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Publikumsergründung Theatertheater

02.01.2009 ·  Die dreißig Jahre alte Theaterschauspielerin Constanze Becker findet das junge Publikum „unglaublich konservativ“. Ihr Generationsgenosse, der Schriftsteller Daniel Kehlmann, warnt hingegen vor der Begeisterung fürs Innovative.

Von Andreas Platthaus
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Vor fast einem Jahr hatte Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater in Berlin Premiere, und wer dieser Tage in eine der Vorstellungen gehen will, hat Pech: alles ausverkauft. Goschs Deutung ist zwar nicht besonders originell, aber die Schauspieler sind grandios. Vor allem Constanze Becker als Elena, die auch dafür im August zur Schauspielerin des Jahres gewählt wurde.

An Silvester gab die gerade dreißig gewordene Actrice dem Deutschlandradio Kultur jugendweise Auskunft über ihre Zukunft (sie wechselt im Sommer nach Frankfurt), ihr Selbstverständnis („Ich sehe mich nicht als Tragödin“) und ihr Bild vom Theaterpublikum, speziell dem der eigenen Generation: „Viele junge Menschen gehen unglaublich konservativ ans Theater heran. Sie fordern unglaubliche Text- und Stücktreue.“ Das findet Constanze Becker verwunderlich und schlecht. Andererseits seien junge Leute ja weiterhin eine Minderheit unter den Zuschauern. Ob sie das gut findet, sagte die Schauspielerin nicht, aber das ältere Publikum sei auf jeden Fall weniger konservativ.

Ästhetische Positionen

Das dürfte ihr Generationengenosse Daniel Kehlmann genauso sehen - aber ganz anders werten. In dem gerade bei Matthes & Seitz erschienenen Band „Requiem für einen Hund“, der ein langes Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt wiedergibt, beklagt sich der 1975 als Sohn einer Schauspielerin und eines Regisseurs geborene Schriftsteller über die prinzipielle Kritik am Konservativen und das dauernde Lob fürs Innovative. Es gehe doch nicht um Absoluta, „es sind einfach ästhetische Positionen“. Und die bewertet Kehlmann nach deren eigenen Ansprüchen. Der - „sagen wir ruhig einmal“ - Spießer wolle heute im Theater das Gefühl haben, es handele sich um innovative Kunst. „Und woher weiß er das? Es muss so aussehen wie die innovative Kunst vor zwanzig, dreißig und fünfzig Jahren. Das ist neu.“

Und damit hat Kehlmann die Begeisterung des Publikums für Innovationen ad absurdum geführt. Deshalb gehe, so fährt er fort, kaum noch jemand, der künstlerisch interessiert, neugierig oder intelligent sei, ins Theater. Und trotzdem, so deutet Kehlmann Kleinschmidt gegenüber an, trage er sich mit dem Gedanken, ein Stück zu schreiben. Die Theater werden sich darum reißen. Und Constanze Becker sähen wir Fast-noch-Generationengenossen gerne in einer Hauptrolle - selbstverständlich text- und stückgetreu.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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