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Puccini-Oper in Mannheim Dieses Girl ist eine Jeanne d’Arc

Vor gut hundert Jahren wurde Giacomo Puccinis Wildwest-Oper „La Fanciulla del West“ in New York uraufgeführt. Jetzt bürstet Tilman Knabe das Werk in Mannheim gegen den Strich

© Hans Jörg Michel Vergrößern Amerikakritik à la Puccini: Magnus Piontek und Marie-Belle Sandis in Tilman Knabes Mannheimer Inszenierung

Im Vergleich liegt Erkenntnis. Im Nationaltheater Mannheim und an der Oper Frankfurt sind derzeit zwei Werke zu sehen, die seinerzeit, im Dezember 1910, für Aufsehen in der Musikwelt sorgten. Damals wurden an der New Yorker Metropolitan Opera zuerst Giacomo Puccinis „La Fanciulla del West“ und kaum drei Wochen später Engelbert Humperdincks „Königskinder“ uraufgeführt.

Obwohl sich beide Komponisten in Zurückhaltung übten und einander mit Komplimenten überhäuften, war dies ein Wettstreit: Hier trat in den Augen von Publikum und Presse der weltberühmte Komponist von „La Bohème“ und „Tosca“ gegen den Schöpfer von „Hänsel und Gretel“ an - die italienische Opernmoderne gegen die spätromantische deutsche Märchenoper im Fahrwasser Wagners. Ein ideologischer Krieg, den Humperdinck mit minimalem Vorsprung in der Zuschauergunst gewonnen haben soll.

Puccini, ein unerkannter Avantgardist

Die Rezeptionsgeschichte hat weniger differenziert entschieden: Sie verbannte beide Werke rasch ins Raritätenkabinett des Opernrepertoires. Höchste Zeit, sie endlich daraus hervorzuholen! Dass die Opernhäuser in Frankfurt und Mannheim nun Wiederbelebungen wagen, ist ein Glücksfall, denn mit hundert Jahren Abstand sind aus den ideologischen Gegensätzen für heutige Hörer bloß stilistische Unterschiede geworden. Die allerdings frappieren: Wo sich Humperdinck stärker als erwartet der Welt des Jugendstils und einer Doppelbödigkeit des Tons im Sinne Mahlers annähert, unterstreicht die fulminante Neuproduktion der „Fanciulla“ in Mannheim, was für ein Avantgardist der vermeintliche Herzschmerz-Komponist Puccini gewesen ist.

Alois Seidlmeier und das erfreulich versierte Orchester des Nationaltheaters arbeiten nicht nur die Nähe zum Impressionismus Debussys heraus, die in diesem Werk noch ausgeprägter ist als in der „Butterfly“, sondern auch das damals radikal fortschrittliche Prinzip der musikalischen Collage. So wirft Puccini bedenkenlos amerikanische Goldgräbersongs, den Breitwandsound von Music Hall und frühem Jazz, mexikanische Rhythmen und Anklänge an authentische Indianermusik in einen Topf mit seiner glutvollen Melodik, würzt das Ganze mit Italianità und dem quasifilmischen Klangrealismus der intensiv rezipierten „Salome“ von Richard Strauss - und heraus kommt ein Hörabenteuer, das für sich genommen spannender ist als mancher Krimi.

Untaten einer Bande von Kriegsgewinnlern

In Mannheim spielt jedoch die Szene mit und verstärkt noch die Wirkung. Dem Regisseur Tilman Knabe gelingt das Kunststück, die „Fanciulla“ jeder aufgesetzten Cowboy- und Western-Romantik zu entkleiden, ohne das Stück zu zerstören. Gerade wegen ihrer Zugeständnisse an den amerikanischen Publikumsgeschmack gilt das „Mädchen aus dem Goldenen Westen“ ja als Puccinis am stärksten zeitgebundene Oper. Knabe dreht den Spieß um, macht aus den Goldgräbern in David Belascos Stückvorlage „The Girl of the Golden West“ eine Bande von Kriegsgewinnlern, die hinter den Fronten eines fiktiven Grenzkonflikts mit Mexiko ihren dunklen Geschäften nachgehen.

Womit da im Schatten von Überwachungstürmen und zerschossenen Grenzanlagen genau gehandelt wird, ob mit Drogen, Gold, Alkohol oder Waffen, bleibt offen. Das erste Opfer ist so oder so die Moral; das zweite sind die Bewohner der heimgesuchten Gebiete, in diesem Fall die Indianer Wowokle (Marie-Belle Sandis) und Billy (Magnus Piontek), die samt ihrem Baby durch Schnaps und Rausch dahingerafft werden.

Auch mit der Goldgräber-Sentimentalität des Eröffnungsaktes hält sich Knabe nicht lange auf: Das leitmotivisch wiederkehrende Heimweh-Lied „Che faranno i vecchi miei“ des Bänkelsängers Jake Wallace (Radu Cojocariu) deutet er um zum letzten Gruß eines getöteten Soldaten an die Hinterbliebenen in der Ferne - ein aufwühlender früher Höhepunkt der Aufführung.

Die Blondine tanzt und hält Bibelstunde

Noch kühner aber ist die Wandlung, die Knabe der Titelfigur verordnet. Diese coltschwingende, zigarrenrauchende, bibeltreue Kneipenwirtin Minnie, die angeblich noch nie einen Mann geküsst hat, aber beim Pokerspiel um den Banditen Ramerrez schamlos schummelt, ist eine dramaturgisch verunglückte, mit Klischees überladene Nachzüglerin in der Tradition der femme fatale. Puccini selbst nannte sie immer bloß „das Girl“.

Knabe lässt Minnie nun als Las-Vegas-Blondine unterm Sternenbanner vor ihren harten Jungs an der Stange tanzen, während sie eigentlich Bibelstunde hält, und überspitzt so die Klischees derart, dass sie als erotische Wunschprojektionen durchsichtig werden. In Wahrheit spielt Minnie ein doppeltes Spiel.

Bei Knabe steckt sie von Anfang an unter einer Decke mit dem Mexikaner Ramerrez (mit schöner, leider in der Höhe unsicherer Tenorstimme gesungen von Roy Cornelius Smith): Der schleicht sich unter dem Tarnnamen Dick Johnson in Minnies Kneipe und Herz, betätigt sich jedoch hauptberuflich als moderner Robin Hood zwischen den Fronten.

Am Ende brennt das Sternenbanner

Als man ihn im dritten Akt aufknüpfen will, naht Minnies große Stunde: In der Pose einer Jeanne d’Arc hält sie die Männer in Schach, manipuliert sie, zieht sie auf ihre Seite. Am Ende brennt das Sternenbanner, und der scarpiahafte, bei Jorge Lagunes eher resignativ klingende Sheriff Rance wird von der Bühne gejagt.

Knabe bewegt sich hier, wie häufig in seinen Inszenierungen auf Messers Schneide zwischen genialischer Neudeutung und neuerlichen Klischees. Doch dank der intensiven, durch und durch glaubwürdigen Sopranistin Ludmila Slepneva in der Titelrolle kippt die Produktion nie aus der Balance. Hätten die Amerikaner seinerzeit geahnt, dass in Puccinis Girl eine mexikanische Freiheitskämpferin verborgen ist - wer weiß, was 1910 in der „Met“ los gewesen wäre!

Quelle: F.A.Z.

 
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