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Plácido Domingo im Interview : Oper ist teuer, Sänger sind billig

  • Aktualisiert am

Solange ich diese Stimme habe, singe ich weiter: Plácido Domingo Bild: ddp

Ich werde keinen Tag länger singen, als ich sollte, aber auch keinen Tag weniger, als ich kann: Plácido Domingo über zu kleine Opernhäuser, Casting-Sänger wie Paul Potts und die nötige Demut einer großen Karriere.

          Plácido Domingo, Chef der Opernhäuser in Washington und Los Angeles, hat die Pensionsgrenze längst überschritten. Und doch singt er, wie es nun mal Hauptaufgabe eines Heldentenors ist, immer noch die strapaziösesten Partien jugendlicher Liebhaber. Im April ist er als Siegmund in Achim Freyers Inszenierung von Richard Wagners „Walküre“ in Los Angeles zu erleben, danach singt er die gleiche Rolle an der Met, im Théâtre du Châtelet in Paris wird er im Mai die Titelpartie in Alfanos Oper „Cyrano de Bergerac“ übernehmen. Für sein neues Album „Amore infinito“ hat Domingo Lyrik des jungen Karol Wojtyla vertonen lassen, die er solo und im Duett singt, unter anderem mit seinem Sohn Plácido Domingo jr. und Andrea Bocelli.

          Herr Domingo, was sagt Ihnen der Name Paul Potts?

          Wer bitte?

          Mit Anna Netrebko und Rolando Villazon in der Berliner Waldbühne (Juli 2006)

          Paul Potts.

          Um Gottes willen, was soll mir dieser Name sagen?

          Keine Sorge, es geht um Musik! Paul Potts ist der Sänger, der in einer britischen Talentshow entdeckt wurde. Er hat mit seiner Interpretation von Puccinis Arie „Nessun dorma“ Millionen Menschen zu Tränen gerührt . . .

          Ja klar, doch! Davon habe ich gehört. Ich habe ihm sogar zu seinem Sieg gratuliert.

          Ganz persönlich?

          Ja. Ich hörte überall von ihm reden, in Spanien war er in allen Medien präsent, da habe ich ihm geschrieben. Es ist doch toll, wenn ein unentdecktes Talent plötzlich eine Chance bekommt. Es gibt viele Talente da draußen, die nie die Möglichkeit einer guten Ausbildung hatten.

          Sie halten solche Talentshows für sinnvoll?

          Ich finde sie phantastisch. Sie haben eine riesige Fangemeinde. Allerdings sind die meisten auf Popmusik ausgerichtet. Wir haben noch einiges nachzuholen mit der klassischen Musik, bis wir da ankommen, wo die Popmusik heute ist.

          Potts' Version von „Nessun dorma“ haben sich bis heute über vierzig Millionen Menschen auf Youtube angehört. Ihr Kollege Luciano Pavarotti schaffte gerade mal neun Millionen Zugriffe. Sehen Sie in dieser Popularisierung durch die Medien keine Gefahr für die Opernmusik?

          Nein, überhaupt nicht. Wenn eine Opernarie in die Pop-Charts kommt, ist das wunderbar. Sie erreicht ein Publikum, das womöglich vorher gar keine Vorstellung davon hatte, was klassische Musik, was Oper überhaupt ist.

          Sie waren, gemeinsam mit José Carreras und Luciano Pavarotti, die ersten Opernsänger, die sich als „Drei Tenöre“ in ein Fußballstadion wagten . . .

          Was ist daran verwerflich? Erst dadurch wurden später viele weitere brillante Karrieren möglich, denken Sie an Andrea Bocelli. Wir waren die Initiatoren dieser Popularisierung!

          Die klassische Musik, vor allem die Oper, scheint heute wieder fast so populär wie zu Zeiten der Callas oder Carusos. Gibt es da so etwas wie eine Renaissance?

          In den zwanziger, dreißiger und auch noch fünfziger Jahren hat es viel weniger Reize gegeben, die auf den Menschen einwirkten. Es gab damals mehr Publikum für die Oper. Dann kam das Fernsehen, kamen andere Medien hinzu und verlangten nach Aufmerksamkeit. Die Oper rückte dadurch in den Hintergrund. Trotzdem hatte sie immer ihre treuen Fans, und dank der „Drei Tenöre“ konnte sich die Oper wieder neu erfinden und neue Zuhörer gewinnen. Wir haben uns damals quasi die Filetstücke aus den Werken gepickt, sie einem großen Publikum serviert. So wurde man auch außerhalb der Opernhäuser wieder auf die Schönheit dieser Musik aufmerksam.

          Trotzdem ist die Oper immer noch eine Veranstaltung für wenige Privilegierte.

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