24.04.2010 · Der berühmteste Geheimtipp der Musikwelt: Der Pianist Grigorij Sokolov wirft uns auf die großen Rätsel der Musik zurück. In Heidelberg gab er mit Schumann, Brahms und Bach eine faszinierende Probe seiner Kunst.
Von Julia SpinolaGrigorij Sokolov ist einzigartig. Ein Pianist, dessen Genie die Möglichkeiten der Kategorisierung, des stilistischen Vergleichs und der metaphorischen Umschreibung auf so radikale Weise zu sprengen scheint, dass man sich beim Versuch einer Annäherung an seine Größe zunächst einmal schmerzhaft zurückgeworfen sieht auf die nicht einzulösende Notwendigkeit, für dieses pianistische Phänomen eine eigene Sprache erst erfinden zu müssen. Eine Kluft tut sich auf zwischen dem Kosmos des Gehörten und der Welt des Begriffs, kaum dass der letzte Ton im Konzertsaal verklungen ist. Das Werk, das sich noch Sekunden vorher in seiner ganzen, sinnlich fassbaren Bedeutungsfülle mit größter Logik offenbarte - mit beinahe kokett zu nennender Selbstverständlichkeit, als wolle es sagen: Hört alle hin, das bin ich! Und niemals war ich jemand anderes und werde nie ein anderer sein! -, dieses Lebewesen aus Klang und Farbe, Duft und Bewegung verschließt sich dann wie eine Auster und hüllt jenes Geheimnis seiner Vollkommenheit, dem man sich gerade eben noch so nah wie selten glaubte, aufs Neue in undurchdringliches Dunkel.
Natürlich, strenggenommen kann man eine ähnliche Erfahrung nach jeder musikalischen Aufführung machen, die im emphatischen Sinne gelungen ist. Doch Sokolovs Klavierspiel wirft einen ungleich stärker als das seiner lebenden Kollegen auf die großen Rätsel der Musik zurück.
Pianistischer Guru mit Feingeist
Schon tappt man in eine der allerorten bereitstehenden Klischeefallen eines allzu ungenauen, missverständlichen und inflationären Sprachgebrauchs: Geheimnis, undurchdringliches Dunkel. Soll also daraus folgen, dass man es hier mit einem Mystiker zu tun hätte, mit einem pianistischen Guru, dessen esoterische Kunst nur selbstberufenen Eingeweihten zugänglich wäre, der den Feingeist zelebrierte und zum Selbstzweck erhöbe?
Tatsächlich gilt ja Grigorij Sokolov, ein stiller Verweigerer des großen Starkarussells wie auch der Zumutungen der Phonoindustrie, nach wie vor ein wenig als Geheimtipp der Klavierbegeisterten. Und es wächst die Schar seiner ihm bisweilen ganze Tourneen über hinterherreisenden Verehrer vehement, so dass sein letzter Berliner Soloabend nicht wie zuvor im Kammermusiksaal, sondern im großen Saal der Philharmonie stattfand. Die Prominenz eines Pollini oder Brendel genießt er aber noch nicht, und das, obwohl er vergangene Woche seinen sechzigsten Geburtstag feiern konnte.
Jene Aura des Geheimnisses jedoch, die Sokolovs Auftritte umgibt, hat nicht im Entferntesten etwas mit den gängigen Strategien der Imagebildung zu tun, sondern vielmehr mit dem genauen Gegenteil: einer so ernsthaften, besessenen, ja radikalen Konzentration auf die Wahrhaftigkeit des musikalischen Ausdrucks, dass der Interpret als Vermittlungsinstanz hinter den gespielten Werken fast ganz zu verschwinden scheint.
Irrwitzige und folgerichtige Bilderflut
Sokolov verschmilzt auf ungewöhnliche Weise mit seinem Instrument. Entlockt ihm eine schier unerhörte Fülle an Farben, dynamischen Schattierungen und Klangtexturen, wie man sie dem besten Steinway nicht zutrauen würde. Doch nicht dies macht die Größe seines Spiels aus, auch nicht die seit einem Samuel Feinberg, einem Vladimir Sofronitzky und einem Moritz Rosenthal kaum je vernommene Kunst des Rubatos oder jene gleichsam argumentierende, den Verlauf beredt gliedernde Rhetorik, die an die unbeirrbare Klarheit eines Svjatoslav Richter erinnert. Die eigentliche Kunst Sokolovs liegt darin, dass ihm - auch darin ist er freilich ein legitimer Erbe der Genannten - all dieses nie zum Zweck gerät, sondern stets als Mittel genauer Charakterisierung dient.
Die explodierende Gestaltenfülle in Schumanns Klaviersonate op. 14, die Sokolov in der Heidelberger Stadthalle in der selten zu hörenden fünfsätzigen Urfassung mit beiden Scherzi spielte, entfaltete sich als multiperspektivisches Panorama einer strengstens konstruierten Bilderflut: irrwitzig und folgerichtig zugleich. Der Sprödigkeit der späten Brahms-Fantasien op. 116 wurde in einem Klang, der jenen eines ganzes Orchesters zu evozieren schien, mit größter Selbstverständlichkeit die Zunge gelöst zur schockierend unumwundenen Rede: ingrimmig aufbegehrend in den Capriccios, von zartem Mondlicht übergossen in den Intermezzi.
Ästhet oder Exzentriker?
Und Bachs c-Moll-Partita erweckte das polyphone Geflecht der Stimmen in einer den kinetischen Impulsen der Tonfiguren genau abgelauschten Freiheit des Tempos bei völliger Unabhängigkeit der Hände in einer Weise zum Leben, dass die Musik zu schweben begann. Ein Zauber aus Bewegung und Klang. Ein über die Begrenzungen die Sinne synästhetisch hinausdrängendes Wunder.
Nach diesem fordernden Programm kehrten Farbe und Leben zurück in Sokolovs Gesichtszüge. Die Musik jedoch hörte nicht auf zu klingen in ihm, und so spielte er noch sechs Zugaben: Chopin-Préludes, als seien sie ihm eben eingefallen, und späten Skrjabin, der alle Klangmaterialität endgültig in stratosphärisches Glitzern und Funkeln auflöste. Wäre das Publikum nicht irgendwann zu seinen reservierten Restauranttischen aufgebrochen, hätte Sokolov womöglich die ganze Nacht noch weitergespielt.
Noch scheiden sich die Kritikergeister an diesem Pianisten: Ist er nun ein Ästhet oder ein Exzentriker, ein klug kalkulierender Feingeist oder ein Besessener, Poet oder Berserker? Er ist dies alles und noch unendlich viel mehr, je nachdem, was die Musik gerade von ihm verlangt. Er ist Sokolov. Ein außerordentlicher Künstler.