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Philippe Jaroussky : Eisblumenstrauß

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Bezaubert, jedoch durch die Kühle der Kunst: Der unnahbare Countertenor Philippe Jaroussky. Bild: Picture-Alliance

Vorbei scheinen die Zeiten, in der die Stimme an das Geschlecht gebunden sein muss: Das zeigt sich bei Countertenor Philippe Jaroussky in der Elbphilharmonie.

          Selbst die etwa siebzig Plätze auf dem Podium waren besetzt, als er wieder in die Hamburger Elbphilharmonie einschwebte: Philippe Jaroussky, gerühmt als „der Engel, der mit seiner Stimme betört“. Schon bei der Eröffnung des Saales hatte der französische Countertenor das Publikum mit Inbrunst verzaubert, als er in Giulio Caccinis Madrigal „Amarilli, mi bella“ mit keuschen Tönen von „del cor desio“ sang. Diesmal hatte er einige der Arien mitgebracht, die auf seiner neuesten CD mit Musik von Georg Friedrich Händel zu hören sind. Mit diesem Programm zieht er samt dem von ihm gegründeten Ensemble „Artaserse“ – so der Titel eines von neunzig Komponisten vertonten Librettos von Pietro Metastasio – gerade durch ganz Europa. Was geschieht, wenn er als Ezio die Geliebte bittet, ihre zärtlichen Gefühle für ihn zu wahren, oder wenn er in der Gleichnis-Arie des Radamisto – „Vile, se mi dai vita“ – den Heroismus der Schwäche besingt? Die Arie hat Händel in die Oper erst eingeführt, als er der ursprünglich für einen Mezzosopranistin (Margherita Durastanti) geschriebenen Partie eine neue Fassung gab: für den Kastraten Senesino, bei dem der Musikchronist Charles Burney das „thundering of his divisions“ bewunderte, das „Donnern der Koloraturen“.

          Jaroussky steht, schwarz gekleidet, wie ein Ephebe auf der Bühne. Zum Donnern ist seine zarte Stimme nicht geschaffen. Aber mit dieser kristallin-klaren und sopranhellen Stimme bringt er das Publikum zu einem lauten, gelegentlich auch vorlauten Bravo-Gebrüll, selbst dann, wenn er in der unirdisch-schönen Arie „Ombra cara“ mit höchster Kunstfertigkeit einen Ton aus dem Nichts entstehen und anschwellen lässt; wenn er eine aus Seide gesponnene Phrase mit einem Triller beendet, um den ihn viele Soprane beneiden müssten.

          Was ist da nur geschehen? In der Zeit, als er geboren wurde, musste ein Countertenor sich sagen lassen: „Come on, boy, stand up and sing like a man.“ Die Zeit der Hegemonie des Novus-Hercules-vulgo-Tenors, ist, so scheint es, abgelaufen. Die Helden zarter Töne haben ihre eigene Welt geschaffen. Es ist eine Welt von höchster Künstlichkeit, in der die Stimme nicht mehr an ein Geschlecht gebunden sein muss, sondern mann-weiblich sein darf. Aber kann der Gesang dann noch, wie Richard Wagner sagte, die „in höchster Leidenschaft erregte Rede, die Sprache der Leidenschaft“ sein? Wohl kaum. Bei Jaroussky liegt der Ausdruck darin, dass er auf Ausdruck – sei es mimisch, sei es naturalistisch-imitatorisch – weitgehend verzichtet. Die prunkenden barocken Affektformeln zeigt er wie Andenken hinter Glas. Es die Kühle der Kunst, durch die er bezaubert, wenn auch nicht verzaubert.

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