime, Protestanten und Heiden zum orthodoxen Glauben zu bekehren. : Bild: Imago

          Zorionow hatte Aljochina vor einem Jahr auf einem Fest des oppositionellen Radiosenders „Echo Moskwy“ kennengelernt. Bekannte wiesen sie auf den Erzfeind von „Pussy Riot“ hin, der an Schulen Kreationismus statt die Evolutionslehre unterrichten lassen will. Sie habe den glutäugigen Gottsucher mit den Worten begrüßt: „Hallo, ich bin Mascha!“, erinnert sich Aljochina. Zorionow bat um ein Treffen. Sie willigte ein, weil sie wissen wollte, warum dieser Mann eine Bewegung begründet hatte, um sie ins Gefängnis zu bringen. Sie lernte auch Ljudmila Odegowa kennen, die wissen wollte, ob sie ihre Punk-Performance in der Erlöserkathedrale bereue. Als Alechina verneinte, zürnte Odegowa: „Sie sind ein Volksfeind!“ Alechina erwiderte, sie könne auch du zu ihr sagen.

          Vom Missionar zur Medienperson

          Im Gegensatz zu Aljochina, die bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, entstammt der heißblütige Zorionow der goldenen Jugend. Der Sohn eines Diplomaten und Geschäftsmannes studierte an der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO, interessierte sich aber vor allem für New Age, Joga-Rave und soll mit Drogen experimentiert haben. Das Christentum habe er verachtet, bis ihm eines Tages die Erleuchtung gekommen sei, erinnert sich Zorionow, der während des Militärdienstes in Sibirien erstmals kommunizierte. Er missionierte, versuchte Muslime, Protestanten und Heiden zum orthodoxen Glauben zu bekehren.

          Doch in seinen Gebeten bat er Gott um Abenteuer. Als Aktivist der Bewegung „Pro Life“, die öffentliche Gebete gegen Abtreibung, Blasphemie und Propaganda für Homosexuellenrechte organisierte, wurde er zur Medienperson. Zorionows Frömmigkeit sei echt gewesen, bezeugt ein früherer Mitstreiter von „Gottes Wille“, daher machte man ihn zum Anführer. Doch ein Kirchensponsor, der die Aktionen finanzierte, hätte ihn verdorben. Als dessen Geld versiegte, sei auch Zorionows Engagement erkaltet. Zorionows neue Freunde im linken Lager glauben eher, dass er vom russischen Staat enttäuscht sei. Maria Baronowa, eine liberale Politikerin der Chodorkowski-Organisation „Open Russia“ bekennt, sie habe ihn zunächst für einen Kreml-Agenten gehalten, aber bald gemerkt, dass sein konservatives Christentum aufrichtig sei. Baronowa erinnert sich daran, wie er sie während des Moskauer Kommunalwahlkampfs mit Glühwein bewirtete, obwohl er für einen anderen Kandidaten stimmte. Ihre Mitarbeiterin Polina Nemirowskaja ergänzt, wenn sie Fragen zu Gott habe, rufe sie stets Zorionow an; sie lerne viel von ihm.

          Aljochina und Zorionow sind ein schönes Paar, das finden auch Gegner dieser Verbindung. Konflikte sind programmiert. Als der Regisseur Kirill Serebrennikow verhaftet wurde, erklärte Zorionow, die Kultur müsse vor Leuten wie ihm geschützt werden. Aljochina, die für Serebrennikows Freilassung demonstrierte, bekam einen Wutanfall. Doch ihre Gegensätze ziehen sich an. Zorionow begeistert sich für Aljochinas Güte, Aljochina für seine innere Ruhe. Selbst die hartherzigen Nationalbolschewiken sind gerührt. Solange die beiden zusammenbleiben, glaube sie fast, dass es auch ohne Erschießungen gehe, gesteht die Nationalbolschewikin Olga Schalina. Diese Liebe beweise, dass Löwe und Lamm friedlich beieinander wohnen können.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Donnersmarck-Diamanten zu haben

          Versteigerung in Genf : Donnersmarck-Diamanten zu haben

          Die berühmten „Donnersmarck Diamonds“ durchliefen kürzlich eine Ausstellungstournee über Hongkong nach Taiwan und New York. Am Mittwoch sollen sie in Genf versteigert werden. Geboten wird auch für ihre Geschichte.

          Topmeldungen

          Kommentar : Wofür steht Jamaika?

          Obergrenze oder offene Grenzen für alle? Recht und Ordnung oder legale Joints? Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Nach den Schwierigkeiten bei den Jamaika-Gesprächen muss die Frage erlaubt sein: Passt das alles wirklich zusammen?
          Für Anleger kaum absehbar: Wann beginnen Haussen oder Baissen – und wann enden sie?

          „Buy the Dip“ : Die Faustregel der Aktienhausse

          Anleger an der Wall Street haben sich von kurzfristigen Rückschlägen nicht beirren lassen. Aber wie lange funktioniert diese Strategie noch?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.