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Bayrische Staatsoper : Der Gleichmut der Seine

Wahn und Wagnis: Ermonela Jaho (rechts) als Schwester Angelica, links oben erscheint der tote Sohn. Bild: Bayerische Staatsoper Wilfried Hösl

Kein Interesse an ästhetischem Exhibitionismus: Der Dirigent Kirill Petrenko liebt es bei der Aufführung von Giacomo Puccinis „Il trittico“ in München hintergründig.

          Dezenz ist eine Tugend der Kunst in der alten Welt, wo sie niemandem etwas beweisen musste. Man schätzte sie gerade dann, wenn sie ihre Kunst verbarg – als „l’art caché“ – und dem Kenner in verschwiegenem Einvernehmen die Entdeckung ihrer Gewagtheiten überließ. Die neue Welt, in der Bedeutungen im Wettbewerb ausgehandelt werden, muss ihre Markenzeichen ständig ins Schaufenster legen. Irgendwann klebt dann auch die Kunst das Word „Avantgarde“ auf ihre Ware, um bemerkt zu werden.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Kirill Petrenko, der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und künftige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat offenbar an solch einem ästhetischen Exhibitionismus kein Interesse. In München kehrt er an Giacomo Puccinis „Trittico“ kaum hervor, was alle Welt daran als so bemerkenswert und neuartig akklamiert: die Wirklichkeitsnähe, den klanglichen Naturalismus. Im ersten Stück dieses Opern-Triptychons, „Il tabarro“, muss man wissen, dass Puccini Autohupen für die klingende Stadtkulisse von Paris und Schiffssirenen für die Lastkähne auf der Seine verlangt. Man hört sie vom Staatsopernorchester unter Petrenkos Leitung kaum. Auch der verstimmte Leierkasten des Liedverkäufers, in dem die Flöten in verminderten Oktaven, also bitonal, zum Eins-Zwei-Drei der Klarinetten fiepen, klingt bei Petrenko nicht als lächerliche Monstrosität. Was daran Bild und Zeichen sein könnte für ein Leben in schäbigen Verhältnissen, wird bei ihm aufgelöst in zart-farbigen Reiz.

          Die Nähe von Haut und Herzen herzustellen gelingt nicht

          Petrenko ist der Meister einer konzentrierten Dezenz. Was sich einprägt, wenn er den „Tabarro“ dirigiert, ist der Gleichmut der Seine in ihrem ewigen Zwölfachteltakt, dieses Wiegenlied als motorische Erinnerung an ein vorgeburtliches Leben, da wir alle noch sorglos im Fruchtwasser schwammen, und zugleich als Vorgriff auf Erlösung in einer Welt, in der menschliches Handeln nicht mehr zählt. Der Kontrast zwischen Drama und Natur, zwischen Stadt und Fluss, Schicksal und Schicksallosigkeit hätte schöner und feiner kaum beschrieben werden können.

          Für die Sänger muss es ein Traum sein, unter Petrenkos Dirigat zu singen. Er gibt nicht nur jeden Einsatz mit Umsicht und Entschiedenheit; die orchestrale Zurückhaltung schenkt den Singenden zugleich energetische Freiräume, die sie gewinnbringend für ihr Spiel nutzen können. Wolfgang Koch als Binnenschiffer Michele, herzensgut, doch ausgebrannt, und Eva-Maria Westbroek als seine Frau Giorgetta, zermürbt vom allzu langen Verzicht auf die Erfüllung ihrer eigentlichen Wünsche, sind ein Ehepaar, die nichts als die Arbeit noch miteinander verbindet. Eine Nähe von Haut und Herzen zwischen ihnen herzustellen gelingt ihnen nicht, obwohl ihre Köpfe immer kurz vor einer innigen Berührung stehen, obwohl man in den Worten und Gesten Impulse zu letzten Versuchen bemerkt, die dann in Mutlosigkeit und Müdigkeit versacken.

          Moderne Tragödie wird mitunter zum billigen Schocker.

          Das ist von der Regisseurin Lotte de Beer genau gearbeitet. Doch ebendiese Genauigkeit lässt die Schwäche des Dramas hervortreten: Wo so viel Resignation herrscht, platzt der Eifersuchtsmord von Michele an seinem Nebenbuhler Luigi (den Yonghoon Lee genauso singt, wie man sich einen Tenor als jugendlichen Liebhaber in der Oper vorstellt) als bloßer Theatereffekt ins Stück. Was eine moderne Tragödie über das innere Verlöschen von Menschen in der modernen Arbeitswelt hätte sein können, wird durch die Gewalttat zu einem billigen Schocker. Dass die Leiche Luigis sich dann im Mittelstück der Trichterarchitektur der Bühne von Bernhard Hammer auch noch dreht, unterstreicht das unvermittelt Einmontierte dieses Effekts.

          Musikalisch wird in München das Mittelstück, „Suor Angelica“, zum Höhepunkt, vor allem wegen der eindringlichen Sopranistin Ermonela Jaho als Nonne Angelica. Petrenko baut um sie einen orchestralen Schutzraum, so dass sie den Großteil ihrer Partie mezza voce, also leise, extrem nuancenreich singen kann. Unterdrückung eigenen Leids – sie wurde nach der Geburt eines unehelichen Sohnes ins Kloster verbannt – und Versagung eigener Wünsche werden als vulkanische Energie hinterm Anschein äußeren Friedens hörbar. Sie befreit ihre Stimme erst zum Vollklang strömenden Glücks, wenn sie im Entschluss zum Freitod Gift trinkt. Die Wirkung einer solch klugen musikalischen Voraussicht ist immens.

          Am Ende dreht sich wieder das Mittelstück des Einheitsbühnentrichters und mit ihm ein großes Kreuz, in welchem der bereits verstorbene Sohn Angelicas schwebt. Es ist ein Bild des Wahns und des technischen Wahnwitzes, mit dem Lotte de Beer die vom Stück vorgeschriebene Vision der heiligen Jungfrau mit dem Kinde in eine Zeit zu tragen sucht, deren irreligiöse Gefühle leicht zu verletzen sind. Inzwischen reichen die intellektuellen Entlastungsstrategien Puccinis – Historisierung und Feminisierung von Religion – nicht mehr aus, solche Visionen dem Spott oder der Pathologisierung seitens der Durchblicker völlig zu entziehen.

          Das Schlussstück „Gianni Schicchi“ gerät in den gotischen Kostümen von Jorine van Beek und mit solchen Erzkomödianten wie dem überragenden Spielmacher und Stimmriesen Ambrogio Maestri als Gianni Schicchi oder der markanten Michaela Schuster als Zita zu einem zündenden Volkstheaterschwank in spätmittelalterlicher Kirmesästhetik. Bewusst skeptisch gegenüber dem sogenannten Regietheater tritt Lotte de Beer, die diese Skepsis im Programmheft prägnant artikuliert, zurück hinter das Werk, dem sie in seiner treffsicheren Konstruktion zu großer Wirkung verhilft. Auf eigene Brillanz hat die Regisseurin es nicht abgesehen; Menschenfreundlichkeit merkt man ihr indes an. Von Pavol Breslik als Rinuccio und Rosa Feola als Lauretta hätte man gern noch mehr gehört. Für alle, einschließlich Petrenko, gibt es extralangen Applaus, für Ermonela Jaho als Angelica aber sogar Blumen.

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