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Pianist Igor Levit : Eine große Erschütterung

Noch die banalste Kadenz spielt er wie eine bedeutsame Angelegenheit, die unbedingt erzählt werden muss: Igor Levit Bild: Harrison/Parrot

Igor Levit hat noch nicht einmal sein Examen, doch auch ohne diese Noten ist jetzt schon klar: Dieser junge Mann hat nicht nur das Zeug, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Er ist es schon.

          Vor sechs Jahren hörte ich Igor Levit zum ersten Mal. Da war er siebzehn, ein kleiner, runder Mensch und unfassbar schwatzhaft. Mischte sich überall ein, erzählte unkomische Witze, wusste zu jedem Thema etwas zu sagen. Nur wenn es am Flügel saß und spielte, hörte dieses dicke Kind vorübergehend auf, zu reden.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Levit spielte Beethoven, Schumann und, sehr ungewöhnlich für ein Wettbewerbsprogramm, Regers „Bach-Variationen“. Kein Virtuosenklimbim. Zu diesem kleinen herbstlichen Klavierwettbewerb in Bad Kissingen darf sowieso nur antreten, wer schon mal irgendwo anders gewonnen hat, und jeder Kandidat entscheidet selbst, was er vorträgt – das macht die Sache überschaubar, im Unterschied zu den großen, internationalen Piano-Competitions, bei denen Hundertschaften erstklassig abgerichteter Klavierkinder aus aller Welt durchs Pflichtprogramm rattern. Außer der entspannten Gelassenheit, mit der Levit vom Clown zum Musterknaben mutierte, und seiner fast gespenstischen Perfektion ist mir auch noch ein sehr schönes, weiches Legatospiel in Erinnerung. Er errang den zweiten Preis. Dritte in Kissingen wurde die niedlich-kindliche Alice Sara Ott aus München. Ein junger Mann namens Martin Stadtfeld, der seinen eigenen Klavierhocker mitgebracht hatte, ging leer aus, wurde aber vom Fernsehen interviewt, da er als Einziger schon einen Plattenvertrag hatte.

          Rückblickend können sich die Kissinger also auf die Schulter klopfen und sagen: Ein toller Jahrgang. Frau Ott ist heute bei der Deutschen Grammophon unter Vertrag, der sympathische Herr Stadtfeld berufsjugendlicher Hauspianist der Sony. Igor Levit aber, im Unterschied zu den Otts und den Stadtfelds und all den anderen netten, schmiegsamen, gutaussehenden Notenabspielern, die für eine Weile von der PR-Maschine nach oben gespült werden, hat das Zeug dazu, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Besser gesagt, er ist es schon.

          Noten auf den Knien, Tasten im Sinn: Igor Levit probt auf einer Busfahrt in China Beethoven. Die Zuhörer im Konzert werden weinen vor Glück.

          Ein großer, singender Ton

          Was zeichnet große Pianisten aus? Dass sie schwierigste Literatur tadellos bewältigen, das natürlich auch. Aber vor allem: Dass sie etwas vom Leben verstehen und davon, wie es sich spiegelt und aufgehoben ist in Aufbau und Struktur, Geschichte und Aussage der Musik; so, dass sie die Stücke, die sie spielen, aufklappen können, wie man ein Buch aufklappt und darin liest, und dass sie uns deren Geschichte erzählen, als wäre sie gerade eben neu passiert, so, dass wir alles leicht begreifen, mit den Ohren und mit den Herzen.

          Zufällig traf ich Igor Levit kürzlich wieder, Mitte April, am anderen Ende der Welt. Anfangs wusste ich nicht einmal, wer der Pianist war, der da bei der „International Music Week“ in Jinan, im östlichen China, an einem wie Apfelmus klingenden Kawai-Flügel Lieder von Schubert und Sonaten von Mozart begleitete. Levit gehörte, quasi als Mädchen für alles, zu einer jungen Musikertruppe, die mit der Intendantin des Kissinger Sommers in der Provinz Shandong unterwegs war, um als kulturpolitische Botschafter der Partner-„Provinz“ Bayern Pionierarbeit zu leisten. Das Konzert fand statt im Kongresszentrum eines Hotels, weil Jinan noch keinen Konzertsaal hat, und der schlanke, lange Jüngling, der mit dem runden Kind von einst nicht die geringste Ähnlichkeit mehr hatte, entlockte dem Kawai einen großen, singenden Ton oder doch zumindest die Ahnung davon.

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