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Polittheater Auch du bitte, Brutus!

02.07.2005 ·  Königsdrama als Staatsposse: Gerhard Julius Cäsar organisiert im Reichstag seine Erdolchung. Statt Shakespearescher Größe herrscht germanischer Masochismus, und die Rolle des Brutus spielt eine Frau.

Von Gerhard Stadelmaier
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Es waren in der Nacht zum 1.Juli, also an den Kalenden des Monats, dem der große Gaius Julius Cäsar seinen Namen gab, keine Wunderzeichen am Himmel, keine Flammenkrieger fochten auf Wolken und sprühten Blut auf den Reichstag herab, keine Gräber gähnten und spien Tote aus, keine dem Berliner Zoo entlaufne Löwin warf auf offner Straße, keine Geister schrien und krächzten durch die Straßen. (Es regnete allenfalls heftig, und in Bad Nauheim brannte in Folge eines Blitzschlags ein Dachstuhl aus.)

Denn dies Drama ist nicht von Shakespeare. Sondern von Schröder: also Regisseurstheater neuerer Sorte. Königsdrama als Posse. Der Regisseur spielt darin die Hauptrolle und sich als Autor auf.

Hier grinst Doris

Noch bevor der Vorhang aufgeht, sehen wir - natürlich in Form einer Videoprojektion -, wie Gerhard Julius Cäsars Frau, die hier merkwürdigerweise nicht Calpurnia, sondern Doris heißt, aus dem Schlaf aufschreckt und ihren Gatten anherrscht: „Aufstehen, Cäsar, dich erdolchen lassen!“ - Darauf er, gähnend rotzig im Volksbühnenstil: „Also, ich sach' mal so, Doris, das krieg' ich locker hin!“ Bei Shakespeare weint Calpurnia. Hier grinst Doris. Das Video erlischt.

Der Vorhang geht auf. Man sieht eine Unmenge Propheten, Vogelflugdeuter und Leberbeschauer, die alle, typisch modernes Theater, furchtbar viel Unverständliches in Mikrophone hineinquatschen, während überm Forum Germanicum in Reichstagsdekoration ein riesiger, fetter Adler schwebt, unter den nun Gerhard Julius Cäsar tritt.

Den schön frisierten Kopf gesenkt

Die Toga hat er durch einen jener Anzüge ersetzt, zu denen der Kostümbildner Brioni eine dezente, mauvefarbengestreifte Krawatte beigesteuert hat. Und dann, nachdem Cäsar eine lange Kunstpause gemacht, sehr ernst geblickt, die von Erregung leicht zitternde Stimme gedämpft, den schön frisierten Kopf gesenkt hat, die feinen Herrscherhände wie behütend an den Manuskriptblättern seiner großen Senatsrede entlangstreicheln ließ, erfolgt gleich der große Regie-Coup.

Cäsar sagt hier nicht: „Ich ließe wohl mich rühren, glich' ich euch“ oder „Doch ich bin standhaft wie der Stern des Nordens, der im Beharren und an Festigkeit nicht seinesgleichen hat am Firmament“. Und wird auch nicht von Verschwörern erdolcht. Sondern er verschwört sich gleichsam gegen sich selber und fleht jedermann im Saale an, ihn doch bitte gefälligst zu erdolchen: „Auch du, mein Sohn Brutus.“

Baden in Dolcheslust

Das Drama ist umgedreht, das Stück (typisch Regietheater) zerstört, die Figur pervertiert, die Tragödie suspendiert. Es herrscht eine Art gepflegtes Grand-Guignol: Cäsar badet förmlich in Dolcheslust, mit ernster Stimme: „Kommt her, stecht zu!“ Es hat nichts mehr von Shakespearescher Größe, sondern von germanischem Masochismus. Erst wenn er getötet, gemeuchelt, abgestochen sei, könne er weiterleben, so Cäsar mit bebender Stimme. Alle finden das komisch, doch keiner lacht.

Und so bringt Gerhard Julius Cäsar das Elend des neueren Theaters geradezu quälend auf den Punkt: Wem vom Drama und vom Autorwillen her eigentlich der Tod bestimmt wäre, muß nach moderner Regiewillkür weiterleben, wem aber der Dramatiker die Gnade eines Weiterlebens spendiert, der muß gnadenlos sterben. Lulu, Richard III., Macbeth und Wallenstein beispielsweise sind auf deutschen Bühnen gemeinhin zum ewigen Leben verdammt, während Minna von Barnhelm und Käthchen von Heilbronn gerne mit einer MP-Garbe niedergemäht werden.

Sterben und weiterleben

Gerhard Julius Cäsar aber treibt sowohl die Regie- wie die Schauspielerwillkür auf die Spitze: Er will hier sowohl sterben als auch total flott weiterleben und benötigt dafür zwei Körper in einem und zwei Figuren in einer: hier Gerhard, dort Julius, die beiden Körper des Herrschers. Den einen will er jetzt töten lassen, damit er im anderen um so glorreicher auferstehe. Niemand im Parkett versteht das. Es ist dramaturgische Verkopfung, Herumgeklettere im Überbau, und im Programmheft steht dazu auch nur theoretisch verquirlter Quark: Konfusion der Zeichen; Rumgemache im Numinosen - aber selbstverständlich hoch subventioniert. Oder wie Kollege Cicero jetzt pointiert hätte: Quo usque tandem abuteris nostra patientia, Thalia?

Aber wie der umgedrehte Cäsar dazu seine Hände das Rednerpult streicheln läßt! Wie er tremoliert! Wie er ein Anti-Shakespeare-Wort wie „geschuldet“ mit tiefem, dunklem DDR-Laut (Volksbühne! Castorf!) auflädt! Wie er die Reformen der Getreide- und Sesterzenverteilung an die Plebs ins Spiel bringt, wie er, und da wird seine Stimme ganz leise, betont, wie oft er wie viele Rubicone überschritten habe, ohne sich die Füße naß zu machen, wie er Weltgegenden wie Anatolien, die auf ihn als Erlöser geradezu angewiesen seien, eine Pax Gerhardica verschaffen möchte, wie er, und da streckt er den gesenkten Kopf einmal stolz empor, ganz weich wird bei seiner Liebeserklärung an die Plebs, die ihn wiederum liebe und der er ganz und gar vertraue und von der er sich wieder und immer wieder gerne zum König und Herrscher ausrufen lassen wolle, wann immer die Plebs das wolle, und wie er überhaupt immer und immer wieder „Ich bin Cäsar, ich bin der Größte, ich bin der Schönste, ich bin der Stärkste!“ ruft - aber gleichzeitig innig fleht: Erdolcht mich doch bitte! Und auch du, mein Sohn Brutus. Die reine Schmiere.

Der Dolch in der Handtasche

Natürlich kommt diese Staatstheaterschmiere ohne den echten Brutus aus. Man hat ihn, typischer dramaturgischer Was-hatten-wir-noch-nicht?-Gag, mit einer Frau besetzt: Angela Bruta, den Dolch in der Handtasche.

Während noch ein proletarischer Marc Münte Anton dauernd mit Reibeisenstimme „Aber, und ich betone das mal jetzt, Gerhard ist ein ehrenwerter Mann!“ kräht, holt nach etlichen rhetorischen Anläufen und Stolperern Angela Bruta, wie von Gerhard Julius innig gewünscht, den Dolch aus dem Täschchen, worauf dann alle reihum zustechen, Cäsar grinsend seinem Tode zuguckt und zufrieden abgeht. Und Wählerscharen betten ihn zur Ruh'. Der Rest ist Politik.

Quelle: F.A.Z., 02.07.2005, Nr. 151 / Seite 35
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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