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Prince in Köln Den Künstler kennen wir doch anders

Erst lässt Prince seine Fans Ewigkeiten warten, weil er vor der Konzerthalle Rad fährt. Dann wirft er nach nur 40 Minuten auf der Bühne seine Gitarre in die Ecke. Am Ende fliegen Becher.

© dapd Seine Undurchschaubarkeit: Prince, hier auf dem Hop Farm Festival

Es gibt Geschichten, die kann man sich in ihrer Seltsamkeit nicht besser ausdenken. Prince habe soeben erst seinen Soundcheck beendet – so informiert kurz vor dem offiziellen Konzertbeginn die zuständige Dame am Presseschalter. Darüberhinaus habe er angekündigt, zwischen zwei und vier Stunden spielen zu wollen. Fotografen seien nicht zugelassen, er habe ja seinen eigenen dabei.

Dann kann man ja noch etwas in Vorfreude um die Halle schlendern, denkt man sich. Und während man so geht und sich fragt, nach welchen Kriterien Seine Undurchschaubarkeit an diesem Abend wohl die Songabfolge zusammenstellen mag, kommt einem am Südeingang zur Lanxess-Arena ein Mann auf einem Mountainbike entgegen. Unfassbar, aber: Es ist Prince, nur von seiner Gitarristin auf einem zweiten Rad begleitet, Leibwächter sind nicht in Sicht. Das muss man erst einmal verdauen. Zwei Frauen bleiben wie angewurzelt stehen: „War das jetzt . . .?“

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Er war es. Höchstens der Anblick von Madonna auf Rollschuhen im Supermarkt könnte diesen bizarren Anblick noch überbieten. Doch auch das Konzert selbst, Prince’ einziger Deutschlandauftritt überhaupt auf seiner laufenden Tournee, ist dazu angetan, das Bild vom unberechenbaren Sonderling weiter zu zementieren.

Dann geschieht das Unfassbare

Statt um acht Uhr anzufangen, lässt Prince die Zuschauer zunächst knapp vierzig Minuten warten. Klar, er fährt ja gerade draußen Fahrrad. Um zwanzig vor neun dann betritt er zu Donner und Blitzen vor dem Hintergrund des markigen Symbols, das er zur Zeit seiner Umbenennung in „Symbol“ beziehungsweise „The Artist Formerly Known As Prince“ etablierte, die Bühne. Der Abend beginnt mit „Lay Down“, das er als breiten, walzenden P-Funk spielt. Die Band, das ist gleich zu hören, ist brillant eingespielt, und Prince’ Gitarre jault so überzogen, dass man lachen möchte vor Freude. Der Hallensound indes ist, wie so oft in dieser scheppernden Arena, eine Katastrophe. Dann geschieht das Unfassbare: Prince schmeißt am Ende des Songs seine Gitarre in die Ecke und geht wortlos ab.

Es vergehen vierzig Minuten, während derer durch eilig geführte Telefonate in Erfahrung gebracht werden kann, dass der Künstler mit dem Klang in der Halle unzufrieden ist. Dann abermals Donnern und Blitzen: Prince kommt zurück und nutzt die folgenden Stücke „We Live (2 Get Funky)“ und das Billy-Cobham-Cover „Stratus“ erst einmal zur ausgiebigen Klangkorrektur. „Soundcheck!“, ruft er immer wieder in die Songs hinein und dirigiert mit kleinen Gesten seine grandiose Band („Play that bass riff!“).

Becher fliegen, Buhrufe dröhnen durchs Rund

Es ist mehr als faszinierend, diesem Spiel zuzuschauen: Ein Künstler, der auf offener Bühne um einen besseren Sound ringt und dabei großartige, entfesselte Musik spielt. Dennoch bangt man nach jedem Song, Prince könne womöglich wieder verschwinden. Nach fünfzehn Minuten hat man gefühlt drei Schlagzeugsolos und sieben Gitarren-Exkursionen gehört – bei anderen Musikern oft ein Zeichen von Ratlosigkeit, hier jedoch die reine Freude. Am Klang ändert sich jedoch nichts. Er entschuldige sich für die Verzögerung, lässt Prince wiederholt die Fans wissen. Wenn man sich beschweren wolle, solle man dies bei John tun, fügt er süffisant hinzu und zeigt auf seinen Saalmixer.

Trotzdem: Die Stimmung in der Halle wird immer besser, und Prince, der an jedem Abend ein anderes, ausuferndes Set spielt, scheint nun in Hit-Laune zu sein. „1999“ und „Let’s Go Crazy“ lassen jeden Unmut bald verfliegen. Aber plötzlich verlässt Prince die Bühne wieder – womöglich zum Radfahren, denkt man. Doch nein, nach einigen Minuten kehrt er in einer Art Jedi-Ritter-Klamotten zurück und spielt eine faszinierend verschleppte Version von „Purple Rain“ (mit Konfettigeriesel), gefolgt von „Kiss“ (mit exzessiver Tanzeinlage). Zu „A Love Bizarre“ lässt er dann Fans auf der Bühne tanzen, die Party scheint jetzt richtig loszugehen. Dann geschieht das Unfassbare: Nach etwa achtzig Minuten verlässt Prince um viertel vor elf die Bühne. Nach zehn Minuten Dunkelheit geht schließlich das Hallenlicht an – untrügliches Zeichen dafür, dass hier nichts mehr passiert. Becher fliegen, Buhrufe dröhnen durchs Rund.

Sicher: Man kann Prince’ Weigerung, hier nicht nach Vorschrift zu funktionieren, als weiteres Zeugnis einer beispiellosen künstlerischen Unbezwingbarkeit sehen: Wo andere ihr Programm abspulen, hat er ein bisweilen grandioses, allerdings nur kurzes Konzert gespielt und dann eine Konsequenz gezogen, die eines echten Künstlers würdig ist. Beruhigend, dass es so einen noch gibt! Wer mehr als hundert Euro für ein Ticket gezahlt hat, wird hierfür jedoch wenig Verständnis haben. Und Prince? Der reagiert sich vermutlich beim Radfahren ab.

Quelle: F.A.Z.

 
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