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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Politik und Feuilleton Korrumpel und Kurtisane

11.11.2004 ·  Berlin ist längst der Normalfall: Journalisten lassen sich allerorts von der Politik instrumentalisieren, die Kulturkritiker werden zu Politik- und Kulturpolitikmachern. Eine Chronik der Anmaßungen.

Von Gerhard Stadelmaier
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Hier schreibt der Theaterkritiker an seine Leser: „Sie wundern sich, daß fast jeder Wiener Theaterkritiker ein Stück im Theaterbureau liegen hat. Sie wundern sich, daß in Wien Theaterkritiker nicht nur Theaterkritiker und Redakteure des Theaterteils, sondern zugleich Dramaturgen, von einem Theaterdirektor bezahlte Dramaturgen sein können. Sie wundern sich, daß die Wiener Theaterkritik sich in Direktionsgeschäfte mengt wie bei der vorletzten Burgtheaterpremiere, wo sie nach der Generalprobe die Absetzung des Stückes im Ultimatum-Ton verlangte. Sie wundern sich, daß die Theaterkritik, als ihrem Wunsch nicht entsprochen wurde, zur Aufnahme eines gar nicht vorhandenen Skandals Reporter ins Haus entsandte. Sie wundern sich und sind entrüstet. Aber ist es nicht viel wunderlicher, daß Sie sich wundern? Freilich wohnen Sie in Berlin und im Westen. So wissen Sie denn, daß in Wien der Osten wohnt. Darum nehmen Sie nichts mehr wunder von der Kurtisane des Ostens.“

So schrieb der große Berliner Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn, neben und manchmal gegen Kerr und Polgar einer der bedeutenden Gegen-den-Strom-Schwimmer, Dazwischenhauer, Auf-die-Meinung-anderer-Pfeifender des ersten Drittels des zwanzigsten Jahrhunderts am 19. Juni 1913 in seiner berühmten Zeitschrift „Schaubühne“, die später zur noch berühmteren „Weltbühne“ werden sollte und für die er die „Antworten des Herausgebers“ erfand - eine grandiose Spielwiese bittersten und höhnischsten Splitterwitzes für den Pointenlauf hinterrücks über Bande.

Kritiker auf der Honorarliste

Abgesehen davon, daß der Theaterkritiker des Wiener „Standard“ im Jahr 2004 auch „Stücke im Theaterbureau“ liegen hat, während er fleißig über die neuen Stücke seiner Dramatikerkollegen und -konkurrenten in seiner Zeitung schreibt; abgesehen auch davon, daß etliche deutsche Kritiker vor allem Münchner Provenienz auf der Honorarliste des Wiener Burgtheaters beziehungsweise dessen „Edition Burgtheater“ stehen, darunter Kollegen einer Zeitung, die sich öffentlich immer so pharisäisch große Sorgen um den Zustand der deutschen Theaterkritik macht, Kollegen also, die für die Edition, herausgegeben vom Burgtheaterdirektor, dickleibige Monographien über Burgtheater-Regisseure und -Schauspieler schreiben, deren inszenatorische und mimische Burgtheaterleistungen sie weiterhin in ihrer Zeitung naturgemäß völlig frei würdigen; abgesehen auch davon, daß ein Münchner Kollege sogar mit einer eigenen Lese-Veranstaltung im regulären Spielplan des Burgtheaters oder auch etlicher anderer Häuser (Weimar, Bochum) aufgetaucht ist, über deren Aufführungen er sicher nun nicht mehr nicht schreiben wollen wird, sonst wäre es mit seiner Unbefangenheit ja vorbei; abgesehen auch davon, daß ein jüngerer Kollege der „Frankfurter Rundschau“ schon Aufsätze für Programmhefte von Inszenierungen verfaßte, über die er dann ungeniert begeistert schrieb, und ein älterer Kollege jenes Blattes einst dem Frankfurter Theater eine Mitbestimmungsverfassung mitverfassen half, über die er dann jahrelang öffentlich in seinem Feuilleton total unbeeinflußt handelte; abgesehen auch davon, daß der Theaterkritiker der „Berliner Zeitung“ einst Pressedramaturg des Berliner „Deutschen Theaters“ zu DDR-Zeiten war und heute dem Haus und dessen Ost- oder West-Ausrichtung naturgemäß völlig neutral gegenübersteht; abgesehen auch davon, daß Kollegen mit Theaterleuten auf gutem Duz- oder auch Premierenfeier-Sauffuß stehen, vom Kantinenfuß ganz zu schweigen, und mit Castorf einen heben, damit sie Schlingensiefs Häschen besser begreifen; abgesehen auch davon, daß ein nun schon freilich sehr älterer Kollege zu seinen besten Zeiten auf Premierenfeiern gerne die schönste Schauspielerin des Ensembles abschleppte, über die er dann begeistert schrieb - abgesehen also von all dieser sozusagen ganz normalen, weitverbreiteten Korruption durch Kumpanei, also Korrumpelei auf allen Ebenen, liegen Jacobsohns doch noch viel schärfere „Kurtisanen des Ostens“ heute nicht mehr nur in Wien im Pfeffer. Dieser Osten tut sich in jeder größeren deutschen Stadt auf, die noch eine Zeitung und, nehmt alles nur in allem, ein Feuilleton hat.

Es geht bei dieser Cour der Kurtisanen nicht mehr nur um eine fahrlässige oder dumme oder dreiste Nähe der Theaterkritik oder der Kritik überhaupt zu den Institutionen, über die sie kritisch zu handeln hätte. Es geht um die viel virulentere „Einmischung in Direktionsgeschäfte“. Es geht ums direkte oder indirekte Mitmachen der Merker in der Sphäre der Macher. Es geht ums Politik- und Kulturpolitikmachen der Kulturkritiker. Es geht ums Korrumpiertsein durch Überschreiten von Grenzen, deren Aufrechterhaltung sozusagen zum Grundlagenvertrag einer demokratisch verfaßten Kulturgesellschaft gehört.

„Im Interesse der Stadt“

Der jüngste Berliner Fall, wo ein Kollege vom Berliner „Tagesspiegel“ dem Kultursenator in einer kulturpolitischen Personalangelegenheit beratend und dossierverfassend zugearbeitet hat „im Interesse der Stadt“ und im Hintergrund Strippen zog, die gar nicht in seine Hände gehörten (siehe auch: sowie ), und derart einen Kandidaten für die Direktion der Berliner Opernstiftung zu verhindern half und so dort mitmachte, wo er als Merker nie Macher sein dürfte und die Grenze vom kulturpolitischen Kritiker zum kulturpolitischen Mittäter eklatant überschritt, ist nur die besonders platte Spitze eines großen Softeisberges. Der seit Jahren wuchs und weiter wächst.

Im Berliner Fall war der Senator darauf aus, einen Journalisten zu instrumentalisieren, und der Journalist tappte „im Interesse der Stadt“ in die Instrumentalisierungsfalle. So konnte der Kandidat, den der so schlaue wie intrigensichere Senator nicht wollte, auf Grund der Beurteilung, die ihm der Journalist als Expertise freundlichst ausfertigte, ausgehebelt werden. Die Instrumentalisierungsfalle hat ja einen Doppler-Effekt. Sie schnappt dann gerne gnadenlos und hinterrücks zu, wenn der Feuilletonist sich zuvor in die Verantwortungsfalle („im Interesse der Stadt“) begeben hat: Die Interessen einer Stadt müssen nicht die Interessen eines Feuilletons sein. Umgekehrt: Die Interessen eines Feuilletons könnten die Interessen einer Stadt sein.

Im Interesse der Kunst

Denn vom kritischen und inhaltlichen Niveau, das im Feuilleton ausgebreitet, beschrieben, analysiert, dargestellt wird, könnte die Stadt, wenn sie wollte, sich ja durchaus eine institutionelle Scheibe abschneiden: Wo die Werke (und nur die Werke, nicht die politische Richtung oder der persönliche Charme oder der Machtwille) eines Künstlers oder Theatermachers eine kritisch dargelegte Rolle spielen, wo das Feuilleton mit ihnen spielt, mit ihnen rechtet, sich mit ihnen auseinandersetzt - dort können sich eine Stadt und ihre Kulturpolitik, so oder so, für oder wider, inhaltlich orientieren. Und dann entscheiden, ob man das an den betreffenden Werken (und nur an ihnen, an nichts anderem!), was das Feuilleton sozusagen in die Stadt hineingeschrieben hat, richtig und wichtig findet: im Interesse der Kunst, die weit über die Interessen einer Stadt oder eines Staates hinausgehen könnte.

Diese Trennung von Inhalten und Personalien, von Image und Kunst, Wert und Markt scheint ziemlich verkommen. Der Feuilletonist, der diese Trennung nicht anerkennt und sie verwischt, wird zu dem degradiert, wozu ihn Enzensberger schon vor zwanzig Jahren machen wollte: zum Zirkulationsagenten. Der Kulturpolitik. Oder anders gesagt: Er legt sich in Betten, die nicht für ihn gemacht sind. Aber für ihn aufgeschüttelt werden. So übernimmt er die Verantwortung für Dinge, die er gar nicht verantworten kann: eine Anmaßung - im Interesse der Eitelkeit. Unter der Verantwortungsmaske.

Im Bett mit dem Minister

Dieses Bettenschütteln gilt vor allem in Zeiten von Intendanten- oder Direktoren-Findungen. Und beginnt gerne mit dem Anruf des Oberbürgermeisters oder des Ministers oder Senators. Diese suchen, da sie selber oft nicht kompetent sind und sich also meist sehr ungemütlich in ihren Betten fühlen, nach kompetenten Nebenliegern, die dann auch noch die öffentlichen Blößen abdecken helfen - und dafür zum Lohne die Neuigkeit, bei deren Zustandekommen durch flankierende journalistische Maßnahmen wie Porträts oder Interviews sie mithalfen, als erste melden dürfen: das jus primae informationis als Zuckerl fürs Mitkuscheln.

So hat sich das Feuilleton der „Berliner Zeitung“ bei der Kür von Christoph Hein zum Intendanten des „Deutschen Theaters“ bewußt ins Ost-Bett, das von Senator Flierl aufgeschüttelt ward, begeben und den Gekürten stolz als „ihren“ Kandidaten, dessen Gründe und Hintergründe sie besser als andere verstehe, präsentiert - samt einem unglaublichen ideologischen Schwulst aus DDR-„Erbe-Theorie“, die allerdings den Verdacht, es handele sich bei der Chose um eine Zurück-zum-Osten!-Bewegung, glanzvoll bestätigte.

Und obwohl der neue Intendant des Berliner Gorki-Theaters noch keineswegs bestellt ward, durfte ebenfalls in der „Berliner Zeitung“ Armin Petras, der Frankfurter „Käthchen“-Schänder, schon mal per Interview letzten Samstag aus dem gemeinsam mit dem Feuilleton gehüteten Nähkästchen plaudern und sein Möchtegern-Programm eines bunt-wilden Ost-Volkstheaters fürs Gorki und seine Taktik gegenüber dem Publikum („Erst mal nicht verschrecken“) vorstellen. An diesem Donnerstag meldete dann der Senator brav Vollzug und stellte Petras als designierten Intendanten vor.

In der Verantwortungsfalle

So auch hat das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ bei der unwürdigen Rausschmiß-Politik, die der damalige Münchner Kulturreferent Nida-Rümelin gegen den damaligen Intendanten der Münchner Kammerspiele, Dieter Dorn, anzettelte, durchaus flankierend mitgespielt: in der Instrumentalisierungsfalle - aus höherer Verantwortungsgefälligkeit „im Interesse der Stadt“. Genauso wie es bei der Kür des ehemaligen Staatsschauspielintendanten Eberhard Witt (vorher Honnover) auffällig flankierend mitgespielt hat: in der Verantwortungsfalle - aus höherer Instrumentalisierungsgefälligkeit.

Es ist dies aber keine Münchner Spezialität. Es ist dies der deutsche Normalfall. Heute Freiburg, morgen Stuttgart, übermorgen oder gestern Hannover und Hamburg: Die Macher merken, daß sich die Merker in die Macher-Pflicht nehmen lassen. Sie nennen Namen und geben Expertisen, schätzen ein, schlagen den einen Namen vor, lehnen den anderen ab, lassen sich einbinden, finden mit, machen mit. So laufen sie mit. Und so fühlen sie sich merkwürdig wohl: in einer grenzenlosen Gesellschaft, die ihnen das Gefühl gibt, weniger einsam zu sein. Dabei ist Einsamkeit der einzig wahre Zustand des Kritikers. Nur wer einsam bleibt, schreibt angenehm. Kritik ist eine eigene Kunst. Kurtisanen haben eine andere.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2004, Nr. 265 / Seite 33
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