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Pianist Igor Levit Eine große Erschütterung

03.05.2010 ·  Igor Levit hat noch nicht einmal sein Examen, doch auch ohne diese Noten ist jetzt schon klar: Dieser junge Mann hat nicht nur das Zeug, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Er ist es schon.

Von Eleonore Büning
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Vor sechs Jahren hörte ich Igor Levit zum ersten Mal. Da war er siebzehn, ein kleiner, runder Mensch und unfassbar schwatzhaft. Mischte sich überall ein, erzählte unkomische Witze, wusste zu jedem Thema etwas zu sagen. Nur wenn es am Flügel saß und spielte, hörte dieses dicke Kind vorübergehend auf, zu reden.

Levit spielte Beethoven, Schumann und, sehr ungewöhnlich für ein Wettbewerbsprogramm, Regers „Bach-Variationen“. Kein Virtuosenklimbim. Zu diesem kleinen herbstlichen Klavierwettbewerb in Bad Kissingen darf sowieso nur antreten, wer schon mal irgendwo anders gewonnen hat, und jeder Kandidat entscheidet selbst, was er vorträgt – das macht die Sache überschaubar, im Unterschied zu den großen, internationalen Piano-Competitions, bei denen Hundertschaften erstklassig abgerichteter Klavierkinder aus aller Welt durchs Pflichtprogramm rattern. Außer der entspannten Gelassenheit, mit der Levit vom Clown zum Musterknaben mutierte, und seiner fast gespenstischen Perfektion ist mir auch noch ein sehr schönes, weiches Legatospiel in Erinnerung. Er errang den zweiten Preis. Dritte in Kissingen wurde die niedlich-kindliche Alice Sara Ott aus München. Ein junger Mann namens Martin Stadtfeld, der seinen eigenen Klavierhocker mitgebracht hatte, ging leer aus, wurde aber vom Fernsehen interviewt, da er als Einziger schon einen Plattenvertrag hatte.

Rückblickend können sich die Kissinger also auf die Schulter klopfen und sagen: Ein toller Jahrgang. Frau Ott ist heute bei der Deutschen Grammophon unter Vertrag, der sympathische Herr Stadtfeld berufsjugendlicher Hauspianist der Sony. Igor Levit aber, im Unterschied zu den Otts und den Stadtfelds und all den anderen netten, schmiegsamen, gutaussehenden Notenabspielern, die für eine Weile von der PR-Maschine nach oben gespült werden, hat das Zeug dazu, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Besser gesagt, er ist es schon.

Ein großer, singender Ton

Was zeichnet große Pianisten aus? Dass sie schwierigste Literatur tadellos bewältigen, das natürlich auch. Aber vor allem: Dass sie etwas vom Leben verstehen und davon, wie es sich spiegelt und aufgehoben ist in Aufbau und Struktur, Geschichte und Aussage der Musik; so, dass sie die Stücke, die sie spielen, aufklappen können, wie man ein Buch aufklappt und darin liest, und dass sie uns deren Geschichte erzählen, als wäre sie gerade eben neu passiert, so, dass wir alles leicht begreifen, mit den Ohren und mit den Herzen.

Zufällig traf ich Igor Levit kürzlich wieder, Mitte April, am anderen Ende der Welt. Anfangs wusste ich nicht einmal, wer der Pianist war, der da bei der „International Music Week“ in Jinan, im östlichen China, an einem wie Apfelmus klingenden Kawai-Flügel Lieder von Schubert und Sonaten von Mozart begleitete. Levit gehörte, quasi als Mädchen für alles, zu einer jungen Musikertruppe, die mit der Intendantin des Kissinger Sommers in der Provinz Shandong unterwegs war, um als kulturpolitische Botschafter der Partner-„Provinz“ Bayern Pionierarbeit zu leisten. Das Konzert fand statt im Kongresszentrum eines Hotels, weil Jinan noch keinen Konzertsaal hat, und der schlanke, lange Jüngling, der mit dem runden Kind von einst nicht die geringste Ähnlichkeit mehr hatte, entlockte dem Kawai einen großen, singenden Ton oder doch zumindest die Ahnung davon.

Levit ist jetzt 23, er ist erwachsen. Er spielt Mozart mit einer fließenden, tänzerischen Leichtigkeit und konzentrierter Inbrunst. So verwachsen ist er mit diesem armseligen Instrument, als sei jeder Begleitakkord, den er greift, selbst noch die banalste Kadenz, eine bedeutsame Angelegenheit, etwas, das dringend gesagt werden müsse. Erzählt aber auch (daran hatte sich nichts geändert, wie ich später am Abend erfuhr) immer noch gerne sinnlose Witze, über die er selbst dann heftig jokermäßig lachen muss, mit seinem großen, strahlenden Cadillac-Kühlergrill-Gebiss.

Levit ist ein Mensch mit einer Tag- und einer Nachtseite, halb Walt und halb Vult. Er kommt nicht zur Ruhe, er ist ein wandelndes Zwei-Personen-Stück. Und nie kann man sich ganz sicher sein, ob es sich dabei um eine Komödie handelt oder um eine Tragödie. Wirklich ernst ist er nur, wenn es um Musik geht.

Könnerschaft auf schiefen Tasten

Zum Abschluss spielte Levit dann noch ein Solo, die große C-Dur-Sonate op. 53, genannt „Waldstein“, von Ludwig van Beethoven. Nicht nur der Kawai kann gar nicht glauben, was ihm da widerfährt. Eine große Erschütterung. Das chinesische Publikum, nicht gewöhnt an solcherart subjektive, zugleich wuchtige und zartinnige Musik, hält die Luft an und legt ein paar Schweigesekunden ein. Vier Tage später, in einem ungeheizten, ziemlich verdreckten Konzertsaal in Qingdao, der zwar über keine benutzbaren Klos, aber über eine mezzoforte brummende Verstärkeranlage verfügt, steht ein total verstimmter Baldwin-Flügel, bei dem eine Taste in der eingestrichenen Oktave defekt ist. Levit findet das ulkig. „Alle möglichen Töne klingen gleichzeitig, wenn ich die Taste anschlage und das Pedal drücke, nur nicht das As.“ Auch das eingestrichene B scheppert. Abends, als sich herausstellt, dass der versprochene Klavierstimmer nicht erschienen ist, wäre der Augenblick gekommen, wo jeder Pianist das Konzert absagen würde. Igor Levit aber spielt für die in Wintermäntel eingemummelten Chinesen, er ändert nur kurz entschlossen das Programm. Spielt nicht Beethoven, stattdessen sieben der extravaganten transzendentalen Etuden von Franz Liszt. Sind falsche Töne bei Liszt nicht so schlimm?

„Ich musste ein Opfer bringen, das war doch klar“, verteidigt sich Levit später. „Die heiligste Stelle in ,Waldstein ist diese Moll-Passage im zweiten Satz, mit der verminderten Quinte, da brauche ich das As. Das geht gar nicht mit diesem Flügel, das wusste ich. Bei Liszt aber wusste ich nicht, was passieren wird. Es war ein Experiment. Ich habe diese Etuden schon länger drauf, aber ich hatte sie noch nie öffentlich gespielt.“ Also: Ein Debüt. „Draufhaben“ heißt bei Levit: auswendig spielen. Als das Debüt vorbei ist, ein Rausch aus Licht und Farben, sind alle sprachlos und aufgelöst.

Musikalische Überwältigung

Wir haben uns umarmt und geschnieft, einer von den Musikern flüsterte immer nur so etwas wie „nicht zu fassen“, und Levit fiel, nachdem er auf dem Flur all die dahingestammelten Komplimente entgegengenommen hatte, in komischer Verzweiflung auf die Knie und weinte fast ein bisschen mit. Was war geschehen? Die konkrete Kakophonie falscher Töne hatte plötzlich keine Rolle mehr gespielt. Darüber oder dahinter hatte sich ein abstrakter Raum aufgeschlossen, darin Levit die musikalische Poesie entfaltete, die in jedem einzelnen dieser Charakterstücke steckt. Wie oft werden Liszts großartige, rätselhafte Etuden nur bewältigt, nicht gelesen, nicht interpretiert! Wie vielen Pianisten reicht es aus, diesen Parcours nur einigermaßen unfallfrei hinter sich zu bringen!

An den vier folgenden Abenden spielte Levit außer „Waldstein“ und Liszt noch das fünfte Beethovensche Klavierkonzert sowie Schuberts mächtige „Moments Musicaux“. Er übernahm auch das Lied- und Sonatenbegleitprogramm der beiden Pianistenkollegen, die nach ihm hätten einfliegen sollen, aber aus Vulkanaschegründen irgendwo steckengeblieben waren. Kein Problem für Levit. Er hat das absolute Gehör, außerdem sind Vom-Blatt-Spielen und Kammermusik sowieso seine Leidenschaften von Kindesbeinen an. Er erinnert sich: Mit acht oder neun Jahren habe er, statt zu üben, immer alles Mögliche aus dem elterlichen Notenschrank geholt und durchgespielt, nicht nur Klaviersachen, auch Trios, Quartette, Symphonien, ganze Opern. Die Repertoireliste von Igor Levit ist unglaublich lang für einen Noch-Studenten, und länger als die Liste der reinen Klavierstücke ist die der Kammermusiken. Das können nicht viele Pianisten von sich sagen.

Die Musik entsteht im Kopf

Geboren in Gorki, dem heutigen Nischnij Nowgorod, erhielt Igor Levit seine erste Unterweisung am Klavier im Alter von drei Jahren durch seine Mutter, Elena Levit, die ihrerseits eine Schülerin war von Berta Marantz, die bei dem legendären Heinrich Neuhaus studiert hatte. Levit ist also ein später Sprössling der russischen Klavierschule, Urenkelschüler von Neuhaus. Er selbst sieht das nicht so. Er habe, sagt er, von der eigenen Mutter abgesehen, immer nur deutsche Lehrer gehabt. Als Igor acht Jahre alt war, siedelte die Familie von Nowgorod nach Hannover über, wo an der Musikhochschule gerade eine Abteilung zur Förderung hochbegabter Kinder gegründet wurde. Seine Mutter führt dort heute selbst eine Klavierklasse. Igor studierte erst bei Karl-Heinz Kämmerling, dann bei Matti Raekallio und in Salzburg bei Hans Leygraf, heute bei Raekallio und Bernd Goetzke. Außerdem arbeitet er manchmal mit Andreas Staier. Warum so viele Lehrer gleichzeitig? „Es gibt mehr Möglichkeiten.“

Auf der Busfahrt von Jinan nach Qingdao probt Levit mit sich selbst. Er geht virtuell noch einmal das fünfte Beethovenkonzert in Es-Dur durch, das er am Abend spielen soll, aber erst zweimal vorher gespielt hat. Die Noten auf den Knien, die Tasten im Sinn, eine fremde Aufnahme (mit Alfred Brendel) im Kopfhörer. Levit sagt: „Ich lerne ein neues Stück zuerst immer ohne Klavier aus den Noten. Ich trage es mit mir herum im Kopf, manchmal dauert das ewig, Monate. Man muss es doch kennen, bevor man es spielt. Wenn ich mich dann hinsetze und es zum ersten Mal spiele, ist es nicht das erste Mal.“ Die Musik entsteht bei Levit im Kopf, nicht an den Tasten. Bei den meisten angehenden jungen Pianisten, auch den hochbegabten, ist es genau umgekehrt.

Genau das macht den Unterschied aus. Es gibt Leute, die haben dieses Potential bereits erkannt. Jasper Parrott zum Beispiel, von der höchst effektiven Londoner Agentur Harrison Parrott, wurde auf Levit aufmerksam bei einem Konzert mit dem English Chamber Orchestra. Er nahm ihn unter Vertrag, die ersten großen Termine für die Saison 2011 und 2012 sind schon eingefädelt. Die Ponto-Stiftung hat Levit unterstützt, die Stiftung Deutsches Musikleben, ein Mäzen stellte ihm einen Steinway-D-Konzertflügel zur Verfügung. Noch gibt es keine Plattenaufnahme. Aber es gibt eine Website und ein im Studio produziertes Tape mit Beethovens „Diabelli-Variationen“ op. 120, das nur noch auf ein Label wartet. In drei Wochen, am 20. Mai, macht Igor Levit in Hannover sein Konzertexamen. Er wird Diabelli spielen, außerdem den Liederzyklus „Das Rot“ von Wolfgang Rihm und Schuberts „Moments Musicaux“. Das Konzert ist öffentlich.

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Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

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