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Plácido Domingo im Interview Oper ist teuer, Sänger sind billig

17.03.2009 ·  Ich werde keinen Tag länger singen, als ich sollte, aber auch keinen Tag weniger, als ich kann: Plácido Domingo über zu kleine Opernhäuser, Casting-Sänger wie Paul Potts und die nötige Demut einer großen Karriere.

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Plácido Domingo, Chef der Opernhäuser in Washington und Los Angeles, hat die Pensionsgrenze längst überschritten. Und doch singt er, wie es nun mal Hauptaufgabe eines Heldentenors ist, immer noch die strapaziösesten Partien jugendlicher Liebhaber. Im April ist er als Siegmund in Achim Freyers Inszenierung von Richard Wagners „Walküre“ in Los Angeles zu erleben, danach singt er die gleiche Rolle an der Met, im Théâtre du Châtelet in Paris wird er im Mai die Titelpartie in Alfanos Oper „Cyrano de Bergerac“ übernehmen. Für sein neues Album „Amore infinito“ hat Domingo Lyrik des jungen Karol Wojtyla vertonen lassen, die er solo und im Duett singt, unter anderem mit seinem Sohn Plácido Domingo jr. und Andrea Bocelli.

Herr Domingo, was sagt Ihnen der Name Paul Potts?

Wer bitte?

Paul Potts.

Um Gottes willen, was soll mir dieser Name sagen?

Keine Sorge, es geht um Musik! Paul Potts ist der Sänger, der in einer britischen Talentshow entdeckt wurde. Er hat mit seiner Interpretation von Puccinis Arie „Nessun dorma“ Millionen Menschen zu Tränen gerührt . . .

Ja klar, doch! Davon habe ich gehört. Ich habe ihm sogar zu seinem Sieg gratuliert.

Ganz persönlich?

Ja. Ich hörte überall von ihm reden, in Spanien war er in allen Medien präsent, da habe ich ihm geschrieben. Es ist doch toll, wenn ein unentdecktes Talent plötzlich eine Chance bekommt. Es gibt viele Talente da draußen, die nie die Möglichkeit einer guten Ausbildung hatten.

Sie halten solche Talentshows für sinnvoll?

Ich finde sie phantastisch. Sie haben eine riesige Fangemeinde. Allerdings sind die meisten auf Popmusik ausgerichtet. Wir haben noch einiges nachzuholen mit der klassischen Musik, bis wir da ankommen, wo die Popmusik heute ist.

Potts' Version von „Nessun dorma“ haben sich bis heute über vierzig Millionen Menschen auf Youtube angehört. Ihr Kollege Luciano Pavarotti schaffte gerade mal neun Millionen Zugriffe. Sehen Sie in dieser Popularisierung durch die Medien keine Gefahr für die Opernmusik?

Nein, überhaupt nicht. Wenn eine Opernarie in die Pop-Charts kommt, ist das wunderbar. Sie erreicht ein Publikum, das womöglich vorher gar keine Vorstellung davon hatte, was klassische Musik, was Oper überhaupt ist.

Sie waren, gemeinsam mit José Carreras und Luciano Pavarotti, die ersten Opernsänger, die sich als „Drei Tenöre“ in ein Fußballstadion wagten . . .

Was ist daran verwerflich? Erst dadurch wurden später viele weitere brillante Karrieren möglich, denken Sie an Andrea Bocelli. Wir waren die Initiatoren dieser Popularisierung!

Die klassische Musik, vor allem die Oper, scheint heute wieder fast so populär wie zu Zeiten der Callas oder Carusos. Gibt es da so etwas wie eine Renaissance?

In den zwanziger, dreißiger und auch noch fünfziger Jahren hat es viel weniger Reize gegeben, die auf den Menschen einwirkten. Es gab damals mehr Publikum für die Oper. Dann kam das Fernsehen, kamen andere Medien hinzu und verlangten nach Aufmerksamkeit. Die Oper rückte dadurch in den Hintergrund. Trotzdem hatte sie immer ihre treuen Fans, und dank der „Drei Tenöre“ konnte sich die Oper wieder neu erfinden und neue Zuhörer gewinnen. Wir haben uns damals quasi die Filetstücke aus den Werken gepickt, sie einem großen Publikum serviert. So wurde man auch außerhalb der Opernhäuser wieder auf die Schönheit dieser Musik aufmerksam.

Trotzdem ist die Oper immer noch eine Veranstaltung für wenige Privilegierte.

Das liegt leider daran, dass Oper so teuer ist. Die Eintrittskarten an einem Wochenende in der Metropolitan Opera in New York kosten um die dreihundert Dollar. Ein Paar, das sich einen Opernabend leistet, muss also allein für die Karten siebenhundert Dollar hinlegen. Dann kommt noch das Parkticket hinzu, das Abendessen . . .

. . . und Ihre Gage ist auch nicht ohne!

Nein, nein! Wir sind billig! Das Billigste an einem Opernabend sind die Sänger! Wenn Sie bedenken: Dank der Sänger füllt sich das Theater erst! Das, was wir dafür verlangen, ist wirklich nicht besonders viel.

Wo sehen Sie die Oper der Zukunft?

Die Oper ist unsterblich. Solange es Gefühle gibt und ein Verlangen nach Romantik, so lange hat auch die Oper Bestand. Und was die moderne Oper angeht, so hoffe ich doch, dass auch sie eine Zukunft haben wird.

Sind Sie skeptisch, ob sich zeitgenössische Stücke durchsetzen?

Natürlich. Vor allem, weil sich die meisten Komponisten heute darauf verständigt haben, Opern ohne jede Melodie zu schreiben. Das Publikum wird ihnen auf diesem Weg nicht folgen. In erster Linie ist es die Schuld der Kritiker. Die modernen Opern werden ja von den Kritiken in Grund und Boden geschrieben, sobald sie zu melodiös daherkommen. Mein Sohn ist Komponist, er fragte mich einmal, warum er denn keine Oper mit Melodie schreiben könne. „Nun ja, mach es“, sagte ich, „aber bedenke, dass dann die Harmonik wirklich herausragend sein muss!“ Ich glaube, dass man mit einem guten Libretto und einer außergewöhnlichen Komposition durchaus heutzutage Erfolg haben kann. Die Kritik hat die Komponisten derart in die Ecke getrieben, dass sich eines Tages der Kreis wieder schließen und man nach schönen Melodien verlangen wird.

Was müsste getan werden, damit das Ereignis Oper preiswerter wird?

Wenn ein Opernhaus sich auf mittelmäßige Sänger einließe und nicht nur mit den Besten der Besten arbeiten wollte, dann würden vielleicht die Preise etwas sinken. Aber hier, in den Vereinigten Staaten, wird Oper ausschließlich privat finanziert. Hier kommen allen Kultureinrichtungen zusammen nur etwa fünfzig Millionen Dollar öffentlicher Gelder zu, dagegen bekommt in Frankreich allein eine Bühne schon das Dreifache. Ich habe die Vision, dass in Zukunft größere Häuser gebaut werden sollten, um mehr Publikum in die Vorstellungen locken zu können. Das würde die Kartenpreise senken.

Bayreuth hat, um mehr Publikum zu erreichen, das Public Viewing eingeführt. Was halten Sie davon?

Es ist nun mal nicht dasselbe. Die Musik, die Inszenierung verlieren im Film zu viel. Das ist zwar alles schön und gut, auch Opern in die Kinos zu bringen ist natürlich besser als gar nichts. Aber das Live-Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen.

In New York standen Sie kürzlich als junger Liebhaber in der Oper „Adriana Lecouvreur“ auf der Bühne, in Berlin sangen Sie wieder Parsifal, und demnächst steht der Siegmund auf Ihrer Agenda. Wie glaubwürdig kann man im Alter von 68 solche Rollen spielen?

Sehen Sie, mit dem Alter reift erst die Jugend (lacht). Aber im Ernst: Wir sind hier ja nicht im Fernsehen, sondern in einem Opernhaus. Aus dem Zuschauerraum sind es einige Meter bis zum Protagonisten, da bleiben automatisch schon ein paar Falten auf der Strecke. Und auch die Vorstellungskraft ist beim Opernpublikum ausgeprägter als beim Fernsehzuschauer. Nehmen wir den Parsifal, der ist höchstens siebzehn Jahre alt in dem Stück. Aber zeigen Sie mir einen Sänger, der diese Rolle mit siebzehn bereits beherrscht. Das ist unmöglich. In der Oper muss also mit anderen Maßstäben gemessen werden.

Gibt es eine Rolle, die Sie heute nicht mehr spielen würden?

Romeo.

Warum?

Der Romeo ist eine ungeheuer populäre Figur, mit der man junge Gesichter in Verbindung bringt. Da würde ich mich als großer Verführer an der Seite einer jungen Julia unwohl fühlen.

Wie lange kann ein Tenor auf der Bühne stehen?

Ich habe vor zwölf Jahren die Direktion der Opernhäuser in Los Angeles und in Washington übernommen, weil ich damals dachte, es würde nun bald zu Ende gehen mit meiner Stimme und es wäre Zeit, sich zurückzuziehen. Doch wie Sie sehen: Ich singe noch immer. Solange ich diese Stimme habe, singe ich weiter.

Haben Sie sich ein Ziel gesetzt? Ein Datum fürs Aufhören?

Ich werde keinen Tag länger singen, als ich sollte. Allerdings werde ich auch keinen Tag weniger singen, als ich kann.

Und woran werden Sie merken, dass der richtige Moment gekommen ist?

Das merkst du einfach. Das merkst du!

Ihr Kollege Pavarotti wurde am Ende seiner Karriere regelrecht von der Bühne gebuht. Haben Sie Angst vor so einem Abgang?

Nein. Das, was Pavarotti widerfuhr, ist doch eigentlich nichts, wovor man Angst haben sollte. Das ist nur menschlich. Man weiß natürlich nie, wann der Augenblick kommt und in welchem Erdteil es passieren wird. Eigentlich möchte ich meine Karriere in der Met beenden. Doch es kann auch so kommen, dass ich mich an einem Abend nicht mehr gut genug fühle, vor das Publikum trete und sage: Verehrtes Publikum, dies war mein letzter Auftritt.

Das würden Sie so konsequent durchziehen?

Ich hoffe, ja! Natürlich ist so ein Schritt nicht einfach. Ich wache jeden Morgen mit der Frage auf, ob es noch geht, ob ich noch immer singen kann. Ich würde das Singen ja unheimlich vermissen! Aber ich muss auch Gott dafür danken, dass ich so lange auf so hohem Niveau habe singen dürfen, fast schon ein ganzes Leben lang, das ist doch etwas Wunderbares. Man muss demütig sein.

Beten Sie noch immer vor jedem Auftritt?

Immer. Ich bete zur heiligen Cäcilia, der Schutzpatronin der Musik, und zu Sankt Blasius, dem Schutzheiligen des Halses.

Um was bitten Sie die Heiligen?

Ich bitte um die Kraft, die mich trägt. Übrigens nicht aus Eitelkeit, sondern um den Genies zu dienen, die diese wunderbaren Opern geschaffen haben, die ich nun interpretieren soll.

Sie sind als besonders religiöser Mensch bekannt. Ist Ihr neues Album mit Liedern nach Texten von Papst Johannes Paul II. Ihre Art, zu missionieren?

Überhaupt nicht. Eigentlich geht es in den Gedichten auch nicht um Religiöses, sondern um allgemeingültige Dinge; um Gerechtigkeit, um Liebe, um Freiheit, um Mitmenschlichkeit. Karol Wojtyla, das hat ihn auch für mich so außergewöhnlich gemacht, war eigentlich ein ganz normaler Mensch, einer wie du und ich, und so blieb er auch später, als Papst. Das habe ich sehr an ihm bewundert.

Würden Sie Ihre Karriere als Bestimmung sehen?

Absolut, ja.

Wie viele persönliche Opfer mussten Sie dafür bringen?

Viele. Aber in erster Linie hat sich meine Familie für diese Karriere aufgeopfert. Meine Frau und meine drei Söhne haben sich sehr zurücknehmen müssen, um mir den Rücken freizuhalten. Ich war viel unterwegs, selten zu Hause. Meine Kinder mussten mir hinterherreisen, um mich überhaupt sehen zu können. Aber wenn du eine Gabe hast, die du an andere weitergeben kannst, dann musst du das auch tun. Gott sei Dank hat meine Familie das verstanden, und sie sind die Ersten, die meine Kunst lieben.

Wenn Sie Ihr Leben nun noch einmal leben dürften - würden Sie alles wieder genau so machen?

Genau so. Mit allen Fehlern. Denn erst durch Fehler machst du die nötige Erfahrung.

Interview Nahuel Lopez

Quelle: F.A.S.
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