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Castorf und Kennedy in Berlin : Zwei Zwiespaltspiele

Rauf oder runter, Hauptsache, das Elend kräftig umgerührt: Andreas Döhler hilft Victor Hugo. Bild: Matthias Horn

Mit Susanne Kennedys „Women in Trouble“ enttäuscht die Berliner Volksbühne, deren alter Hausgeist Frank Castorf derweil mit „Les Misérables“ Victor Hugo ins Wort fällt. Sieben Stunden lang. Weil er es kann.

          Theater bringen Welten auf die Bühne. Gegenwelten. Meist existieren sie gefahrlos nebeneinander. Aber manchmal stehen sich diese Gegenwelten auch unversöhnlich gegenüber. In Berlin konnte man in den vergangenen Tagen miterleben, wie zwei radikal verschiedene Theaterwelten aufeinanderkrachten. An der neuen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz präsentierte die junge, europaweit erfolgreiche Künstlerin Susanne Kennedy eine Neuauflage ihres installativen Theaters. Am neugeführten Berliner Ensemble zeigte der altbekannte Anklamer Theaterrevolutionär und ehemalige Volksbühnen-Chef Frank Castorf eine szenische Bearbeitung von Victor Hugos „Les Misérables“. Alt gegen Jung, transmediale Weltläufigkeit gegen lokalen Bühnenpatriotismus – so lauten dabei ungefähr die Schusslinien.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Sympathien in der Stadt sind klar verteilt – wenn auch nicht in klassischer Weise: Traditionalismus gilt im Moment mehr als selbstbehauptete Avantgarde. Selten wohnte einem neuen Anfang so wenig Zauber inne wie bei der Neueröffnung der Volksbühne unter Chris Dercon. Bisher ging fast alles schief, was schiefgehen konnte. Im Vorfeld gab es enormen Gegenwind, viel Kritik an Person und Programm des Intendanten, die Absagen von Künstlern häuften sich, und schließlich wurde das Haus sogar von sozialkritischen Aktivisten besetzt.

          Vor ein paar Wochen kam dann endlich die langersehnte Eröffnung – aber auch die war über weite Strecken ein peinliches Debakel. Der Druck am Haus wächst also. Am zweiten Premierenabend dieser Saison werden vor dem Haupteingang Flyer verteilt, auf denen verschwörerisch eine weitere „Maßnahme“ angekündigt wird. Drinnen aber ist die Stimmung aufgeschlossen und heiter. Noch. Denn bald schon werden die ersten Zuschauer das Theater entnervt verlassen und sich auf „Gegenmaßnahmen“ freuen.

          Unsere Träume sind in Gefahr

          Kennedys Abend steht unter der Überschrift „Women in Trouble“ und will Zeitkritisches zur Rolle der Frau zeigen. Das Ganze spielt auf einer permanent rotierenden Drehbühne, die verschiedene Räume oder besser: „Environments“ einer Schönheitsklinik zeigt. Belebt wird dieser kreisende Limbo von posthumanen Charakteren im Zustand „ausgesetzter Identität“, deren Gesichter unter einer Latex-Maske eingezwängt sind und deren Stimmen vom Band kommen. Stimmen, die wie ihre Gesten von fremder Hand antrainiert sind. Die Doppelgängerinnen berühren einander nicht.

          Zeitkritisches zur Rolle der Frau: Susanne Kennedys „Women in Trouble“ ist die zweite Premiere der Volksbühne unter Chris Dercon.
          Zeitkritisches zur Rolle der Frau: Susanne Kennedys „Women in Trouble“ ist die zweite Premiere der Volksbühne unter Chris Dercon. : Bild: Julian Röder

          Das ganze Setting durchzieht eine Atmosphäre von Kälte und Künstlichkeit: Auf Bildschirmen fliegen Meteoriten durcheinander, am Eingang einer MRT-Röhre blutet eine Replikantin aus dem Unterleib, im nächsten Raum steht ein „CrossFit-Trainer“, überall liegen Massagehandtücher und grüne Äpfel herum wie scharfe Waffen. Die Aura wirkt saubermännisch wie in der Eingangshalle eines Scientology-Gebäudes, aber neben der Atmosphäre gibt es sonst nicht viel Interessantes zu sehen oder zu hören. Die Texte, von Laienstimmen eingesprochen, sind – laut Programmzettel – Zitate aus Filmen, Serien, Büchern und dem Internet und kreisen um Selbstoptimierung, Krankheit und Sexismus. Wenn wir so weitermachen, dann sind wir bald zu leblosen Konsumenten degeneriert, so die Botschaft. Unsere Träume sind in Gefahr, alles droht Fake und Oberfläche zu werden. Kennedy lässt ihre Puppenspieler minutenlang die Nebenwirkungen eines Krebsmedikaments vortragen, woraufhin die ersten Zuschauer mit Scheibenwischerbewegungen den Saal verlassen.

          Vielleicht ein großes Wort für das, was auf der Bühne passiert

          Auch bei der Premiere am nächsten Abend ergreifen viele vorzeitig die Flucht. Allerdings dauert die Aufführung hier auch dreimal so lange: Siebeneinhalb Stunden, am Ende wartet man, wie immer bei Castorf, nur noch darauf, dass es endlich vorbei ist. Aber der Anfang ist schön und berührend. Der alte Jürgen Holtz tritt auf und monologisiert ausführlich über das Pariser Kloakensystem. Sein zerfurchtes Greisengesicht verzieht sich, er spuckt und geifert, die Hände zittern vor Lust, wenn er von Eingeweiden und Stricken spricht, an denen die Reste von Selbstmördern hängen.

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