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„Così fan tutte“ in New York : Wie ist das Verhältnis von Ton und Unterton?

In diesem Garten der Lüste ist sexuelles Fehlverhalten arbeitsrechtlich ausgeschlossen: „Così fan tutte“, inszeniert von Phelim McDermott an der Met Bild: Marty Sohl/Met Opera

Mit einer Klage möchte der wegen sexuellen Missbrauchs entlassene Dirigent James Levine seine Probleme lösen. Die Metropolitan Opera bringt derweil zwei seiner Lieblingsstücken ohne ihn heraus.

          Er lebte für die Kunst: Die Karriere von James Levine an der Metropolitan Opera in New York, wo er mehr als 2500 Vorstellungen dirigierte, begann im Juni 1971 mit Puccinis „Tosca“. In der laufenden Spielzeit hätte sich der 1943 geborene Dirigent, der seit 2016 den Titel Music Director Emeritus trug, im riesengroßen Haus im Lincoln Center neuerlich der Oper über die mörderische Rache der Diva widmen sollen. Vierzehn Aufführungen waren vereinbart, für die eine Abendgage von je 27.000 Dollar fällig geworden wäre, zusätzlich zu den 400.000 Dollar, die Levine jährlich als Emeritusbezüge zustanden. Diese Zahlen finden sich in der Klage, die Levine am 15. März bei der Zivilgerichtsbarkeit des Bundesstaats New York gegen seinen Arbeitgeber einreichte. Einer seiner Anwälte hat auch schon Harvey Weinstein und Woody Allen vertreten. Die Met hat Levine am 12. März mit sofortiger Wirkung entlassen, nachdem sie ihn am 3.Dezember 2017 freigestellt hatte – für die Dauer einer Untersuchung von Vorwürfen sexueller Belästigung von Minderjährigen, die einen Tag vorher in zwei Zeitungsartikeln öffentlich gemacht worden waren.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Levines Anwälte machen nun geltend, dass sein Arbeitsvertrag keine Klausel enthalte, der eine Kündigung wegen Fehlverhaltens erlauben würde. Außerdem behaupten sie, dass es kein Fehlverhalten gegeben habe. Die Untersuchung, mit der eine Anwaltskanzlei beauftragt worden war, erbrachte nach Angaben der Met „glaubwürdige und erhärtete Beweise für sexuelles Fehlverhalten“ Levines „während seiner Zeit an der Met und vorher“. Das Publikum erfährt nicht, welcher Art die Vergehen gewesen sein sollen und welchen Zeitraum innerhalb der 46 Jahre Levines am Pult der Met sie betreffen.

          Die Klageerwiderung wird Details bieten müssen. Aber schon die knappe Erklärung der Met-Anwälte bestätigt einen wesentlichen Vorwurf der Klägerseite über die Natur der Untersuchung, der sich Levine ausgesetzt sah: Vom Beschuldigten wurde verlangt, sich bei der Einvernahme durch die Privatermittler zu Vorwürfen vermeintlicher Opfer zu äußern, deren Namen ihm nicht mitgeteilt wurden.

          Levines Versuch, seinen guten Ruf wiederherzustellen, mag im Lichte dessen, was über ihn jahrzehntelang im kunstbetriebsüblichen Format des offenen Geheimnisses kursierte, wenig aussichtsreich erscheinen. Die kategorische Bestreitung der Vorwürfe bezieht sich, wie in solchen Fällen typisch, im Kern auf die normative und nicht auf die tatsächliche Seite. Soweit die Beschuldigungen bekannt sind, verneinen die Anwälte, dass in den Beziehungen zu jüngeren Männern Gewalt im Spiel gewesen sei. Dieser Gewaltbegriff mag juristisch tragfähig sein, blendet aber das Moment des Machtmissbrauchs in einem extremen hierarchischen Gefälle aus. Die öffentliche Verwendung des Arguments des Einvernehmens kann in der derzeitigen Stimmungslage auf den Beschuldigten zurückfallen.

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