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„Pique Dame“ in Salzburg : Die Zerstörung des Opernhelden

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Ich bin vergiftet, bin verliebt: Brandon Jovanovich als Hermann (links) bedrängt Evgenia Muraveva als Lisa. Bild: EPA

Mariss Jansons dirigiert „Pique Dame“ von Peter Tschaikowsky in einer traumspielhaften Inszenierung von Hans Neuenfels. Kleine Rollen gibt es in dem Stück nicht.

          „Eine russische Carmen, aber prachtvoller!“ Darum hatte der Direktor der Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg 1889 Peter Tschaikowsky gebeten, der dann mit „Pique Dame“ den Wunsch nach einer russischen „Carmen“ versteckt erfüllte: durch die Chiffre der Karte, die den Tod bedeutet. Die dritte Opernpremiere des Salzburger Festspielsommers geriet zum Triumph für den Dirigenten Mariss Jansons an der Spitze der Wiener Philharmoniker. Eher gedämpft klang der Beifall für Regie-Altmeister Hans Neuenfels, der das gespenstische Stück nach Alexander Puschkins gleichnamiger Novelle als Collage von faszinierenden wie irritierenden Bildern als Traumwirklichkeit auf die Bühne brachte.

          Im Mittelpunkt des Spieler-Dramas steht ein abgründiger, obsessiver Charakter. Der Offizier Hermann ist Außenseiter in doppelter Hinsicht: unter seinen Offizierskameraden wegen seiner deutschen Herkunft und als Habenichts, der um der Anerkennung und des Geldes wegen alles auf die tödliche Karte setzt, die ominöse Pique Dame. Der Offizier Tomski erzählt seinen Freunden von einer einst in Paris als „Vénus moscovite“ bewunderten Gräfin, die von einem Grafen als Liebeslohn von drei Karten – drei, sieben und Ass – erfuhr, durch die sie beim Spiel immer gewann. Eines Nachts erscheint ihr ein Geist und droht: „Du wirst einen tödlichen Schlag erhalten vom Dritten, der – in leidenschaftlicher Liebe entbrannt – kommt, um von dir mit Gewalt zu erfahren die drei Karten, drei Karten, drei Karten!“

          Die Worte „tri karty“ brennen sich ein in Hermanns Phantasie und werden zu seiner Idée fixe. Er dringt in das Zimmer der Gräfin ein, die, von ihm mit der Pistole bedroht, tot zusammensinkt. Diese Szene wird, weil ins grelle Licht eines Angsttraumes gehüllt, zur düstersten des Dramas, das sich durch das Bühnenbild von Christian Schmidt und die bizarren Kostüme von Reinhard von der Tannen auf einer metarealistischen Ebene abspielt.

          Der Komponist schrieb die Oper mit seinem Leben

          Die gesamte Handlung der Oper vollzieht sich im Dunkel eines Raums vor einer hohen Rückwand und zwei Seitenwänden. In diesen Grundraum werden die abrupt wechselnden Bilder des Geschehens verortet: der an „Carmen“ erinnernde chorische Auftritt von Kindern; die von dunklen Ahnungen beschwerte erste Begegnung zwischen Hermann und der mit dem Fürsten Jelezki verlobten Lisa, die sogleich von den fanatisch glühenden Blicken Hermanns gebannt ist, der in ihr das Mädchen wiedererkennt, das beim ersten Blick in ihm eine amour fou ausgelöst hat; der Maskenball im Hause eines Würdenträgers und das in die Welt des Ancien Régime zurückkehrende Schäferspiel; das ziellose Schweifen des mit leeren Bewegungen seinem Tod am Spieltisch entgegeneilenden Hermann, dem kurz der Geist der Gräfin begegnet, die ihn auffordert, Lisa zu heiraten und die ominösen „tri karty“ nennt. Dass der Komponist sich mit der von Ängsten gequälten Figur des Hermann identifizierte – er hat, wie er bekannte, bittere Tränen bei der Komposition geweint –, deutet an, dass er, selber durch seine angstvoll beschwiegene Homosexualität ein existentieller Außenseiter, die Oper mit seinem Leben schrieb.

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